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München - Youssoufa Moukoko ist der jüngste Debütant der Liga-Geschichte. Michael Sternkopf, selbst mit 17 Profi beim KSC, kennt die Schattenseiten eines frühen Hypes.

Michael Sternkopf war 17, als er Profi beim Karlsruher SC wurde - und 20, als er zum FC Bayern wechselte. 

Er erlebte aber auch die Schattenseiten des Lebens. 2011 begab sich Sternkopf wegen seiner Burnout-Erkrankung in Behandlung. Heute hält Sternkopf Vorträge über seine Geschichte und hilft so anderen Menschen, die ebenfalls darunter leiden.

Im SPORT1-Interview spricht der 50-Jährige über Druck im Fußball, die schwarze Seite seiner Karriere und Borussia Dortmunds Jungprofi Youssoufa Moukoko, der am vergangenen Samstag als 16-Jähriger sein Bundesliga-Debüt feierte.

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SPORT1: Herr Sternkopf, was machen Sie gerade?

Michael Sternkopf: Ich halte unter anderem an Schulen, in Gemeinden und Unternehmen Vorträge über mein Thema "Sehnsucht Mensch sein" sowie über Versagensängste und erzähle über meine dunklen Zeiten im Fußball, in denen es mir nicht gut ging und wo ich an dem Druck fast zerbrochen wäre. 2018 habe ich zum Glauben an Jesus Christus gefunden und das hat mein Leben verändert. Dann arbeite ich noch für einen Freund, der eine Fußballschule hat und für eine Sport-Agentur in Berlin. Mein Tag wird nicht langweilig.

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Sternkopf fühlte sich nach KSC-Debüt unbesiegbar

SPORT1: Sie waren 17, als Sie damals beim Karlsruher SC Ihr erstes Spiel als Profi machten. Welchen Gedanken gehen einem jungen Mann da durch den Kopf?

Sternkopf: Ich fühlte mich unbesiegbar, habe aus Leidenschaft drauflos gespielt, da hat mich nichts halten können. Ich will nicht von Naivität sprechen, aber ich fand das einfach toll und habe mir keine Gedanken darüber gemacht wie viele Fans im Stadion sind oder wie viele Menschen das an den Fernsehgeräten sehen können. Gedanken habe ich mir nach meinem Wechsel zum FC Bayern gemacht.

SPORT1: Da waren Sie 20...

Sternkopf: Ein junger Kerl. 1990 war das und mit mir standen sechs oder sieben Bayern-Spieler auf dem Platz, die gerade Weltmeister geworden sind. Ich war ein junges Talent, aber wenn du dann in ein Team kommst, in dem über die Hälfte der Plätze durch Nationalspieler besetzt sind, ist das nicht einfach. Ich wurde beim KSC vom Erfolg getragen, was Zuspruch und Anerkennung betraf und hatte im ersten Bayern-Jahr gleich einen Bandscheiben-OP und nur sechs, sieben Einsätze, das haut einen dann aus der Bahn. Genau das passierte nach dem ersten Jahr in München.

Michael Sternkopf (FC Bayern) nimmt sich eine Auszeit
Michael Sternkopf (FC Bayern) nimmt sich eine Auszeit © Imago

SPORT1: Wie sind Sie damit umgegangen?

Sternkopf: Ich bin zu Dr. Müller-Wohlfahrt und sagte ihm 'Doc, ich weiß nicht, was mit mir los ist, aber ich habe Probleme'. Ich wurde damals wahnsinnig schnell müde und hatte Angst, Fehler zu machen. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren und diese Angst, anderen nicht zu gefallen, hat mich fertig gemacht. Ich wollte erfolgreich sein und von den Leuten gemocht werden, ich kostete damals immerhin die teuerste Ablösesumme in der Bundesliga. Und darüber habe ich gegrübelt, als es nicht so lief. Beim KSC war ich nach anderthalb Jahren auf Wolke sieben, bei Bayern kam dann die Ernüchterung. Da war ich dem Ganzen mental und psychisch gar nicht gewachsen.

SPORT1: Anders als Sebastian Deisler haben Sie aber nicht aufgehört. Warum?

