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Im Münchner Olympiastadion wurden einige Schlachten zwischen 1860 München und Bayern München geschlagen
Im Münchner Olympiastadion wurden einige Schlachten zwischen 1860 München und Bayern München geschlagen © Getty Images
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Einst haben der FC Bayern München und 1860 München um die Gunst junger Stars gekämpft. Nach dem sportlichen Niedergang der Löwen ist daran nicht mehr zu denken.

Die Stadtderbys zwischen dem FC Bayern München und dem TSV 1860 München sind in den letzten Jahren rar geworden. Seitdem beide Mannschaften in unterschiedlichen Ligen spielen, gehören die Duelle der Vergangenheit an.

Die Rivalität lebt heute nicht mehr vom sportlichen Vergleich der beiden Klubs, sondern nur noch von gelegentlichen Sticheleien. Sie gingen zuletzt von den Bayern aus.

SPORT1 blickt zurück auf die Geschichte der Rivalität zwischen dem FC Bayern München und 1860 München.

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Der Ursprung für die Rivalität zwischen den beiden Vereinen liegt an den Gesellschaftsschichten, mit denen sie verwurzelt sind. Der FC Bayern ist in Schwabing ansässig. Es ist seit jeher der Stadtteil der gehobenen Schicht. Die Löwen stammen hingegen aus dem Arbeiterviertel Giesing.

Diese Unterschiede bei den Anhängern lassen sich nicht verleugnen. Doch ein klassischer Arbeiterverein war 1860 nie, auch wenn sich dieser Mythos bis heute hält. Denn bei den Löwen bestand die Vereinsführung stets aus Personen höherer Schichten. 1905 hatte beispielsweise der spätere Kronprinz Rupprecht von Bayern das Protektorat über den Verein übernommen.

Image des "Judenklubs" bleibt am FC Bayern haften

Während des aufkommenden Nationalsozialismus' zeigten die beiden Vereine unterschiedliche Haltungen. Während der FC Bayern schon immer als "Judenklub" bekannt war, kamen bei den Löwen vermehrt völkische Tendenzen auf. Die Bayern hatten mit Kurt Landauer einen jüdischen Präsidenten. Er blieb im Amt, bis Karl Fiehler von der NSDAP Münchner Oberbürgermeister wurde. Landauer trat noch am Tag der Wahl zurück. Trotz der Veränderungen an der Spitze blieb der Ruf des "Judenklubs" am FC Bayern haften, worunter das Ansehen des Vereins litt.

Bei einigen Stadtderbys zwischen 1860 München und dem FC Bayern München konnten die Löwen jubeln
Bei einigen Münchner Stadtderbys konnten die Löwen jubeln © Getty Images

1860 konnte hingegen von seiner Nähe zum Nationalsozialismus profitieren. Nach der Wirtschaftskrise im Jahr 1929 ging es für die Löwen finanziell abwärts. In den Jahren danach konnte der Verein die Tilgung des Kredits nicht mehr bewerkstelligen, den er für den Bau des Grünwalder Stadions aufgenommen hatte. Um die Zahlungsunfähigkeit zu verhindern, kaufte die Stadt München das Stadion schließlich. Seine akuten finanziellen Sorgen konnte der Verein damit vergessen machen.

Münchner Stadtderbys haben Einiges zu bieten

Auf dem Platz hatte es die Rivalität zwischen den Bayern und den Löwen in sich. 1915 entschied der FCB ein Stadtderby mit 9:4 für sich. 1994 endete eine Bundesligapartie nach sieben Gelben, zwei Roten und einer Gelb-Roten Karte mit 3:1 für die Bayern.

Es war nicht das einzige Spiel, in dem eine harte Gangart herrschte. 1919 musste ein Spiel sogar nach mehreren Tätlichkeiten abgebrochen werden.

1927 wurde sogar ein Ligaspiel zu einem Freundschaftsspiel degradiert. Der Grund: Das Spielfeld hatte nicht den Zustand, der für ein Ligaspiel vorausgesetzt wurde. Nachdem die 12.000 Zuschauer von der Entscheidung erfahren haben, stürmten viele von ihnen den Platz und das Spiel wurde abgebrochen.

Heute ist das Kräfteverhältnis zwischen den Bayern und 1860 eindeutig. Doch zeitweise war 1860 der erfolgreichere Verein. Er war in der Saison 1963/64 Gründungsmitglied der Bundesliga und konnte in der dritten Saison den Gewinn der Meisterschaft feiern. In jenem Jahr war der FC Bayern gerade einmal in die Bundesliga aufgestiegen. Für die Löwen blieb es der bislang einzige Meistertitel.

Zwei Legenden wären fast zu den Löwen gegangen

Der Erfolg der ersten Bundesliga-Jahre führte dazu, dass Franz Beckenbauer in seiner Jugend unbedingt für die Löwen auflaufen wollte. Dann kam es zu einer verhängnisvollen Begegnung: Beckenbauer lief damals für den SC München von 1906 auf. In einem Stadtduell gegen die Löwen hat er deren Spieler Gerhard König beleidigt. Als der Schiedsrichter bei der Partie im April 1958 einen Moment nicht hinsah, holte König aus und verpasste Beckenhauer eine Watschn. Der traf daraufhin die Entscheidung, eine Zukunft bei den Löwen abzuhaken. Beckenbauer wurde unter anderem durch seine Leistung bei den Bayern zum "Kaiser".

