vergrößernverkleinern
Bundesliga: Sorgt Coronakrise für Abschaffung von 50+1-Regel?
Bundesliga: Sorgt Coronakrise für Abschaffung von 50+1-Regel? © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Imago/Getty Images
Lesedauer: 6 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - Hannovers Präsident Martin Kind geht von "dramatischen Veränderungen" durch die Coronakrise aus. Öffnet die Krise die Schleusen für Großinvestoren?

Die Lage in der Bundesliga ist ernst!

Die Coronakrise bedroht die finanzielle Existenz vieler Bundesligisten. Bei einer Komplettabsage der restlichen Saison droht ein 700-Millionen-Loch.

Alle aktuellen Meldungen, Entwicklungen und Auswirkungen auf den Sport durch die Covid-19-Krise im Corona-Ticker!

Anzeige

Nicht nur kleinen Vereinen drohenn bei einem Saisonabbruch die Pleite, auch Klubs wie RB Leipzig können einen Einnahmeausfall nicht ewig abfedern.

"Auch bei uns drückt der Schuh", sagte Geschäftsführer Oliver Mintzlaff in einer Telefon-Konferenz am Mittwoch. "Jeder, der immer noch glaubt, dass Red Bull jedes Loch stopfen kann, der hat unseren Weg nicht verstanden. Auch wir kommen irgendwann in eine Situation, dass wir das wirtschaftlich nicht auffangen können."

Mintzlaff und Cramer schlagen Alarm

In diesem, nächsten und übernächsten Monat könne man noch "die Gehälter pünktlich überweisen", so Mintzlaff, aber das sei bei einem längeren Bundesligaausfall fraglich. 

Martin Kind, Präsident von Zweitligist Hannover 96, ist in dieser schwierigen Zeit deutlich optimistischer: "Kurzfristig hat die Coronakrise deutliche Folgen für Hannover 96. Doch wir werden diese Krise überstehen", sagte Kind bei SPORT1: "Mittel- und langfristige Auswirkungen auf unsere sportlichen Ziele sehe ich nicht."

Doch wie kann das Überleben der Bundesligisten gesichert werden? Der ehemalige DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig schlug bei SPORT1 einen Solidaritätsfond vor, wofür auch Kind plädiert: "Ich empfehle, das Thema Solidarfonds ernsthaft zu diskutieren."

Der CHECK24 Doppelpass mit Hannovers Geschäftsführer Martin Kind und DFB-Vizepräsident Rainer Koch am Sonntag ab 11 Uhr LIVE im Free-TV auf SPORT1 und im LIVESTREAM auf SPORT1.de

Doch die Forderung nach Solidarität stieß nicht bei jedem auf Gegenliebe. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke, hält nichts von einem Solidaritätsbeitrag. "Am Ende können nicht die Klubs, die ein bisschen Polster angesetzt haben in den vergangenen Jahren, dann im Prinzip die Klubs, die das wiederum nicht gemacht haben, dafür auch noch belohnen", erklärte Watzke in der Sportschau. Er selbst will laut kicker auf ein Drittel seines Gehalts verzichten, um seinen Klub zu entlasten.

Sein Vorstandskollege beim BVB, Carsten Cramer, zeichnete im neuen BVB-Podcast ein düsteres Szenario. Mit Blick auf die "dramatische" Lage und die mehr als 50.000 Jobs, die an der Fußball-Branche hängen, sprach der BVB-Direktor Vertrieb und Marketing von einem "Kampf ums nackte Überleben".

Durch die aktuelle Situation kam auch ein Thema wieder auf, welches seit Jahren für Streitpunkte innerhalb des deutschen Profifußballs sorgt: Die Abschaffung der 50+1-Regel. Die Diskussion, die seit Jahren von Vereinsvertretern öffentlich geführt wird, gewann in den vergangenen Tagen neue Dynamik. Ein in Deutschland einflussreicher Spielerberater sagt zu SPORT1: "Am Ende wird die 50+1-Regel durch die Coronakrise fallen. Sie wird unweigerlich das Einfallstor für Investoren sein." Vier, fünf Wochen, so der Top-Agent, könnten die meisten Vereine noch ohne Einnahmen aushalten. Wenn der Zustand aber über mehrere Monate anhalte, sei die Öffnung für Geldgeber die einzige Überlebenschance.

