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München - Die Coronafälle bei Hertha BSC haben gravierende Folgen für die gesamte Bundesliga. Es bleibt nur ein Ausweg. Sonst droht der Liga eine Klagewelle.

Es war nur einer von mehr als 1000 Positiv-Fällen am Donnerstag in Berlin. Doch er könnte für die gesamte Bundesliga weitreichende Konsequenzen haben.

Nachdem bekannt wurde, dass Hertha-Profi Marvin Plattenhardt positiv auf das Coronavirus getestet wurde, beantragten die Berliner bei der DFL die Verschiebung von gleich drei Bundesliga-Spielen.

Denn es war nicht der erste Fall beim abstiegsbedrohen Hauptstadtklub. Zuvor schon hatten sich Trainer Pal Dardai, Co-Trainer Admir Hamzagic und Stürmer Dodi Lukebakio mit dem Virus angesteckt.

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Das Quartett ist zwar nach aktuellen Informationen symptomfrei. Doch mittlerweile musste sich das gesamte Berliner Team in eine 14-tägige Quarantäne begeben. (KOMMENTAR: Das Kartenhaus Bundesliga droht einzustürzen)

Fall Hertha und die Folgen für die Bundesliga

Für die Bundesliga kommt diese Nachricht zur Unzeit. Denn die dritte Infektionswelle, die nun auch die Liga erreicht hat, ist nicht nur eine enorme Herausforderung für das Hygiene-Konzept. Sie droht auch den Spielplan bis zum Saisonende gehörig durcheinander zu wirbeln – mit erheblichen Konsequenzen vor allem im Abstiegskampf. (Die Tabelle der Bundesliga)

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Jetzt könnte sich rächen, dass sich die Klubs Anfang April dagegen entschieden haben, in der Schlussphase der Saison Quarantäne-Trainingslager zu absolvieren. Das hätte bedeutet, dass die Mannschaften ihr Hotel nur noch für Training, Spiele und Auswärtsfahrten verlassen dürften.

Doch die Vereine verwiesen darauf, dass sie bereits mit den eingeführten täglichen Schnelltests die Lage so weit unter Kontrolle bekommen würden.

Dies könnte sich nun als folgenschwerer Irrglaube herausstellen. Schließlich stehen bis Ende Mai noch sechs Bundesliga-Spieltage, die Relegation sowie das Halbfinale und das Finale im DFB-Pokal an. Eingeläutet wird das straffe Restprogramm in den nächsten Tagen mit einer englischen Woche. (Spielplan der Bundesliga)

Wie schwer es wird, in diesen eng getakteten Terminplan noch Nachholspiele hineinzuquetschen, zeigt bereits der Fall Hertha. "Aus sportlicher Sicht trifft uns das natürlich, denn wir haben nun im Kampf um den Klassenerhalt im Mai sechs Bundesliga-Spiele bis zum Saisonende am 22. Mai zu absolvieren", klagte Sportdirektor Arne Friedrich.

Die Spiele im April gegen Mainz am kommenden Sonntag sowie gegen Freiburg und Schalke in der nächsten Woche kann das Team wegen der Quarantäne-Auflagen nicht wie geplant bestreiten. Die DFL hat reagiert und die Spiele folgerichtig zunächst einmal abgesetzt.

"Selbstverständlich werden wir uns Gedanken machen, wie diese Spiele neu anzusetzen sind. Das ist eine Herausforderung für den Spielplan, das ist klar", sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert der Bild. "Es ist aber auch klar, dass so etwas in dieser Zeit passieren kann. Insofern werden wir uns dieser Situation stellen und darüber nachdenken, wie der Plan anzugehen ist."

Wird die Hertha ein zweites Dynamo?

Die Angst der Herthaner vor negativen Konsequenzen der Termin-Hatz im Mai ist sehr gut nachvollziehbar. Auch in Berlin wird man sich an die vergangene Saison erinnern, als Dynamo Dresden in der 2. Bundesliga ohne Trainingsvorbereitung acht Spiele in 21 Tagen zu bestreiten hatte – und am Ende absteigen musste.

Dass die Ausgangslage der Hertha nun mit drei Punkten Vorsprung auf einen Abstiegsplatz etwas besser ist als die der Dresdner vor einem Jahr, lässt die Sorgenfalten in Berlin nicht weniger werden.

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"Ich mache mir schon Gedanken, dass wir in eine Situation kommen, die wir schwer beherrschen", sagte Herthas Geschäftsführer Carsten Schmidt am Freitag. "Aber wie weit das in den Mai reinragt und wir in der Bundesliga Ansetzungsprobleme bekommen - das ist Spekulation. Wir müssen allerdings anerkennen, dass die Zahlen steigen und dass der Fußball keine Ausnahme ist."

