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Alex Steudel hat sich diese Woche die Dokumentation zum 1. FC Köln vorgenommen
Alex Steudel hat sich diese Woche die "24/7 FC"-Dokumentation zum 1. FC Köln vorgenommen © SPORT1-Grafik: Getty Images/Imago/SPORT1
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München - Als der Livesport wegen der Coronakrise wegbrach, wählte Sportjournalist Alex Steudel Fußballdokus als Ersatzdroge. In seiner Kolumne erzählt er davon.

Ich gebe zu, ich musste mich ein bisschen überwinden, ehe ich die FC-Doku einschaltete. Ich hatte mit Köln nie viel am Hut. Ist nicht meine Stadt, war sie noch nie. Ziemlich viele unhübsche Gebäude, und außerdem war Christoph Daum dort Trainer. Der wäre schon eine Netflix-Serie für sich. Und dann dieser Karneval. Karneval ist nicht mein Ding.

Andererseits bewundere ich die Leidenskraft des FC-Fans. Sie ist nur zu vergleichen mit der unglaublichen Geduld und Begeisterungsfähigkeit des HSV-Anhängers. Beiden kannst du ein Stück trockenes Brot auf den Teller legen, und sie klatschen in die Hände und jubeln: "Toll, Drei-Sterne-Essen!" Trainerlegende Udo Lattek hat mal im Doppelpass den schönen Spruch gebracht: "Im Kölner Stadion ist immer so eine super Stimmung, da stört eigentlich nur die Mannschaft."

Das ist nicht immer so. Interessiert hat mich die neue Doku "24/7 FC" vor allem aus einem Grund: Ich wusste, was für eine verrückte Saison die Kölner bisher hingelegt haben. Erst der totale Fehlstart und die Entlassung von Achim Beierlorzer (der jetzt in Mainz erfolgreich ist), dann das rasante Comeback unter (ausgerechnet) Ex-HSV-Coach Markus Gisdol. Ich war natürlich skeptisch, weil "24/7 FC" eine vereinseigene Doku ist, wurde aber nicht enttäuscht.

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Tiefe Einblicke in eine normale Welt beim 1. FC Köln

Das besondere an den bisher sieben Folgen ist wieder, wie extrem nah die Mannschaft, die Trainer und die Sportdirektoren (erst Armin Veh, dann Horst Heldt) alle Kameras an sich heranlassen. Wie tief die Einblicke sind, die wir bekommen.

Was mich am meisten beeindruckt hat, also im Vergleich zu anderen Erstliga-Klub-Dokus: Wie "normal" die Spieler und Chefs beim FC wirken. Dabei reden wir ja von einer Liga, in der schon enorme Gehälter bezahlt werden, die einem den Kopf verdrehen könnten. Und das führt nicht selten zum "Zurschaustellen von großem Reichtum bei Zwanzigjährigen", wie es DFL-Boss Christian Seifert jetzt ausgedrückt hat.

Bei "All or Nothing: Manchester City" und dem schwächeren "Juventus Turin - Der Rekordmeister" zum Beispiel hast du immer das Gefühl, in eine Milliardärsparty hineingeraten zu sein. Ständig fahren die Spieler in ihren Luxuskarrossen herum oder sitzen in ihren Luxus-Eigenheimen und tragen fette goldene Uhren.

In Köln ist alles ganz normal. Spieler gehen bei den Interviews manchmal durch unwirtliche Treppenhäuser in ihre Mini-Wohnungen, sie wirken fast schüchtern dabei, sie treffen Fans auf der Straße und sind nett zu ihnen. Und sie bewegen brav ihre Klub-Fords aus Parklücken. Selbst der steinreiche China-Legionär Anthony Modeste wirkt geerdet. Das tut gut. Die FC-Doku könnte auch eine über einen Viertligisten sein. Nur dass Köln eben besser spielt.

Wie Gisdol den FC auf Vordermann gebracht hat

Wie Gisdol die Mannschaft nach der Übernahme auf Vordermann bringt, das hat es in der Bundesliga selten gegeben. Wer die Doku sieht – oder wie ich: in zwei Tagen verschlingt –, bekommt einen guten Eindruck davon, warum das gelingt.

Der Schwabe macht in der Kabine klare Ansagen, er wirkt immer total authentisch. Perfekte Mischung aus Distanz und Nähe zum Team. Einmal schreit er trotz klarer Pausenführung seine Mannschaft verzweifelt an: "Wir müssen 100 Prozent auf Sendung bleiben! In jeder Situation!" Und das wirkt echt, nicht aufgesetzt. Ich hatte Gisdol jedenfalls völlig anders eingeschätzt.