Sternkopf: Ich habe weitergemacht, weil es besser wurde. Ich habe mich wieder ran gekämpft. Ganz aufhören war für mich keine Option. Ich wollte weiter Fußball spielen. Wenn ich höre, dass bei Sebastian Deisler viele davon sprechen, dass er es nicht geschafft hat, weil er aufgehört hat, dann muss ich das Gegenteil erwidern. Er hatte den Mut zu sagen 'Nein, das war's für mich'. Ich habe größten Respekt vor seiner Entscheidung. Wenn er das nicht gemacht hätte, wäre es vielleicht wie bei Robert Enke geendet.

SPORT1: Enke hat leider den Freitod gewählt, Deisler aufgehört. Sie haben einen Mittelweg gefunden...

Sternkopf: Die Tragödie um Robert ist für mich heute noch unbegreiflich. Damals hat man versucht durch dieses traurige Ereignis irgendwas zu verändern und es wurden große Reden geschwungen. Aber letztendlich waren das von den Bossen, die die Macht gehabt hätten, etwas zu durchbrechen, nur leere Worte. Da spreche ich auch meine ehemaligen Mitspieler an, die heute TV-Experten sind. Von ihnen würde ich mir wünschen, dass wir nicht vergessen, dass auch wir Tage oder Wochen hatten, an denen wir keine gute Leistung gebracht haben. Früher ist uns auch ein Spieler im Rücken weggelaufen, man kann nicht immer alles richtig machen, weil der Gegner auch mal besser ist. Lasst doch mal das ganze Geld außen vor, denn es sind alles Menschen.

Youssoufa Moukoko feierte gegen die Hertha sein Bundesliga-Debüt
Youssoufa Moukoko feierte gegen die Hertha sein Bundesliga-Debüt © Imago

Das denkt Sternkopf über BVB-Talent Moukoko

SPORT1: Youssoufa Moukoko ist jetzt 16 Jahre alt und hat sein Debüt für den BVB gefeiert. Was halten sie angesichts ihrer Vorgeschichte davon? 

Sternkopf: Es gibt zwei Seiten der Medaille und ich möchte das nicht nur negativ sehen. Der Junge ist erst 16, spielt sein Leben lang Fußball und trainiert jetzt mit den Profis. Für Moukoko geht gerade ein Riesen-Traum in Erfüllung. Wenn man ihn jetzt positiv begleitet und es läuft in die richtige Richtung, dann kann das alles gut werden. Und ob er jetzt mit 16, 17 oder 18 sein erstes Bundesligaspiel macht oder wenn man sagt 'Bevor er nicht 18 ist, darf er nicht im Profifußball spielen', ist doch egal. Es gibt nämlich genügend Beispiele von Spielern, die haben mit 20 oder 21 begonnen und es nicht gepackt, weil sie gesundheitliche Schwierigkeiten hatten. Ich würde es nicht nur am Alter festmachen.

SPORT1: Aber mit Verlaub: Moukoko ist fast noch ein Kind.

Sternkopf: Das stimmt. Die Frage, die von mir als ehemaliger Fußballer erlaubt sein darf, ist zu hinterfragen, wo der Druck herkommt? Es bringt nichts zu sagen 'Der Moukoko sollte sich so oder so verhalten'. Der Junge kann sich verhalten, wie er will. Er muss Leistung bringen und gut spielen, sonst wird er in der Öffentlichkeit zerrissen. Doch der Verein wird Moukoko nicht kaputt machen, sondern hinter ihm stehen und fürsorglich für ihn da sein.

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SPORT1: Was ist, wenn der Junge in ein Loch fällt?

Sternkopf: Dann wird es schwierig. Es geht schon los, wenn er mit 18 den Führerschein hat und sich ein Auto kauft. Er wird mit Sicherheit nicht mit einem 20 Jahre alten Wagen auf den BVB-Parkplatz fahren, wenn er dann noch da spielt. Er wird schon jetzt ein ordentliches Auto haben und in den Medien wird ruckzuck eine Diskussion über Neid und Missgunst aufgebaut, die dem Jungen nicht gut tun wird. Aber dieses Gerede kommt nicht vom Verein, sondern von den Medien.

SPORT1: Kann man die Schuld wirklich nur bei den Medien abladen?

