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München - Nachdem Manuel Neuer ein umstrittenes kroatisches Lied mitsingt, stellt sich die Frage: Wusste der Keeper des FC Bayern um die Brisanz des Textes?

Eine Strandbar an der dalmatinischen Küste, im Hintergrund das azurblaue Meer. Begleitet von den Klängen eines Akkordeons singen etwa ein Dutzend Männer inbrünstig ein kroatisches Lied. Es wird gelacht und - Corona zum Trotz - sich umarmt. Auf einigen Tellern liegen Stücke einer Wassermelone, das Bier schäumt aus Pappbechern, die Stimmung ist ausgelassen.

Mittendrin in dieser feiernden Gesellschaft befinden sich Bayern-Torwart Manuel Neuer und sein Trainer Toni Tapalovic. Besonders verblüffend: Neuer ist nicht nur stiller Teilnehmer, sondern schmettert scheinbar textsicher die Hymne lauthals mit.  

Die Aufnahmen, die seit Sonntag in den sozialen Netzwerken die Runde machen, könnten als Werbevideo für die Urlaubsregion oder die deutsch-kroatische Freundschaft herhalten - hätte sie nicht einen brisanten Hintergrund. 

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Bei dem Lied handelt es sich um die patriotische Hymne "Lijepa Li si" ("Du bist schön") der Band Thompson, die nach dem Spitznamen ihres Gründers und Frontmannes Marko Perkovic benannt ist. Thompson war die Marke der Waffe, die Perkovic im Kroatien-Krieg mit sich führte.

Neuer hat besondere Beziehung zu Tapalovic und Kroatien

Dabei ist weniger das Lied selbst, als die Reputation der Band das Problem - schließlich wird der in Kroatien erfolgreichen Gruppe seit Jahren eine Verherrlichung des kroatischen Faschismus vorgeworfen. 

Die drängendste Frage, die sich angesichts der Aufnahmen stellt: Wusste Neuer, auf was er sich da einlässt? 

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Der Hinweis seines Managements, Neuer spreche kein Kroatisch, ist zumindest anzuzweifeln. Laut Bild sei Neuer der Sprache sehr wohl mächtig. Durch seine langjährige Verbindung mit Tapalovic, der schon zu Schalker Jugendzeiten sein Torwarttrainer war, ist davon auszugehen, dass Neuer nicht völlig ins Blaue sang. 

Überhaupt Tapalovic: Die Beziehung zwischen Neuer und seinem Coach geht über ein normales Arbeitsverhältnis weit hinaus. "Der Torwart, der ich heute bin, bin ich auch dank Toni Tapalovic", erzählte Neuer im November 2018 auf Bayerns Vereinshomepage: "Er hat mich mitentwickelt, und ich konnte auch einiges aus Tonis aktiver Zeit lernen."

Auch privat verstehen sich die beiden prächtig, 2017 war Tapalovic sogar Trauzeuge des Bayern-Kapitäns. 

Neuer gibt Lokalrunde aus

Der Torwarttrainer dürfte es auch gewesen sein, der Neuer seine kroatische Heimat schmackhaft machte. Schon seit vielen Jahren bereist der Weltmeister von 2014 die dalmatinische Küste - so auch in diesem Jahr. Auf kroatien-nachrichten.de heißt es: "Neuer, der in dieser Saison zum achten Mal die deutsche Bundesliga gewann, ist ein regelmäßiger Besucher Kroatiens und verbringt gerne Zeit in Brela an der Makarska Riviera."

Auf dem Dalmatinski-Portal erfährt man außerdem, dass Neuer "ein begeisterter Radfahrer" ist und "auf einer Fahrt in das Dorf Gata laut eine Runde Getränke ausrief und Autogramme gab". Im Sommer 2019 sei er noch mit Ehefrau Nina mit dem Fahrrad an der Küste unterwegs gewesen und habe unter anderem die Küstenstadt Dubrovnik besucht. 

In diesem Jahr stattete er der Insel Sipan einen Besuch ab und testete am Strand von Prijezba mit dem Wasserball-Profi Niksa Dobud seine Fähigkeiten im Wasserball-Tor.

Dass der Bayern-Keeper ein Kroatien-Liebhaber ist, ist also nicht von der Hand zu weisen - was auch Barcelona-Star Ivan Rakitic bei SPORT1 bestätigt. "Manu ist in Kroatien wie einer von uns. Wir sind unheimlich stolz, dass es immer wieder nach Kroatien kommt und sich bei uns so wohl fühlt", erzählt der Vize-Weltmeister von 2018.

Rakitic nimmt Neuer in Schutz: "Manu hat doch nichts gemacht"

Neuer und Rakitic kennen sich aus Schalker Zeiten - und auch ihre Verbindung ist eine besondere. "Er war für mich auf Schalke wie ein älterer Bruder", verrät der Barca-Star.

Angesprochen auf das umstrittene Lied, das Neuer aus vollem Herzen mitsang, sieht Rakitic keinerlei Verbindung zur rechten Szene. "Das Lied hat damit nichts zu tun und Manu auch nicht", erklärt Rakitic. "In dem Video singen sie über die Liebe zu Kroatien. Man sieht, wie wohl sich Manu fühlt. Mich haben hunderte von Leute angerufen und mir erzählt, wie dankbar sie sind, dass er da ist."

Für Rakitic ist es "schade, was daraus jetzt gemacht wird. Manu hat doch nichts gemacht. Er fühlt sich wohl bei uns, und er bringt die Kroaten näher zusammen."

Doch ist das Lied tatsächlich so unbelastet, wie Rakitic erklärt? 

Umstrittene Fußball-Hymne

Während die meisten Kroaten das Lied einfach nur als patriotisch empfinden, haben Menschen anderer Nationen des früheren Jugoslawien eine andere Wahrnehmung. Sie stören sich an der nationalistischen Symbolik und Rhetorik. Zudem wird in zwei Liedzeilen das unabhängige Bosnien-Herzegowina zu Kroatien dazugezählt.

Bereits bei der EM 2016 versuchte die Organisation "SOS Racisme", den Song verbieten zu lassen. Davor Suker, früherer Stürmerstar und heutiger Präsident des kroatischen Fußball-Verbandes, verwahrte sich dagegen und sprach sogar von Erpressung. Auch er befand, der Song enthalte "nichts Umstrittenes".

Im kroatischen Fußball ist "Lijepa Li si" fast schon vergleichbar mit der Liverpool-Hymne "You'll never walk alone". Perkovic selbst fuhr 2018 mit den kroatischen Vize-Weltmeistern in einem Bus vorbei an tausenden jubelnden Fans.

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Dass die Band einen rechtsextremen Hintergrund hat, ist nicht von der Hand zu weisen. Bei Konzerten wurde offenbar mehrfach der Hitlergruß gezeigt. Bereits 2003 ermittelte die kroatische Staatsanwaltschaft wegen Volksverhetzung, es kam allerdings nie zu einer Verurteilung.

Konzerte der Gruppe wurden auch in Deutschland schon abgesagt, ebenso in Österreich. In der Schweiz hatte Thompson jahrelang Auftrittsverbot.

Neuer selbst, der nach wie vor in Kroatien weilt, äußerte sich bislang nicht zu den Vorwürfen. Es ist aber zu vermuten, dass er sich einstweilen nicht mehr auf einer bierseligen Sommerparty am dalmatinischen Strand filmen lässt.

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