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André Schürrle beendet seine Karriere als Fußball-Profi ungewöhnlich früh. Kritik an diesem Schritt ist unangebracht. Der SPORT1-Kommentar.

Zuerst kommt immer die Frage nach dem "Warum"? Warum beendet ein hochbegabter Fußballprofi im Alter von "nur" 29 Jahren seine Karriere?

André Schürrle hat mit seiner nicht mehr überraschenden Entscheidung zum Rückzug aus dem Profi-Geschäft diese Frage mal wieder auf die Tagesordnung gesetzt.

In der Frage nach dem "Warum" schwingt oft ein beleidigter Unterton mit. Als habe einer ein Geschenk, um das ihn viele beneiden, achtlos weggeworfen. So wie 2015 als Marcell Jansen im Alter von ebenfalls 29 Jahren seine Karriere beendete und 1990-Weltmeister Rudi Völler beklagte, dies sei "ein Schlag ins Gesicht eines jeden Sportinvaliden oder Jugendspielers, der immer noch Fußballprofi werden will." Er ergänzte diese Aussage um den berühmten Satz: "Wer sowas macht, hat den Fußball nie geliebt." Rudi Völler hat viele richtige, witzige und schlaue Dinge gesagt in seiner langen Karriere als Fußballer und Funktionär. Diese Aussagen gehörten nicht dazu.

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Die Frage nach dem "Warum" für einen frühen Rücktritt ist im Fall Jansen wie im Fall Schürrle falsch gestellt. Sie müsste lauten: "Warum denn nicht?"

In seinem Rücktritts-Interview mit dem Spiegel kritisiert Schürrle die Erwartungshaltung, Fußballprofis müssten die Karriere so lange wie nur irgend möglich auskosten. Er berichtet über den Druck, den er sich selbst machte und der von außen kam. Über Selbstzweifel und Löcher, in die er emotional gefallen sei. Berichtete, dass es nicht möglich sei, Schwäche oder Verletzlichkeit zu zeigen. Ihm das jetzt negativ auszulegen, würde ihn letztlich bestätigen.

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André Schürrle hat schon in jungen Jahren den absoluten Höhepunkt in seinem Beruf erreicht. Als Jugendspieler unter Trainer Thomas Tuchel wurde der Blondschopf 2009 mit Mainz 05 Deutscher U19-Meister (im Finale übrigens gegen den BVB mit einem gewissen Mario Götze). Wie ein spiegelverkehrter Arjen Robben zog er in den ersten Profi-Jahren in Mainz von der linken Außenbahn vor den Strafraum und zog mit rechts aus der Distanz ab.

Danach führte der Weg über Bayer Leverkusen zum FC Chelsea und von dort zur WM 2014 nach Brasilien. Dort erlöste er Deutschland erst im Achtelfinale gegen Algerien per Hacke, traf zwei Mal im beim 7:1 im legendären Halbfinale gegen Brasilien. Um dann im Finale die wahrscheinlich berühmteste Flanke der deutschen Fußballgeschichte auf die Brust von Götze zu löffeln.

Als das passierte war Schürrle 23 Jahre alt. Für ihn und den ein Jahr jüngeren Götze ging es nach dieser Nacht im Maracana nicht mehr weiter nach oben. Wohin denn auch? Besser und größer geht es nicht.

Kein Wunder, dass nachdenkliche Charaktere wie Schürrle ganz offensichtlich einer ist, mit der Last dieser Erwartungen Probleme bekommen können. Er hat sich jetzt entschieden, dem Leben als Profi den Rücken zu kehren. Und auf Basis seiner Aussagen kann man ihm dazu nur gratulieren.

Der Fußball hat sich in den letzten Jahren so stark weiterentwickelt, dass das alte Märchen des Straßenkickers, der sich nach oben kämpft und so lange wie möglich die Knochen hinhält, damit er nach dem Karriere-Ende nie mehr arbeiten muss, nicht mehr zeitgemäß ist. Der Druck ist auch ein ganz anderer.

Spieler wie Schürrle oder Jansen profitieren von den seit den 90er-Jahren enorm angewachsenen Gehältern. Diese ermöglichen es ihnen an einem Punkt aufzuhören, an dem sie schlicht keine Lust mehr haben. Diese Entscheidung muss jedem Menschen selbst überlassen sein, auch als Millionenverdiener. Ob die Fußball-Branche sich darüber Gedanken macht, wie solche frühen Abgänge sich vielleicht verhindern lassen, kann ihnen erstmal egal sein.

Die Liebe zum Fußball muss unter dem Karriere-Ende übrigens nicht leiden. Marcell Jansen hat in der abgelaufenen Saison 20 Spiele absolviert und dabei 14 Tore geschossen. Für den HSV III in der Oberliga Hamburg.

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