Sternkopf: Ich will gar nicht von Schuld sprechen, aber wen müsste man noch nennen außer die Medien? Natürlich haben die Fans eine irre Erwartungshaltung, aber in Dortmund wird man einen 16-Jährigen erstmal zu 100 Prozent unterstützen. Auch in jedem anderen Stadion. Und einem 16-Jährigen verzeiht man auch Fehler. Den Vorschuss wird Moukoko haben. Aber verzeiht man ihm mal schlechtere Spiele? Als Verein baust du den Druck nicht auf, sondern versuchst diesen von so einem jungen Spieler zu nehmen.

SPORT1: Spielt auch Social Media eine Rolle?

Sternkopf: Mit Sicherheit. So ein junger Spieler sollte Instagram meiden, wenn ein Spiel mal nicht so gut lief. Glücklicherweise gab es das zu meiner Zeit nicht, vor allem keine Handykameras, die jeden Schritt festhalten. Wir waren noch frei in der Bewegung, es ist schon Wahnsinn, was heute auf junge Menschen einprasselt.

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Sternkopf: Wünsche mir, dass man Moukoko Zeit gibt

SPORT1: Was würden Sie Moukoko raten?

Sternkopf: Mit 16 Jahren bist du unbekümmert, das war ich mit 17 beim KSC auch. Ich habe das so großartig gefunden, in ein Stadion einzulaufen, in dem die Massen für dich sind. Der Druck, Leistung zu bringen, ist immer da. Es wäre der falsche Ansatz, wenn ich Moukoko etwas raten würde. Ich würde lieber die Medien, die Fans und die Menschen in den sozialen Netzwerke darum bitten, sanftmütiger miteinander umzugehen und nicht immer gleich draufzuhauen. Wenn das Umfeld Moukoko kritisieren will, dann hat er keine Chance und kann machen, was er will. Eines ist klar: Die Jungs sind heute alle noch besser ausgebildet, als wir früher und bringen eine außergewöhnliche Leistung. Wir müssen uns für Moukoko freuen, dass er mit 16 schon so weit ist. Probleme wird es geben, wenn sie von außen gemacht werden.

SPORT1: Thorsten Fink sagte zuletzt in einem Interview, dass er sich von Roque Santa Cruz mehr erwartet hätte, dieser offenbar auch mit dem Druck nicht umgehen konnte. Er hätte einer wie Robert Lewandowski werden können.

Sternkopf: Da gibt Thorsten dem Roque und seinem fußballerischen Können eine große Anerkennung, das ist zunächst doch mal positiv. Aber es ist natürlich auch Kritik, weil Roque ein ganz Großer hätte werden können, dies aber nicht geschafft hat. Aber was ist ein ganz Großer? Macht immer nur der Erfolg einen Menschen aus? Ist man nur dann groß, wenn man erfolgreich ist? Roque war wie ich ein extrem talentierter Fußballer, er hat acht Jahre bei Bayern gespielt, ich nur fünf. Zum Fußballer gehört auch eine psychische Stärke. Wenn du die nicht hast und kämpfst immer nur mit deinem Selbstwert, den du dir über Erfolg holst, dann ist das problematisch. Das macht etwas mit dir. Ein Fußballer ist auch wertvoll, wenn er nicht spielt. Das muss man wissen, sonst geht man daran kaputt - auch ein Moukoko.

SPORT1: Abschließend: Was wünschen Sie Moukoko?

Sternkopf: Ich wünsche ihm, dass sein Umfeld Verständnis für ihn aufbringt und alle realisieren, dass sie eine Riesenchance haben, in den nächsten Jahren Gefallen an einem spannenden Spieler zu finden, der uns wahnsinnig tolle Momente bereiten kann. Wir wollen doch alle Spaß haben beim Fußball und wollen begeistert werden. Wenn das mal nicht klappt, dann wünsche ich dem Jungen, dass ihn keiner zerreißt. Ich will keine Posts lesen, was er für ein Versager ist. Ich wünsche mir, dass man dem Jungen Zeit gibt. Eine Niederlage ist keine Schande. Auch Moukoko wird nicht in jedem Spiel die Leistung bringen, die sich alle wünschen.

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