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Frankfurt am Main - Daichi Kamada zählt seit zwei Jahren zu den Topscorern bei Eintracht Frankfurt. Dennoch wird er von Teilen des Umfelds kritisch gesehen. Was steckt dahinter?

Am Sonntagabend hätte das Publikum in Sinsheim wohl einige Sekunden den Atem angehalten, voller Ehrfurcht auf das Feld geblickt und sich – wenn Fan – zum Jubel erhoben oder – wenn gegnerischer Anhänger - zumindest anerkennenden Applaus geschenkt. 

Was war passiert? Eintracht Frankfurt ging gegen die TSG Hoffenheim gerade mit 2:1 in Führung und eroberte kurz nach dem Anstoß den Ball. Innenverteidiger Tuta gab das Leder zügig weiter an Daichi Kamada – und der Japaner? 

Der blickte kurz nach oben und zauberte einen in dieser Art und Weise nur auf Weltklasseniveau zu beobachtenden Diagonalball über 50 Meter punktgenau in den Fuß von Filip Kostic. Die serbische Maschine nahm Ball und Tempo mit, spielte Pavel Kaderabek Knoten in die Beine und fand den Kopf von André Silva, der diesen Spielzug formvollendete.

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Hütter sieht genialen Kamada

"Daichi ist ein kreativer Spieler, der mit seiner Genialität den Unterschied ausmachen kann. Das hat er diesmal gezeigt", lobte Trainer Adi Hütter auf Nachfrage von SPORT1. Dem Österreicher fiel aber noch etwas anderes auf: "Kamada hat von Anfang an gezeigt, was er will. Er war sehr präsent, hat Bälle erobert, war bissig im Zweikampf und hat sich gut durchgesetzt."

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Es ist ein wunder Punkt, den Hütter anspricht. Hier entzünden sich im Umfeld der Eintracht die Diskussionen um den Offensivmann, der auf seine Art und Weise polarisiert. Reichen Potenzial und Einsatz wirklich für ganz oben bei ihm?

Kamada polarisiert und sorgt für Diskussionen im Eintracht-Umfeld

Die Befürworter heben die Fakten hervor: zwei Saisontore, neun Vorlagen und tolle vorletzte Pässe, wie sie in Hoffenheim zweimal zu begutachten waren. Die Kritiker verweisen auf Kamadas Körpersprache, die hier und da Lässigkeit oder gar einen Tick Lustlosigkeit signalisiert.  (Spielplan und Ergebnisse der Bundesliga)

Der Künstler kann die Gegner zur Weißglut treiben – aber auch den eigenen Anhang. Vor allem der mangelnde Biss in den Zweikämpfen wird ihm dann vorgeworfen, phasenweise taucht er ab. Wenn Kamada dann keine Fakten liefert, wird der Unmut groß und der Ruf nach der Auswechslung schnell laut.

Ein typischer Ben-Manga-Transfer

Wer ist dieser Mann, der in einzelnen Spielen zwischen Genie und Wahnsinn pendelt? Kamada ist zunächst ein typischer Transfer von Chefscout Ben Manga. Er kam im Sommer 2017 als 21-Jähriger vom japanischen Klub Saga Tosun für 1,6 Millionen Euro an den Main und war bis dahin nur Branchen-Insidern bekannt. (Das ist Bobics Transfergeheimnis)

Sein damaliger Trainer Niko Kovac stellte nach den ersten Eindrücken beim Bundesliga-Debüt fest: "Was für ihn gesprochen hat, ist, dass er balltechnisch außerordentlich gut ist und sich sehr gut in den Räumen bewegt, die der Gegner nicht kontrollieren kann." Der Kroate hat die Qualitäten von Kamada also sehr früh erkannt.

Doch der Sprung aus der Heimat in die Bundesliga war zu groß, es folgte nach einer enttäuschenden Rückrunde ohne jegliche Einsatzminute die Leihe nach Belgien zu St. Truiden.

In 36 Partien gelangen Kamada 16 Treffer und neun Vorlagen, er kam gestärkt zurück und Hütter schob einem angedachten Wechsel nach Italien in der Saisonvorbereitung einen Riegel vor. Er blieb und wurde in der vergangenen Spielzeit mit acht Torbeteiligungen in zehn Partien vor allem Mister Europa League bei der Eintracht.

Bundesliga-Durchbruch nach dem Re-Start

In der Bundesliga tat sich Kamada hingegen lange Zeit schwer, seinen Aktionen fehlte die Vollendung. Der Nationalspieler nutzte die coronabedingte Pause, legte körperlich zu und kreierte unter anderem zusammen mit Silva das Tor des Monats Juni. In Berlin umkurvte er die gesamte Abwehr und legte präzise quer, der Portugiese vollendete per Hacke. Es sind diese Momente, in denen er den Anhang mit der Zunge schnalzen lässt. 

Allerdings strahlt er mit seiner professionell-kühlen Art nicht die Emotionalität aus, die sich Eintracht-Fans von den Profis wünschen. Kamada weiß um sein Potenzial und sieht sich zukünftig bei Champions-League-Klubs spielen.

Er kündigte rund um seine Vertragsverlängerung bis 2023 konkret an, dass er mindestens an 15 Treffern beteiligt sein will. Elf Scorerpunkte sammelte er bereits in 19 Bundesliga-Partien. 16 seiner insgesamt 19 Bundesliga-Scorerpunkte kamen nach dem Re-Start im Mai in 28 Begegnungen hinzu – ein Topwert, der nur von Silva überboten wird.

Kamada strebt in die Champions League

Die Eintracht also als Sprungbrett nach Spanien, Italien oder England?

"Um auf das nächste Level zu kommen, brauche ich dann einen Verein, der jedes Jahr in der Champions League spielt", sagte Kamada zu Saisonbeginn. Aktuell sieht er sich in Frankfurt dafür bestens aufgehoben – auch wenn er hier und da den Anhang reizt.

Doch der Klub klopft an der Königsklasse. Und mit weiteren Aktionen, wie gegen die TSG, werden auch die Diskussionen um Kamada bald schon verstummen. (Tabelle der Bundesliga)

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