Heldt bringt Abschaffung der 50+1-Regel ins Gespräch

Die Coronakrise als Einfallstor für Investoren? Auf SPORT1-Nachfrage sagt Kölns Sportchef Horst Heldt: "Ich möchte nicht dastehen und am Ende bleibt als einziges übrig, dass es heißt: Heldt will die 50+1-Regelung öffnen. Ich glaube aber trotzdem, dass es immer sinnvoll ist, in Krisenzeiten das ganze System zu hinterfragen und zu lernen."

Heldt sei trotz allem Fußballromantiker. "Doch in der Verantwortung, in der ich und andere stehen, ist es wichtig, seine Lehren zu ziehen." Dennoch stünden die deutschen Ligen besser da als andere. "Der deutsche Fußball ist schon krisensicher aufgestellt, hat aber Schwierigkeiten."

Schalkes Finanzvorstand Peter Peters sieht aktuell keinen Anlass, etwas an der 50+1-Regel zu ändern. "Meine Meinung ist, dass wir uns den Problemen dann widmen, wenn sie anstehen. Es ist ein wichtiges Thema, aber wir müssen uns gerade vorrangig um das kümmern, was am dringlichsten ist", erklärte er im kicker.

Jetzt aktuelle Fanartikel der Bundesliga bestellen - hier geht's zum Shop! | ANZEIGE

Ähnlich in dem Magazin äußerte sich auch Michael Preetz. Man müsse zunächst die Vereinbarungen der DFL-Versammlung umsetzen, erklärte der Hertha-Manager im kicker. Das hieße Kassensturz, Ermitteln der Fehlbeträge und dann ein Evaluieren der Situation. "Ich glaube, das ist die richtige Reihenfolge, die wir jetzt einhalten sollten."

Kind sieht Krise auch als Chance

Auch Stefan Hofmann sieht keinen Grund, an den Bestimmungen etwas zu ändern. Der Vorstandsboss des FSV Mainz 05 erklärte zudem, dass nicht nur der Fußball unter der Coronakrise zu leiden habe, sondern auch die Wirtschaft. "Klar haben Vereine, die einen Mäzen haben, in solchen Situationen vielleicht den etwas längeren Atem", erklärte er und fügte an: "Aber wenn man sieht, dass das VW-Werk vorerst seine Produktion eingestellt hat, heißt das, dass auch Vereine wie der VfL Wolfsburg massiv betroffen sind."

Hannovers Präsident (am Sonntag ab 11 Uhr zu Gast im CHECK24 Doppelpass) ist da anderer Meinung: "Der Profifußball wird sich dramatisch verändern. Es ist immer wichtig, eine Krise auch als Chance zu begreifen und Strukturen zu entwickeln, die sportlichen Erfolg bei wirtschaftlicher Stabilität möglich machen", erklärte Kind bei SPORT1. "Der VfL Wolfsburg, Bayer Leverkusen, RB Leipzig oder 1899 Hoffenheim werden auch in der jetzigen Krise wirtschaftlich stabil bleiben."

Meistgelesene Artikel

England als Vorbild?

Ein Blick nach England zeigt, dass eine Abschaffung der 50+1-Regel nicht alle Probleme auf einen Schlag lösen könnte. Dort sind die Klubs fest in der Hand von Investoren. Frei von finanziellen Sorgen sind sie deshalb trotzdem nicht. Nach Informationen von Sportsmail wackelt der fette TV-Vertrag mit insgesamt rund 3,3 Milliarden Euro Einnahmen, sollte die Saison 2019/20 nicht bis zum 31. Juli beendet werden können.

Und auch Investoren selbst sind von der Coronakrise betroffen. Chelsea-Besitzer Roman Abramovich hat beispielsweise seit Jahresbeginn 2,6 Milliarden Euro Verlust gemacht. Dadurch bleibt weniger Geld übrig, das in die Vereine investiert werden kann.

Am 30. März wird sich die DFL erneut in Frankfurt versammeln und über das weitere Vorgehen in Zeiten der COVID-19-Krise sprechen. Ob an diesem Tag eine Abschaffung der 50+1-Regel ernsthaft diskutiert wird, erscheint nach derzeitigem Stand unwahrscheinlich. Der aktuell einzige Ausweg aus der Misere scheint zu sein, die Saison irgendwie zu Ende zu spielen.

Nächste Artikel
previous article imagenext article image