Aber nicht nur in der Hauptstadt schrillen die Alarmglocken. Auch die Konkurrenten im Abstiegskampf dürften eine Wettbewerbsverzerrung fürchten. Mainz 05 ist von den zu erwartenden Spielverlegungen gleich doppelt betroffen.

Erstens müssten auch die Rheinhessen in der entscheidenden Schlussphase der Saison einmal mehr ran als die direkten Konkurrenten. Und zweitens ist das Mainzer Restprogramm mit Spielen gegen die Bayern, Eintracht Frankfurt, Borussia Dortmund und Wolfsburg ohnehin knüppelhart.

Diese Partien würden sich leichter bestreiten, wenn man aus dem Hertha-Spiel gegebenenfalls schon mal drei Punkte eingefahren hätte. "Aus sportlicher Sicht hätten wir am Sonntag gerne gespielt, aber wir können das nicht beeinflussen", meinte FSV-Vorstand Christian Heidel. "Wir nehmen es, wie es kommt, aus der Perspektive von Mainz 05 gibt es keinen Anlass zu lamentieren."

Verlängerung der Saison schwer möglich

Im Vergleich zum vergangenen Jahr kommt für die Bundesliga allgemein in dieser Saison ein Faktor erschwerend hinzu: Die Saison kann nicht über das vorgesehene Ende hinaus verlängert werden. Noch am 31. Mai, also nur zwei Tage nach dem geplanten Rückspiel in der Bundesliga-Relegation, müssen die Nationalspieler für die am 11. Juni beginnende EM-Endrunde abgestellt werden.

Das heißt, bis dann müssen die Entscheidungen gefallen sein: nicht nur über den Abstieg, sondern auch über die Meisterschaft und die Teilnahme an den europäischen Wettbewerben.

In der 2. Bundesliga ist die Situation noch prekärer. Schließlich befinden sich im Unterhaus derzeit mit Holstein Kiel, dem Karlsruher SC und dem SV Sandhausen gleich drei Teams in Quarantäne.

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Klub-Boss: "Vielleicht keine Relegation"

Jürgen Machmeier, der Präsident des abstiegsbedrohten SVS, hat deshalb schon laut über kurzfristige Änderungen des Spielplans nachgedacht. "Vielleicht gibt es dann auch keine Relegation, bevor wir dann mittendrin eine Runde abbrechen", sagte er dem Deutschlandfunk.

Dadurch würde man in den oberen Ligen zwar zwei Spieltage einsparen, doch was wären die Folgen? Würden dann jeweils nur zwei Vereine auf- und absteigen oder drei? Und wie würden die benachteiligten Vereine reagieren? Eine Klagewelle wäre wahrscheinlich.

Ein ähnliches Horror-Szenario würde der DFL bei einem anderen Vorschlag drohen. Im Eishockey hat sich die DEL schon dafür entschieden, die Schlusstabelle der Hauptrunde anhand der Quotientenregel zu bestimmen. In der Handball-Bundesliga gibt es ähnliche Überlegungen, wie HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann bei SPORT1 sagte.

Heißt: Falls am Saisonende nicht alle Mannschaften auf die gleiche Anzahl an Spielen kommen, würde die Punktzahl durch die bisher bestrittenen Partien geteilt.

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Mainz könnte sicherlich damit leben, wenn die Bundesliga dies jetzt beschließen würde. Dann würden eventuell die Spiele gegen die Top-Klubs nicht mehr ins Gewicht fallen. Andere Klubs aber, wie der Vorletzte 1. FC Köln, die die meisten Hochkaräter schon hinter sich haben, würden aber auf die Barrikaden gehen.

Um solche Szenarien zu vermeiden, bleibt der DFL wohl nur der ganz harte Schnitt. Sie wird an der zunächst verworfenen Idee eines Quarantäne-Trainingslagers in beiden Ligen nicht mehr vorbeikommen. Nur so kann bei den derzeit rasant steigenden Infektionszahlen die Gefahr von weiteren Spielverlegungen minimiert werden.

"Es ist klar, dass wir noch Zeit haben, die Saison auf regulärem Wege zu Ende zu spielen, dass die Entscheidung auf dem Platz fällt und nicht am grünen Tisch", sagte Seifert: "Wenn wir sehen, dass sich die Situation in zwei Wochen anders darstellt, dann werden wir uns Gedanken machen."

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