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München - Jürgen Klinsmann wünschte sich "das englische Modell" bei Hertha BSC. Ein veraltetes Bild von Premier-League-Trainern - wie das Beispiel Jürgen Klopp zeigt.

"Unglaublich aufgestoßen" war es Jürgen Klinsmann. "Das englische Modell" hatte der Ex-Trainer von Hertha BSC ersehnt. Er fand es nicht vor.

Auch das war ein Grund für seine Demission bei der "Alten Dame", erklärte der 55-Jährige in seiner viel beachteten Live-Stellungnahme auf FacebookDenn seiner Meinung nach sollte der Trainer das Sagen haben, ohne "dass der Manager noch da sitzt und seine Kommentare zu den Spielern oder den Schiedsrichtern gibt".

In der Bundesliga sei "man es gewohnt, dass sich ein Manager einbringt, dass er nahe dran ist an der Mannschaft". Klinsmann aber schwebte ein "englisches Modell" vor: "In dem ein Manager eigentlich nur einen Vorgesetzten hat - den Chef des Klubs."

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Kurios an der Sache ist aber: Klinsmann hat ein veraltetes Bild von Teammanagern in der Premier League. "Ich glaube, er hat das noch ein bisschen aus den 90er Jahren in Erinnerung", sagt Raphael Honigstein.

Im Gespräch mit SPORT1 erklärt der freie Journalist, der in England als Experte für die Bundesliga und die Premier League tätig ist: "Das Modell, das Klinsmann beschreibt, gibt es in dieser Form seit zehn Jahren nicht mehr."

Klinsmanns Trainerbild "ist nicht mehr zeitgemäß"

Zu seiner aktiven Zeit spielte Klinsmann in der Saison 1994/95 für Tottenham Hotspur in der Premier League, wurde von Englands Journalisten zum Fußballer des Jahres gewählt.

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Damals führten noch fast allmächtige Teammanager wie Alex Ferguson bei Manchester United die Geschicke von Klubs. Doch diese Zeiten sind vorbei. 

"Es ist nicht mehr zeitgemäß. Weil der Anspruch an den Trainerjob viel zu komplex ist", sagt Honigstein: "Das Coaching der Mannschaft allein nimmt inzwischen Tag und Nacht ein. Die Idee, dass sie noch nebenbei Verträge aushandeln oder Spieler beobachten, ist einfach unvorstellbar."

Während Klinsmann nach seinem Hertha-Aus monierte, dass in Deutschland "die ganze Führungsetage" mitrede und neidisch auf die Premier League verwies, sieht die englische Realität längst anders aus.

Eine Gewaltenteilung innerhalb der Vereine ist längst Standard, verrät Honigstein, vor allem auf höherem Level. "Diese One-Man-Shows aus den 90ern wie bei Ferguson gibt es nicht mehr. Nicht mal bei diesen Superstar-Trainern wie Pep Guardiola oder Jürgen Klopp."

Klopp "ist keiner, der alles alleine machen will"

Dabei ist völlig klar, dass Klopp beim FC Liverpool sehr mächtig ist. Aber: "Die große Macht, die Klopp jetzt hat, wurde ihm nicht von Anfang an gegeben, er hat sie sich verdient."

Durch seine Erfolge mit den Reds, nicht zuletzt dem Triumph in der Champions League 2019, könne der deutsche Coach "auf sportlicher Ebene vieles selbst entscheiden", erklärt der England-Experte. "Er ist aber von sich aus ein sehr großer Teamplayer, der sagt: 'Ich kann nicht selbst 1000 Linksverteidiger scouten.' Klopp verlässt sich auf seine Fachabteilung und seinen Sportdirektor Michael Edwards."

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Honigstein schildert ein prägnantes Beispiel: "Vor ein paar Jahren wollte Klopp Julian Brandt. Aber der Sportdirektor hat sich für Mohamed Salah ausgesprochen, der besser passe, und Klopp hat darauf vertraut." Der FIFA-Trainer des Jahres 2019 "ist keiner, der alles alleine machen will, und er weiß, dass das auch nicht geht".

Die meisten Vereine ließen dies auch nicht mehr zu - aufgrund schlechter Erfahrungen.

Honigstein: Die Vereine haben das Risiko erkannt

"Auf jeden Klopp, jeden Guardiola, jeden Ferguson kommen 20 oder 30 Trainer, die auch alles entscheiden wollen und dann den Verein in den Ruin treiben", sagt Honigstein und führt als Beispiel Harry Redknapp an. Der englische Trainer sei zu Vereinen gekommen, habe "seine Spieler" eingekauft - "und als er gegangen ist, war kein Geld mehr da".

Felix Magath habe dies 2014 beim FC Fulham versucht, sei aber gescheitert. Auch weil dort eben längst nicht mehr das Klinsmann'sche "englische Modell" gelebt wurde und wird.

"Die Vereine haben gemerkt, dass es zu riskant ist, jedes Mal für einen neuen Trainer die ganze Mannschaft nach dessen Vorstellungen umzubauen. Das kann man mit sehr viel Geld machen, aber es ist nicht sehr effizient und es ist gefährlich", beschreibt Honigstein das Umdenken auf der Insel.

Was die Vereine laut Honigstein gemerkt haben: Sie können sich nicht einem Trainer ausliefern, der die Mannschaft und das Trainerteam in kompletter Eigenregie umbaut, aber womöglich dennoch nach nur zwei, drei Jahren weg ist. "Deswegen hat es sich eingependelt, dass Transfers in Abstimmung mit dem Verein stattfinden und es Leute gibt, die sich hauptberuflich mit Transfers beschäftigen und eine mittelfristige Perspektive des Vereins im Blick haben."

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Klinsmanns "Ruf ist hier sehr gut"

In einem Punkt hatte Klinsmann aber recht: In England ist es nicht so, "dass der Manager noch da sitzt", wie es der Schwabe formulierte.

Die in der Öffentlichkeit zurückgenommene Rolle der Sportdirektoren der Premier League sei ein großer Unterschied zur Bundesliga, bestätigt Honigstein. "Von den Sportdirektoren hörst du nichts, siehst du nichts, sie sitzen nicht auf der Bank." Was aber wiederum nicht bedeute, dass sie nicht einflussreich seien.

Mit seinem Rücktritt bei Hertha BSC samt der fragwürdigen Vorgehensweise hat sich Klinsmann "auf dem deutschen Markt verbrannt", befand der frühere Hertha-Profi (1999 bis 2005) und -Kapitän Marko Rehmer.

In England sieht das etwas anders aus. "Sein Ruf ist hier sehr gut", berichtet Honigstein: "Was er als Erneuerer für den deutschen Fußball geleistet hat, wird ihm hoch angerechnet und bleibt auch in Erinnerung."

Was derzeit bei der Hertha passiert, sei auf der Insel eher ein Randthema. Das sorge zwar für Verwunderung, berichtet Honigstein: "Aber das muss nicht heißen, dass er deswegen nie wieder ein Engagement in England bekommt."

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