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München - Schlechtester Liga-Start seit neun Jahren, Süle-Schock, Müller-Ärger und Druck von Karl-Heinz Rummenigge: Auf Niko Kovac warten stürmische Herbst-Wochen.

Mit hochrotem Kopf verließ Uli Hoeneß die Bayern-Kabine in der WWK-Arena ein paar Minuten nach Abpfiff. Die Unterlippe schob sich über die Oberlippe, auf der Stirn zeichneten sich Zornesfalten ab. Sagen wollte der Präsident nichts.

Auch Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge stellte sich den Medien nach dem 2:2 in Augsburg nicht, brachte nur ein "ich rede nicht" hervor. Nicht nur in München weiß man: Schweigen die Bosse nach solchen Auftritten gänzlich, droht Ungemach. Herrscht Unzufriedenheit. Kriselt es.

Der FC Bayern steht vor einer Herbstkrise 2.0!

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Bayern hinkt den Ansprüchen hinterher

Vor einem Jahr kostete diese Phase Trainer Niko Kovac fast den Job. In der Liga blamierten sich die Münchner gegen das Mittelmaß, etliche Spieler waren unzufrieden, die Bayern suchten Form und Spielidee.

Ein Jahr später knistert es wieder. Die Bilanz: Mit 15 Punkten nach acht Spieltagen steht der schlechteste Saisonstart seit neun Jahren zu Buche. In dieser Saison gewann Kovacs Team nur gegen Schalke, Mainz, Köln und Paderborn. Manuel Neuer: "Unser Anspruch ist es, sechs, sieben Punkte mehr zu haben als jetzt."

Vorne verballern die Bayern seit Wochen etliche Großchancen und beklagen sich darüber. Hinten sind sie anfällig wie selten.

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Abwehr-Alarm - und jetzt auch noch Süle verletzt

Insgesamt sind es bereits 15 Gegentore nach zwölf Pflichtspielen. In der Liga sind es zehn Gegentreffer. Letztmals hatte der Rekordmeister eine solche Bilanz unter Jürgen Klinsmann in der Saison 2008/09.

Was vor allem Neuer aufregt: In den letzten vier Pflichtspielen musste er immer zwei Gegentore schlucken. Zuletzt passierte das unter Trainer Felix Magath vor 15 Jahren. Zu allem Überfluss fällt jetzt auch noch Abwehr-Boss Niklas Süle mit einem Kreuzbandriss im linken Knie für Monate aus.

Bezeichnend auch: In Augsburg lagen die Bayern nach 32 Sekunden zurück und fingen sich den Ausgleich in der Nachspielzeit. Kovac kritisierte sein Team dafür, er habe schließlich vor stürmischen Augsburgern gewarnt. "Mich ärgert maßlos, dass wir in den entscheidenden Situationen nicht so verteidigen, wie ich mir das vorstelle", klagte der Trainer.

Sätze, die Kovac schon des Öfteren von sich gab. Besserung scheint aber nicht in Sicht.

Bayern fehlt das Selbstverständnis

Galten die Münchner früher als die "Dusel-Bayern", die enge Spiele kurz vor Schluss für sich entschieden, sind sie nunmehr seit Wochen das Team, das bis zum Schluss zittert.

"Das hat schon eine gewisse Bedeutung", sagte Neuer zu den Gegentoren in Augsburg. Der Kapitän machte gar "ein Kopfproblem" aus, das Auftreten sei "lässig", "vielleicht zu selbstbewusst" und "nicht Bayern-like", so der Kapitän.

Joshua Kimmich sprach Missstände zuletzt noch direkter an, indem er feststellte, dass sein Team in dieser Saison noch kein Spiel über 90 Minuten dominiert habe.

Welchen Plan hat Kovac?

Intern wachsen somit erneut die Zweifel an der Spielidee von Kovac. Dessen Problem: Auch die Bayern-Bosse wünschen sich nicht nur Siege, sondern auch eine klare Spielphilosophie und Dominanz zurück.

Im SPORT1-Interview im Juli erinnerte Rummenigge an das "schöne Spiel" unter Louis van Gaal, an "Taktik-Papst" Pep Guardiola. Es müsse wieder ein "Bayern-System geben, wie es ein Barcelona-System gibt", forderte er. Kovac müsse diese Spielidee nun weiter "kultivieren".

Spielerisch ist Kovac das noch nicht gelungen. Zwar setzt er wieder auf ein von den Spielern favorisiertes 4-2-3-1-System und verzichtet auf die Rotation. Dafür wechselt er vereinzelte Spieler wie Kimmich, Lucas Hernández oder Benjamin Pavard aber immer wieder auf den Positionen durch.

Ein Einspielen in der Defensive ist so kaum möglich. Folge: Die Bayern schwimmen zu oft, spielen unsauber, sind nicht konstant. Dennoch sagte Kovac nach dem 2:2 mit Blick auf das Vorjahr: "Fußballerisch sind wir schon viel besser."

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Kovac leistet sich verbale Patzer

Kovac, eigentlich rhetorisch begabt, redet sich die vergangenen Tage oft um Kopf und Kragen. Thomas Müller ging nach Kovacs "Not-am-Mann"-Aussage an die Medien und klagte zudem über sein Reservisten-Dasein.

Auch Rummenigge rüffelte Kovac für diese Worte, zuvor auch für Kovacs öffentliches Werben um Leroy Sané. Der Trainer entschuldigte sich für die Sané-Aussagen und bei Müller am Donnerstag auch öffentlich.

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Müller blieb übrigens auf der Bank, was für die Konsequenz von Kovac spricht. Der Trainer meinte nach dem Spiel: "Es war meine Entscheidung. Es war auch die richtige Entscheidung."

Gleichzeitig zündet aber Philippe Coutinho noch nicht. Der teure Samba-Star soll von Kovac integriert werden, es ist eine der Forderungen der Bosse.

Nach dem Spiel gegen Augsburg sorgte Kovac auch für Verwunderung vieler Wegbegleiter, weil er die Leistung seiner Mannschaft insgesamt als "außerordentlich gut" bezeichnete. Ein Fazit, das trotz 78 Prozent Ballbesitz nicht zum Auftritt der Bayern passte.

Sitzt Mourinho Kovac schon im Nacken?

Gut für Kovac: In der Champions League liegt sein Team auf Kurs Richtung Achtelfinale. Mit dem 7:2 bei Tottenham Hotspur landete er einen Sieg für die Geschichtsbücher. Auch im DFB-Pokal sind die Bayern im Soll. SPORT1-Experte Stefan Effenberg sagte im CHECK24 Doppelpass: "Kovac ist definitiv der richtige Trainer. Es liegt jetzt an den Spielern."

Das täglich Bayern-Brot aber ist die Meisterschaft. Die kommenden Aufgaben lauten dort: Union Berlin, Frankfurt und Dortmund.

Viele Ausrutscher wird sich Kovac nicht erlauben können, denn ein Name hält sich an der Säbener Straße hartnäckig: der des Deutsch lernenden José Mourinho.

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