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München - Michael Preetz und Jürgen Klinsmann bilden bei Hertha BSC ein ungleiches Duo. Zusammen haben sie beim Hauptstadtklub große Ziele. Zunächst steht aber die Rückrunde an.

Vor dem Rückrundenauftakt der Bundesliga schlug Jürgen Klinsmann ungewöhnliche Töne an. 

Angesprochen auf das brisante Wiedersehen mit seinem Ex-Klub FC Bayern München, erklärte der Trainer von Hertha BSC: "Der FC Bayern hat immer das klare Ziel, alle Titel zu gewinnen. Wir kämpfen nach wie vor gegen den Abstieg. Wir sind noch nicht weit genug weg vom Tabellenende entfernt. Wir brauchen jeden Punkt, um Abstand nach unten zu schaffen." (Hertha BSC - FC Bayern München am Sonntag ab 15.30 Uhr im LIVETICKER)

Realismus statt Visionen, Abstiegskampf statt Europa. Klinsmann zeigte sich vor dem Kracher gegen den Rekordmeister geerdet, auch die Berichterstattung rund um seine abgelaufene Trainerlizenz ließ ihn kalt. Den Job des Visionärs übernahm plötzlich Geschäftsführer Michael Preetz. "Es gibt keinen hier, der nicht nach Europa will", stellte der Ex-Spieler der Berliner klar.

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Hertha wird zum "Big-City-Club"

Dass Preetz die Ziele der Berliner so klar formuliert, ist durchaus bemerkenswert, ist er doch sonst derjenige, der die Alte Dame in der aktuellen Zeit gelegentlich auf den Boden der Tatsachen zurückholen muss. "Große Ambitionen zu formulieren ist völlig in Ordnung", sagte Preetz im Trainingslager in Orlando/Florida und ergänzte: "Aber meine Aufgabe ist es vielleicht, hier und da ein bisschen auf der Bremse zu stehen."

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Er sagte das zu einer Zeit, als sein Trainer verbal auf das Gaspedal drückte. "Es gibt Maßstäbe, die automatisch gesetzt werden, die kommen aus der Champions League", hieß es von Klinsmanns Seite. Oder auch: "Vielleicht hat man sich in der Vergangenheit auch etwas schwergetan mal zu sagen, was wirklich das Ziel ist. Die Zielvorgabe ist jetzt, so schnell wie möglich aus dem Abstiegskampf rauszukommen, mittel- und langfristig in Europa zu spielen. Das ist eine ganz klare Ansage."

Auch in Sachen Transfers nahm der Weltmeister von 1990 kaum ein Blatt vor den Mund. "Es ist einfach so, dass durch die Situation, die hier in den vergangenen Monaten entstanden ist, wir international mitreden können um Spieler, die zuvor wahrscheinlich nicht in unserer Kategorie waren."

Durch den Einstieg von Investor Lars Windhorst ist auf einmal Geld in der Hauptstadt vorhanden, Hertha bekam den Spitznamen "Big-City-Club", verpasst und verpflichtete mit Klinsmann einen, der die Strahlkraft mitbringt, den Hauptstadtklub auch international interessant zu machen.

Kein Wunder also, dass die Berliner auf einmal mit ganz anderen Namen in Verbindung gebracht worden. Granit Xhaka, Mario Götze, Lucas Tousart - sie alle waren plötzlich Thema in der Hauptstadt.

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Und Klinsmann goss weiter Öl ins Euphoriefeuer. Angesprochen auf einen möglichen Götze-Wechsel vom BVB zur Hertha, erklärte er: "Ob dann über Mario spekuliert wird, oder über andere Champions-League-Spieler - das wird ganz normal sein. Das wird unsere Zukunft sein. Nach denen schauen wir uns ja auch um."

Ascacíbar bisher einziger Hertha-Neuzugang

Doch in der Realität müssen die Berliner zunächst kleinere Brötchen backen. Trotz angeblicher Einigung mit Hertha entschied sich Xhaka für einen Verbleib beim FC Arsenal, auch ein Wechsel von Götze scheint aktuell kein Thema mehr zu sein. Ein angebliches Angebot von mehr als 20 Millionen Euro für Tousart soll dessen Klub Olympique Lyon ebenfalls abgelehnt haben.

Bis zum 31. Januar haben Klinsmann und sein Team noch Zeit, den Kader dahingehend zu verstärken, dass er zumindest ein Stück mehr den gehobenen Ansprüchen entspricht.

Geholt wurde bisher mit Santiago Ascacíbar lediglich ein talentierter Zweitliga-Profi. Zehn Millionen zahlte Hertha für den Argentinier an den VfB Stuttgart. Klinsmann bezeichnete Ascacíbar als "Wunschspieler" und betonte: "Der Junge ist richtig spannend. Er wird uns noch viel Freude machen."

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Freude machen dürfte Klinsmann der Blick auf die Punkteausbeute der Hinrunde dagegen weniger. 19 Punkte aus 17 Spielen stehen dem gestiegenen Anspruchsdenken konträr gegenüber, auch wenn der jüngere Trend unter Klinsmann durchaus positiv war. Nach der knappen Niederlage zum Einstand gegen den BVB blieben die Berliner die vergangenen vier Partien ungeschlagen, holten acht Punkte. Und das gegen namhafte Gegner wie Borussia Mönchengladbach oder Bayer Leverkusen.

Der FC Liverpool als Maßstab

Spielerisch ist die Entwicklung allerdings noch ausbaufähig. Denn auch hier haben die Berliner höchste Ansprüche. Co-Trainer Markus Feldhoff nannte im Trainingslager keinen Geringeren als den FC Liverpool als Maßstab.

Allerdings sei die Entwicklung unter Jürgen Klopp einem Prozess unterlegen gewesen. Auch die Hertha befände sich in so einem Prozess, erklärte Klinsmann. Und schob hinterher: "Je mehr Punkte wir holen, desto mehr werden wir unser Spiel nach vorne verlagern."

Zum Rückrundenstart scheint Klinsmann mit der Alten Dame aus den Winterträumereien vorerst erwacht zu sein. Er richtet den Fokus bewusst auf das Wesentliche. Die Punkte gegen den Abstieg sollen her. Danach darf wieder geträumt werden.

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