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München - Werner Kern, ehemaliger Nachwuchschef des FC Bayern, spricht erstmals ausführlich darüber, wie er David Alaba für die Münchener entdeckte.

Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Owen Hargreaves, Toni Kroos, Thomas Müller, Mats Hummels: Die Liste der von Werner Kern zum FC Bayern München gelotsten Top-Talente, die dann eine Weltkarriere hinlegten, kann sich sehen lassen.

Von 1998 bis 2012 leitete Kern, heute 74 und im Ruhestand, die Nachwuchsabteilung des FC Bayern. Der frühere Realschullehrer gilt auch als Entdecker von David Alaba. 

Dank des Einsatzes von Talentförderer Kern wechselte Alaba mit 16 Jahren von Austria Wien für eine Ausbildungsentschädigung in Höhe von 150.000 Euro zur U19 des FC Bayern. Andere Interessenten aus der Bundesliga (Werder Bremen, Bayern 04 Leverkusen), aus Italien (AC und Inter Mailand), sowie Topklubs aus England blitzten ab.  

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Erstmals spricht Kern ausführlich über Alabas Entdeckung, mit welchen Argumenten er ihn vom Wechsel überzeugte, einen wüsten Anruf des Ex-Klubs - und seinen Wunsch für den aktuellen Vertragspoker der Bayern mit seinem Musterschüler.

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SPORT1: Herr Kern, wie haben Sie David Alaba entdeckt?  

Werner Kern: Ich habe 2008 von einem deutschen Spielervermittler erfahren, dass es bei Austria Wien ein Supertalent geben muss. Das war ein ehemaliger Nationalspieler, ein guter Bekannter von mir. Er hat mir gesagt: "Das ist ein super Spieler." Der Spur bin ich hinterhergangen, habe mich über alles informiert und dann in Erfahrung bringen können, dass es sich um einen gewissen David Alaba handelt.

SPORT1: Wie ging es dann weiter? 

Kern: Anfang Dezember 2007 bin ich mit unserem damaligen B-Jugend-Trainer Stephan Beckenbauer und meinem damaligen Head-Scout Hermann Hummels zu einem Spiel nach Axams bei Innsbruck gefahren. Da fand ein Spiel zwischen dem Nachwuchsleistungszentrum Tirol gegen Austria Wien statt. David hat dort mit 14 Jahren in der U18 bei Austria gespielt, als linker Verteidiger. Wir drei haben uns dann vorm Anpfiff verteilt, um Alaba von verschiedenen Positionen aus zu beobachten. So konnten wir uns auch nicht gegenseitig beeinflussen. In der Halbzeit haben wir uns im Schneetreiben getroffen und uns war allen klar: "Mensch, ist das ein Spieler. Der ist super. Den müssen wir holen." Ich habe dann rausbekommen, dass er einen Agenten namens Jeannot Werth hatte, ein ganzer feiner Mann war das. Alaba war bei ihm, weil ein Mitspieler von der Austria gegenüber Werth damals von Alaba geschwärmt hat.

SPORT1: Haben Sie mit der Familie von Alaba gesprochen? 

Kern: Ja. Die Eltern von David waren damals sehr verbunden mit England. Sein Vater kommt aus Nigeria, seine Mama von den Philippinen und beide sprechen sehr gutes Englisch. Italien mochten sie auch, aber ich habe ihnen den FC Bayern schmackhaft gemacht. Ich habe davon berichtet, dass er bei einem Wechsel nach München im gleichen Kulturkreis bleibt, er die Sprache perfekt spricht, es nicht weit nach Wien hat und Bayern ein großer Verein ist.

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SPORT1: Wissen Sie noch, wie sich die Sache dann weiter entwickelt hat? 

Kern: Vom Cordial-Cup in Kitzbühel bin ich extra einen Tag vorher abgereist. Ich weiß es noch wie heute: Um 9 Uhr habe ich Alaba, seinen Vater und Werth am Folgetag am Flughafen abgeholt und bin mit ihnen an die menschenleere Säbener Straße gefahren. Es war Pfingsten. Mal ist Werth mit Alabas Vater rausgegangen, mal war David dabei. Es gab den ganzen Tag verschiedene Gesprächsgruppen. Am Abend sind wir uns einig geworden und um 20 Uhr habe ich sie zum Flughafen zurückgebracht.

