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München - Jadon Sancho wird von Borussia Dortmund suspendiert und mit einer Geldstrafe belegt. Erinnerungen an Ousmane Dembélé und Pierre-Emerick Aubameyang werden wach.

Einhunderttausend Euro.

So viel Geld kostet Jadon Sancho die verspätete Rückkehr von der Nationalmannschaft in der vergangenen Woche laut Bild. Damit will Borussia Dortmund dem englischen Shootingstar ein schmerzhaftes Zeichen setzen, dass dieses Verhalten beim Vizemeister nicht zu tolerieren ist. Sancho musste im strömendem Regen eine Stunde lang Runden um das Trainingsgelände in Brackel drehen, anstatt wie gewohnt im heimischen Signal-Iduna-Park gegen Borussia Mönchengladbach zu zaubern.

"Jadon ist eigentlich ein anständiger und guter Junge, ich mag ihn. Aber er ist natürlich noch sehr, sehr jung, da geht es auch um das Lernen von absolut professionellem Verhalten", meinte Sportdirektor Michael Zorc am Samstag bei Sky. "Er ist sehr schnell groß geworden und testet ab und zu vielleicht auch die Grenzen aus - und dann sind wir dafür da, dann auch die Grenzen wieder zu setzen."

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Die Summe ist eine der höchsten Geldstrafen, die je in der Bundesliga verhängt wurden. Ob für den 19-Jährigen bei einem geschätzten Jahresverdienst von sechs Millionen Euro 100.000 Euro genug sind, um aus seinem Fehlverhalten nachhaltig zu lernen, wird sich zeigen.

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Erinnerungen an Dembélé und Aubameyang

Der BVB ist ein gebranntes Kind bei Sorgen mit talentierten, aber undisziplinierten Offensivstars.

Unvergessen bleibt das Theater um Ousmane Dembélé, der im Sommer 2017 tagelang nicht mehr zu erreichen war, als das Interesse des FC Barcelona bekannt wurde. Der Franzose trat in den Streik und ignorierte die Suspendierung und sechsstellige Geldstrafe durch den BVB, bis sein Wunsch nach einem Wechsel erfüllt war.

Ein halbes Jahr später machte es Pierre-Emerick Aubameyang seinem Kumpel nach. Der Gabuner wurde während seiner BVB-Zeit mehrmals mit Geldstrafen und Suspendierungen belegt, die Strafmaßnahmen hatten aber offenbar keine Wirkung. Aubameyang fiel so lange mit Disziplinlosigkeiten auf, bis die Dortmunder Bosse keine Wahl mehr hatten und ihn im Januar 2018 zum FC Arsenal transferierten. Bei Instagram bezeichnete sich "Auba" kurze Zeit später als "verrückter Junge".

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Hinterher stellten Hans-Joachim Watzke und Zorc klar, dass sich der Verein nie wieder durch Spieler erpressen lassen und Ego-Trips einzelner Profis nicht mehr dulden werde.

Sancho testet die Grenzen aus

Ob auch Sancho ein "verrückter Junge" ist, der womöglich seinen Wechsel erstreiken will, ist ungewiss. Bislang hat sich der Engländer, der in dieser Saison in sieben Spielen bereits drei Tore und sechs Vorlagen gesammelt hat, abgesehen vom aktuellen Vorfall kaum etwas zuschulden kommen lassen, das auch an die Öffentlichkeit gelangt ist.

Unter Ex-Coach Peter Stöger musste er in der Saison 2017/18 einmal in der U23 ran, nachdem er mehrmals zu spät zum Training erschienen war. In diesem Sommer fiel er mit harmloser Kritik an seinen Werten beim Videospiel-Klassiker FIFA20 auf, ansonsten lässt er vor allem auf dem Platz Taten sprechen.

