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München - Der Rücktritt von Jürgen Klinsmann bei Hertha BSC schockte Klub und Spieler. Nach SPORT1-Informationen stellte der Ex-Coach weitreichende Forderungen.

Ganze 76 Tage dauerte das Intermezzo Jürgen Klinsmanns als Cheftrainer bei Hertha BSC. Je drei Siege, Niederlagen und Remis holte der ehemalige Bundestrainer bei 8:12 Toren in der Bundesliga. Dazu kam in der vergangenen Woche das Aus im Pokal-Achtelfinale nach Verlängerung und zwischenzeitlicher 2:0-Führung bei Schalke 04 (2:3 n.V.).

Die Bilanz liest sich wenig spektakulär, der Zeitraum sowieso nicht - und dennoch sorgte der Rücktritt Klinsmanns am Dienstagmorgen für ein heftiges Beben in Berlin.

Der 55-Jährige möchte künftig nur noch als Aufsichtsrat fungieren. Klinsmann fühlte sich bei den Gesprächen über eine Vertragsverlängerung hingehalten, seine Zukunft über den Sommer hinaus war unklar.

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Nach SPORT1-Informationen beanspruchte er für die Zukunft sämtliche Kompetenzen im sportlichen Bereich und eine sehr ordentliche Bezahlung. Dies akzeptierte Hertha nicht, Klinsmann warf darauf beleidigt hin und begründete den Rücktritt mit mangelndem Vertrauen in die handelnden Personen.

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Stark und Maier von Klinsmann degradiert

Wie SPORT1 weiß, brodelte es zwischen Klinsmann sowie Geschäftsführer Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer schon länger.

Preetz stieß übel auf, dass Klinsmann Nationalspieler Niklas Stark und Top-Talent Arne Maier zwischenzeitlich degradierte. Die beiden Zukunftshoffnungen waren von der Behandlung durch den Ex-Trainer sehr enttäuscht und hielten im Winter aktiv nach neuen Klubs Ausschau.

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Stark suchte während des Trainingslagers in den USA zwei Mal den Kontakt mit Klinsmann, dieser führte bis zuletzt jedoch kein einziges persönliches Gespräch mit dem Vize-Kapitän. Starks Berater sondierte deshalb im Winter den Markt nach neuen Vereinen, um die EM-Chancen des Verteidigers nicht durch fehlende Einsatzzeiten zu gefährden.

Bayern und Leipzig an Stark interessiert

Nach SPORT1-Informationen gab es dabei intensiven Kontakt zu RB Leipzig und dem FC Bayern, die an einer Leihe bis zum Sommer interessiert waren.

Der 21-jährige Maier bemängelte öffentlich in einem Bild-Interview seine Rolle: "Als Fußballer willst du spielen, gebraucht werden und dem Team auf dem Platz helfen. Den Glauben daran, dass ich diese Rolle in nächster Zeit bei Hertha einnehmen kann, habe ich nicht mehr", schimpfte er Ende Januar. Maier gilt neben Kai Havertz (Bayer Leverkusen) als größtes deutsches Talent im zentralen Mittelfeld, in der Vergangenheit waren diverse Topklus wie der FC Barcelona am U21-Nationalspieler interessiert.

Intern sprach Klinsmann allerdings nur von Javairo Dilrosun, Maximilian Mittelstädt und Jordan Torunarigha als größten Zukunftshoffnungen des Klubs und verprellte damit Maier und Stark zusätzlich.

Preetz schob einem Wechsel des Duos im Winter jedoch einen Riegel vor, der Ex-Stürmer sieht Hertha als Ausbildungsklub mit hoher Durchlässigkeit nach oben für die eigenen Talente und schwört auf den Klub-Slogan "Die Zukunft gehört dir".

Kalou bemängelt fehlenden Respekt

Zu den Aushängeschildern gehören für Preetz und dessen engen Vertrauten Gegenbauer neben Mittelstädt und Torunarigha zwingend auch Maier und Stark, der sich 2019 zum Nationalspieler entwickelte.

Klinsmanns radikales Vorgehen, um Hertha wie von Investor Lars Windhorst gewünscht zu einem "Big City Club" zu reformieren, der in spätestens fünf Jahren um die Meisterschaft spielen soll, missfiel auch älteren Profis. Salomon Kalou, ehemals ein Name von internationalem Rang, hatte unter dem früheren Bayern-Coach sportlich keine Chance, durfte nicht mehr mit den Profis trainieren und schimpfte im Berliner Kurier: "Ich habe so etwas noch nie erlebt. (...) Es geht mir um Respekt. Und der fehlt massiv."

Auch auf der Torwart-Position machte Klinsmann sich eine Baustelle auf. So untersagte er dem ehrgeizigen und loyalen Ersatzkeeper Thomas Kraft trotz vorheriger Abmachung einen Einsatz im Pokal gegen Schalke, Stammtorwart Rune Jarstein vermisste seinen langjährigen Mentor und Torwarttrainer Zsolt Petry.

Der Ungar verlor kurz nach Klinsmanns Amtsantritt im November 2019 seinen Job. Zuvor hatte er noch dessen Sohn, dem früheren Berliner Torwarttalent Jonathan Klinsmann (jetzt FC St. Gallen), mangelnde Einstellung vorgeworfen.

Windhorst wusste am Montag Bescheid

Der sofortige Rücktritt Klinsmanns traf Team und Klub am Dienstag vollkommen unvorbereitet. Stürmerhoffnung Matheus Cunha schoss Brasiliens U23 als Torschützenkönig zu Olympia und wird den Mann, der ihn nach Berlin holte, an seinem ersten Tag beim neuen Arbeitgeber am Mittwoch nicht antreffen. Ähnliches gilt für Sommer-Neuzugang Lucas Tousart, der hauptsächlich wegen Klinsmanns Visionen Olympique Lyon für 25 Millionen Euro den Rücken kehrt.

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Klinsmann soll laut Bild zunächst seinen Trainerstab und die Betreuer vom Rücktritt informiert haben, danach die Spieler und zuletzt Manager Preetz, anschließend über seinen Facebook-Account auch die Öffentlichkeit. Investor Windhorst erfuhr schon am Montag von der Entscheidung, informierte aber die Verantwortlichen nicht. "Ich bedauere diesen Schritt von Jürgen Klinsmann sehr", erklärte der Unternehmer der Bild.

Die Episode verdeutlicht, dass es hinter den Kulissen des Olympiastadions schon lange knirscht.

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