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Warum es mit Veh und Beierlorzer nicht geklappt hat

Bei Beierlorzer ist es genau andersrum: Irgendwie merkst du von Beginn an, dass er die Mannschaft nicht richtig erreicht mit seiner Art, und dass auch die Kombi mit Armin Veh nicht funktioniert. Vielleicht sind sich die beiden ja zu ähnlich. Da fehlt der harte Hund.

Einmal kündigt Veh der Mannschaft tatsächlich an, sich künftig "auch mal zurückzulehnen und Home Office" zu machen. Solche ungefilterte Szenen bieten die großen Momente in Dokus. Du weißt gleich: Das kann nicht gutgehen.

Die FC-Doku bricht übrigens in Folge sieben mit Corona ab. Ich bin gespannt, ob und wie es weitergeht. Ich mag die FC-Spieler nämlich inzwischen fast alle. 

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Kroos' Frau war noch nie im Zentrum von Madrid

Beim Thema "Authentisch" fällt mir Toni Kroos ein. Natürlich verdient der Kerl in Madrid ein Vermögen und ist ein Weltstar, aber wer die fast zweistündige Doku "Kroos" gesehen hat, der muss den Menschen Kroos völlig neu denken. Der Weltmeister ist: Zurückhaltend. Bescheiden. Schüchtern.

Wir erfahren, dass er mit seiner Familie seit sechs Jahren außerhalb von Madrid lebt. Dann sagt seine Frau, sie sei noch nie im Stadtzentrum gewesen. Wirklich, sie sagt das. Die Familie Kroos spielt eben lieber daheim mit den Kindern und kümmert sich um ihre Stiftung. Als Toni heiratet, heult er Rotz und Wasser. Und wir: mittendrin.

Wir lernen auch, warum das Spiel von Kroos so besonders ist, dass es die meisten gar nicht mitbekommen. Warum er einer der größten Fußballer Deutschlands wurde, obwohl man ihn immer nur den Ball von A nach B schieben sieht. Vielleicht ist er der unterschätzteste Superstar, den wir je hatten.

Dass ich das denke und sein Spiel besser verstehe, ist dieser Doku zu verdanken. Sie läuft auf Amazon Prime.

Ronaldo, ein unfassbarer Angeber

Kroos ist damit das glatte Gegenteil von Cristiano Ronaldo. CR7 ist ein unfassbarer Angeber.

Schon der Titel der von ihm autorisierten Doku sagt alles: "Ronaldo. Astonishing. Intimate. Definitive." Das trieft nur so vor Selbstbewusstsein. Das Schlimme daran: zurecht. Ronaldo liefert. Immer. Der Mann ist einfach ein Gigant.

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Und wie bei der Kroos-Doku lernte ich ihn in dem Film besser kennen und verstehen. Sah, wie verzweifelt er war, als er als Kind von der Insel Madeira in die weit entfernte Fußballschule von Lissabon musste und sich wahnsinnig alleine fühlte. Wie er unter dem Vater, einem Alkoholiker, litt. Klar, dass das einen hart macht.

Unschlagbar ist für mich die Szene, als der Portugiese seinen Sohn im Kindergarten abgibt und vor der Eingangstür von einem Basketball-Profi von Real Madrid angesprochen wird. Die beiden reden kurz miteinander, der Mann ist einen Kopf größer als Ronaldo. Ronaldo muss hochgucken, das nervt ihn ein bisschen.

"Papa, der ist viel größer als du", sagt Ronaldos Sohn anschließend.

Darauf antwortet CR7: "Ja, aber Papa ist stärker."            

- "24/7 FC" – 2019/20, DAZN und 247.fc.de

- "All or Nothing: Manchester City" – 2018, Amazon Prime

- "Juventus Turin – Der Rekordmeister" – 2018, Netflix

- "Kroos" – 2019, Amazon Prime

- "Ronaldo. Astonishing. Intimate. Definitive." – 2015,   erhältlich bei verschiedenen Anbietern

Alex Steudel ist Sportjournalist und seit seiner Kindheit glühender Sportfan. Mitte März brach alles weg: Kein Livesport mehr weit und breit. Um den Entzug erträglich zu machen, stieg Steudel auf eine Ersatzdroge um: Dokumentationen oder Biografien – meistens, aber nicht immer handeln sie von Fußball. Es geht ihm inzwischen viel besser. Ach was, es geht ihm super: Er hat eine neue Welt entdeckt. In dieser Kolumne erzählt er davon.

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