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Dass der Flügelspieler kein Musterprofi ist, deutete Zorc allerdings bereits an. "So oft ist es nicht, aber es ist nicht das erste Mal", sagte er nach der Suspendierung. Auch Aubameyang und Dembélé zeigten zunächst kleinere Disziplinlosigkeiten, die sich dann aber steigerten und schließlich in der Wechselforderung gipfelten.

BVB rechnet mit Sancho-Abgang

So weit ist es noch lange nicht, auch wenn Sancho bereits mit einem Abschied vom BVB liebäugelt. Die Suspendierung für das Gladbach-Spiel sei viel mehr ein Zeichen an die Teamkollegen gewesen - auch weil Sancho laut kicker keine glaubhafte Entschuldigung für seinen um 24 Stunden verspäteten Trainingseinsteig nach der Länderspielpause liefern konnte.

"Wir haben eine Verantwortung für die gesamte Mannschaft, für den Klub, aber in erster Linie in diesem Fall für die Hygiene der Mannschaft - und deshalb war diese Entscheidung für uns richtig und alternativlos", erklärte Zorc.

Dass der Fall Sancho nicht mit Dembélé und Aubameyang zu vergleichen ist, beweisen auch die Aussagen der Bosse bezüglich Sanchos Zukunft.

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern betonte der BVB bei Sancho schließlich immer wieder, dass der Nationalspieler keineswegs unverkäuflich sei, sondern dessen Zeit in Dortmund begrenzt sei.

"Man muss kein Prophet sein, um zu sagen, dass Jadon sicherlich keine fünf Jahre mehr hier spielen wird", sagte Zorc vor einigen Wochen im kicker. Der Vertrag des Ausnahmetalents läuft noch bis 2022.

Englands Topklubs locken - Mega-Ablöse winkt

Womöglich führt der Weg Sanchos bereits im kommenden Sommer weg aus Dortmund. Die Topklubs aus seiner englischen Heimat locken den Youngster, eine Ablösesumme im dreistelligen Millionenbereich erscheint realistisch.

Bereits im März hatte Sanchos Berater eine Einladung von Manchester United erhalten, erklärte Zorc in der Amazon-Dokumentation über den BVB. "Aber der Berater hat - so ist es meine Info - dem Klub mitgeteilt, dass egal welche Summen da auf dem Tisch stehen, wir ihn jetzt im Sommer nicht abgeben möchten und werden. Der Spieler hat keine große Intention, diesen Schritt zu machen."

Auch Watzke betonte zuletzt, nichts von etwaigen Abschiedsplänen zu wissen, und stellte klar, dass sich Sancho beim BVB wohlfühle. Sancho selbst unterdrückte im vergangenen Sommer alle Spekulationen um einen Abgang.

Im Juli sagte er im Interview mit SoccerBible bezüglich seines Wechsels nach Dortmund: "Dort konnte ich den nächsten Schritt machen. Ich bin allen sehr dankbar, die bisher an meiner Reise teilgenommen haben. Ich muss einfach am Ball bleiben und hoffen, dass ich von Verletzungen verschont bleibe."

Sancho verliert den Fokus

Im September klang dies schon anders, hinsichtlich einer Rückkehr nach England meinte er: "Ich kann nicht in die Zukunft schauen, aber ich hätte nichts dagegen. Ich hätte auch nichts gegen La Liga, aber heute wissen wir das noch nicht."

In der Bundesliga schätze er vor allem die Bedingungen: "Dass ich in Deutschland bin, hat ganz klar den medialen Druck von mir genommen. Ich glaube, dass mir das wirklich hilft, fokussiert zu bleiben."

Dass Sancho nun ausgerechnet bei der Nationalmannschaft, im Scheinwerferlicht der englischen Presse und abseits von Deutschland den Fokus verlor, zu spät zurückreiste und sich die Suspendierung beim BVB einhandelte, könnte man als Zeichen deuten.

Es könnte aber auch nur ein harmloser Ausrutscher eines jungen Spielers gewesen sein, den der BVB mit Blick auf die Mannschafts-Hygiene bestrafte.

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