Auch der "Bomber der Nation", Gerd Müller, wollte einst zu 1860 wechseln. Man war sich schon einig, unter dem Vertrag fehlte nur noch die Unterschrift. Doch kurz vor dem Abschluss lockten ihn die Bayern mit einem reizvolleren Arbeitspapier. Die Rede ist davon, dass sie Müller nur eine Stunde vor seiner Einigung mit dem Rivalen abgeworben hätten.

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Zu Beginn der 1970er-Jahre kam der FC Bayern in die Erfolgsspur. Von 1972 bis 1974 gewann der Klub dreimal die Deutsche Meisterschaft in Folge. Die Löwen rutschten in der Zeit in die Regionalliga Süd (ab 1975 2. Bundesliga) ab, kämpften sich aber wieder zurück in die erste Liga. Danach ging es wieder bergab: Die Löwen spielten fast zehn Jahre in der Bayernliga (heute 3. Liga). Gegen Mitte der 1990er-Jahre ging es unter Trainer Werner Lorant wieder bis in die Bundesliga nach oben. 

1860 München rutscht bis in die viert Liga ab

Ab 2004 waren die Löwen nur noch zweitklassig. Mit dem sportlichen Niedergang kamen für die Sechziger auch finanzielle Probleme. Vor einiger Zeit ist der jordanische Investor Hasan Ismaik bei 1860 eingestiegen. Zuletzt gab es vermehrt Differenzen zwischen ihm und der Vereinsspitze.

Dann folgte der Schock: Weil er nicht die Lizenz für den Profifußball erhielt, musste der Klub in der Saison 2017/2018 in die vierte Liga zwangsabsteigen. So tief war der Verein bis dahin noch nicht abgerutscht.

Doch in der Regionalliga haben sich die Sechziger rehabilitiert und sind gleich in die 3. Liga aufgestiegen. Dort konnten sie sich in der nachfolgenden Saison mit Trainer Daniel Bierofka von der Abstiegsregion fernhalten.

Hasan Ismaik ist der Investor von 1860 München
Hasan Ismaik ist der Investor von 1860 München © Getty Images

1860 München und FC Bayern München hatten gemeinsame sportliche Heimat

Trotz der Rivalität teilten sich beide Vereine über viele Jahre die sportliche Heimat. Zunächst trugen sie im Grünwalder Stadion ihre Heimspiele aus, ab 1973 im Olympiastadion und anschließend in der Allianz Arena. Ursprünglich hat es sich bei der Allianz Arena um ein gemeinsames Bauprojekt gehandelt. Wegen finanzieller Probleme hatten die Löwen allerdings ihre Anteile an den Rivalen verkauft. Sie agierten danach nur noch als Mieter. 2017 wurde der Mietvertrag mit den Löwen gekündigt. Seitdem tragen sie wieder im Stadion an der Grünwalder Straße ihre Heimspiele aus.

Alleiniger Herr über die Allianz Arena zu sein, ist für die Bayern offenbar wichtig. Als sich der Auszug der Löwen abzeichnete, sagt Bayern-Präsident Uli Hoeneß: "Wir haben immer gesagt, dass wir die Kapelle bestellen, wenn 1860 auszieht, und die ist schon im Anmarsch." Eine Rückkehr in die Arena schließt 1860 unterdessen aus.

FC Bayern kommt 1860 München entgegen

Bei der vorzeitigen Auflösung des Mietvertrags ist der FCB seinem Lokalrivalen allerdings entgegengekommen. Man verzichtete unter anderem darauf, die angehäuften Mietschulden von den Löwen zu verlangen.

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Von finanziellen Problemen dieser Art ist der FC Bayern verschont geblieben. Der Rekordmeister erlebt derzeit eine seiner erfolgreichsten Phasen. Nur noch selten lässt der Klub seinen Konkurrenten im Kampf um die Meisterschaft den Vortritt. Mit seinen vergangenen Transfers hat der Verein aus der Säbener Straße immer wieder neue Maßstäbe gesetzt.

Die Allianz Arena war früher das Zuhause von FC Bayern München und 1860 München
Die Allianz Arena war früher das Zuhause beider Münchner Vereine © Getty Images

Das enorme Leistungsgefälle zwischen den Rivalen hält die Bayern nicht davon ab, gegen den Konkurrenten zu sticheln. In den Sozialen Netzwerken vermeidet der FCB, die Zahl 60 zu nennen. Stattdessen ist von 59+1 die Rede. Doch das scheint nicht mehr als eine harmlose Erinnerung an die Schlachten vergangener Tage zu sein.

Sportlich mussten sich die ersten Mannschaften der beiden Münchner Vereine schon lange nicht mehr gegeneinander beweisen. Das letzte "große" Stadtderby datiert aus dem Jahr 2008 – wie in den meisten Fällen mit dem besseren Ende für den FC Bayern. Von 204 Partien gingen 104 an die Rot-Blauen, 49 Mal haben die Weiß-Blauen gewonnen.

Zuletzt gab es nur noch Derbys zwischen Bayern II und den Löwen.

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