Lesedauer: 4 Minuten
teilenE-MailKommentare

In der Kolumne "Auf den Punkt" bewerten die SPORT1-Experten aus ihrer Sicht die aktuellen Themen im Fußball. In dieser Woche erklärt Marcel Reif, was für ihn wirklich hinter der Mentalitätsdiskussion bei Borussia Dortmund steckt.

Liebe Fußballfreunde, der Punkt ist:

Da ich immer noch versuche, als Journalist durch die Welt zu gehen und nicht als Küchenpsychologe, werde ich stutzig, wenn es darum geht, die Mentalität zu hinterfragen.

Das geht in Dortmund an der Sache vorbei. Oder man muss "Mentalität" anders definieren.

Anzeige

    -   Punkt 1: "Ich glaube, die Mannschaft hat ein 'charakterliches Problem'".

Wie meine ich das? Der Charakter der Spieler und ihre Art, Fußball zu spielen, sind noch nicht ausbalanciert für eine wirkliche Spitzenmannschaft. Den Eindruck habe ich.

Soll heißen: Spieler wie Hakimi, Sancho, Akanji – alle diese jungen Hochbegabten sind Spieler, um tolle Dinge zu kreieren.

Aber wenn der Gegner richtig dagegenhält und selber mit Wucht kommt, wo sind dann die Spieler, die die Mannschaft beruhigen?

Die sagen, jetzt machen wir nichts Großes, sondern: Einfach sauber hinstellen, die anderen rennen lassen bis sie müde sind, und dann kommen wir wieder.

Deswegen haben sie Witsel geholt, deswegen haben sie Hummels geholt.

In Frankfurt, als die Eintracht sich von den Zuschauern hat richtig anschieben lassen, da war Hummels schon ausgewechselt - und das reißt sofort ein Riesenloch.

Also lassen wir mal das Mentalitätsproblem: Wenn ihnen die Spieler ausfallen, die nicht nur fürs Feuerwerk zuständig sind, sondern auch fürs Löschen, dann werden sie immer wieder Probleme kriegen.

     -    Punkt 2: "Sammer ist der richtige Chefbaumeister"

Da Matthias Sammer einer der Chefbaumeister ist, weiß man, dass er solche "Mentalitätsspieler" sucht.

Der sagt: Wir brauchen Künstler, wir brauchen aber auch die, die für die Stabilität sorgen.

Deshalb haben sie Hummels und Witsel geholt.

Meistgelesene Artikel

Und ziemlich sicher sind sie noch nicht fertig mit dem Kader. Da sind sehr viele, sehr Junge, sehr Hochbegabte, die möglicherweise mal reinwachsen in die Rolle des Stabilisators.

Die Balance zu finden, daran arbeitet Favre jetzt. Sie sind gut beraten, die Ruhe zu beraten und nicht nach dem 5. Spieltag die Meisterschaft abzuhaken.

Die anderen werden auch noch ihre "Mentalitätsprobleme" kriegen.

     -    Punkt 3: "Weltfußballer des Jahres ist ein Etikettenschwindel"

Das Ding heißt doch 'Weltfußballer des Jahres' und nicht 'wer ist der beste Fußballer aller Zeiten'.

Sondern: Wer ist der beste Fußballer 2018/19?

Und beim besten Willen: Der FC Barcelona ist wie eine Schülermannschaft untergegangen gegen die Wucht des FC Liverpool; und nicht zuletzt auch dank eines Virgil van Dijk.

Also Freunde: Dann ist diese Auszeichnung Quatsch. Oder sie ist Etikettenschwindel. Der beste Fußballspieler der Welt im Jahr 2018/19 war für mich Virgil van Dijk. Weil er den FC Liverpool praktisch im Alleingang auf ein neues Niveau gehoben hat.

Er ist eine bestimmende Größe gewesen und für mich der spektakulärste Spieler, insofern verstehe ich die Wahl nicht.

     -    Punkt 4: "Jürgen Klopp hat sich noch einmal neu erfunden"

Jürgen Klopp nicht zum Welttrainer zu machen, hätte Mut oder Schwachsinn erfordert.

Er hat einen ganzen Verein auf links gedreht und hat ihn zum Erfolg im wichtigsten Wettbewerb im internationalen Fußball geführt.

Er hat eine Mannschaft wie Liverpool so ausbalanciert und so auf seine Linie gebracht, dass du in jedem Spielzug die Handschrift erkennst.

Jetzt das aktuelle Trikot von Borussia Dortmund bestellen - hier geht's zum Shop! | ANZEIGE

Und er hat sich selbst verändert. Wenn man jetzt Liverpool zuguckt, das hat mit dem früheren Dortmunder Junge-Hunde-Fußball nichts zu tun.

Er selbst hat sich in seinem Spektrum entwickelt.

Aber gucken sie einfach nach Liverpool, da fließt der Fluss Mersey - und da müssen sie immer gucken, ob da nicht gerade Jürgen Klopp übers Wasser wandelt.

Fragen sie die Leute in Liverpool, die werden ihnen das bestätigen.

Punkt.

Euer Marcel Reif

Marcel Reif ist nach rund 1.500 kommentierten Spielen eine Reporter-Legende.

Für seine Arbeit erhielt Reif unter anderem den "Grimme-Preis", den "Deutschen Fernsehpreis" und den "Bayerischen Fernsehpreis".

Seit Sommer 2016 begleitet Marcel Reif als Experte den CHECK24 Doppelpass auf SPORT1.

Nächste Artikel
previous article imagenext article image