SPORT1: Wie haben Sie die Alaba-Fraktion überzeugt? 

Kern: Ein entscheidender Punkt war, dass ich herausgefunden habe, dass er sich in der Schule der Frank Stronach Akademie (Trägerverein war damals Austria Wien, d. Red.) nicht wohlgefühlt hat. Dort standen die naturwissenschaftlichen Fächer im Vordergrund. In diesen Fächern konnte David aber nicht glänzen. Ich habe ihm suggeriert, dass er in München in die Wirtschafts-Schule gehen und dort seine Mittlere Reife machen kann. Dann haben wir alles klargemacht und David hat bei Bayern München einen Ausbildungsvertrag unterschrieben. Eines Tages rief mich der Akademie-Leiter von Austria Wien an und beschimpfte mich wüst, dass ich keine Ahnung von Pädagogik hätte. Dann habe ich ihm gesagt: "Passen's mal auf: Wenn Sie nicht dafür sorgen können, dass sich Ihre Spieler in der Schule wohlfühlen, weil sie andere Talente haben, dann sind Sie selbst Schuld." Meine Meinung war immer, wer was erreichen will, der muss Freude haben. Und wie ging es dann weiter?

SPORT1: Wir sind ganz Ohr.  

Kern: Plötzlich war David für E-Learning an einer Handelsakademie in Wien angemeldet worden, um dort seine Matura zu machen. Das war aber nichts für David. Als er dann zu uns kam, ging er nicht zur Wirtschaftsschule, sondern hat seinen Weg zum Profi verfolgt. Ich bin immer einer gewesen, der geschaut hat, dass die duale Ausbildung funktioniert und jeder Spieler aus dem Jugendhaus einen Abschluss macht. Ich hatte ja eine Verantwortung gegenüber den Eltern, denn nur ein kleiner Prozentsatz schafft es zum Profi. Nicht nur der Körper muss fußballerisch ausgebildet werden, auch der Kopf muss wachsen. Wenn das klappt und das Selbstvertrauen wächst, wird man automatisch eine tolle Persönlichkeit.

David Alaba im Jahr 2009 bei den B-Junioren des FC Bayern
David Alaba im Jahr 2009 bei den B-Junioren des FC Bayern © Getty Images

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SPORT1: Sie haben Alabas Entscheidung, die Schule zu verlassen, aber zugestimmt. Waren Sie sich sicher, dass er es zum Profi packen wird? 

Kern: Ja, nach einer Fortbildung in Aschheim in der Nähe von München. An dem Tag war es glühend heiß. Kurt Niedermayer, der damalige A-Jugend-Trainer, hat Trainingsformen für Über- und Unterzahlspiel präsentiert. Auf der linken Seite hat David immer gegen drei Mann spielen müssen. Diese Aufgabe hat er mit wahnsinnig viel Energie und Einsatz gelöst. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der in Unterzahl eins gegen drei so stark war. Noch dazu bei solchen Bedingungen. Da war mir klar, dass der Junge alles haben muss, was ein Guter braucht. Fußballerisch war er eh gut. Ab dem Moment an habe ich gesagt: Den machen wir zum Profi. Der braucht nicht mehr zur Schule gehen und keine Negativerlebnisse mehr in diesem Bereich sammeln. Er soll sich seine ganzen Erfolgserlebnisse im Fußball holen.

SPORT1: Die Familie Alaba ist Ihnen bis heute sehr dankbar. 

Kern: Das freut mich. Der Vater von ihm ist mal zu mir gekommen und hat gesagt, dass ich der einzige Mensch bin, bei dem immer eingetroffen ist, was ich ihnen versprochen habe. Ich habe der Familie von Anfang an einen klaren Karriereplan vorgezeigt. Meine Aufgabe war, David bis zu den Profis zu bringen. Das hat geklappt. Hermann Gerland und Uli Hoeneß haben ihn später übernommen.

David Alaba holte 2013 mit dem FC Bayern München das Triple
David Alaba holte 2013 mit dem FC Bayern München das Triple © Getty Images

SPORT1: Alaba steckt momentan in Vertragsverhandlungen mit dem FC Bayern, sein Vertrag läuft 2021 aus. Was wünschen Sie sich?

Kern: David ist ein gescheiter Kerl und hat eine tolle Familie. Ich würde mir wünschen, dass er bei uns bleibt, weil Bayern München mein Herzensverein ist.

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