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München - Das Beispiel Jan Vertonghen zeigt: Im Fußball wird oft zu leichtfertig mit Kopfverletzungen umgegangen. Das kann gravierende gesundheitliche Konsequenzen haben.

Es war die beste Nachricht an einem aus Sicht der Tottenham Hotspur völlig verkorksten Abend: Jan Vertonghen geht es den Umständen entsprechend gut.

Und danach hatte es eine Zeit lang wahrlich nicht ausgesehen bei der 0:1-Niederlage der Spurs im Hinspiel des Champions-League-Halbfinales gegen Ajax Amsterdam. In der 31. Minute war Vertonghen im Luftkampf mit Ajax-Keeper André Onana und Teamkollege Toby Alderweireld zu Boden gegangen, nachdem er mit dem Kopf seines Abwehrkollegen zusammengestoßen war.

Minutenlang wurde er behandelt, das Blut floss über sein Gesicht. Doch das war nicht die einzige Szene, die die Zuschauer in Schock versetzte. Nachdem die Blutung gestillt wurde, kehrte der Belgier zunächst aufs Spielfeld zurück.

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Nur eine Minute später taumelte er wieder vom Feld, er schaffte es dabei kaum an die Seitenlinie, wo er schließlich zusammensackte. Gestützt von Betreuern wurde er in die Kabine geführt. Und das, obwohl sich Schiedsrichter Antonio Lahoz im Zwiegespräch mit Vertonghen und den Spurs-Verantwortlichen zuvor ausführlich über den Zustand des Verteidigers erkundigt hatte.

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Massive Kritik an Spurs-Entscheidung

Für die Entscheidung, den Belgier wieder aufs Spielfeld zu schicken, gab es massive Kritik. "Vertonghen durfte UNTER KEINEN UMSTÄNDEN zurück aufs Feld kommen…ABSCHEULICHE und ERBÄRMLICHE Entscheidung der medizinischen Abteilung von Tottenham", twitterte der ESPN-Experte und ehemalige US-Nationalspieler Taylor Twellman, dem seinerzeit ähnliches widerfuhr wie Vertonghen.

Spurs-Coach Mauricio Pochettino wies die Kritik zurück, seine Mediziner hätten sich an das Protokoll der FIFA gehalten. In diesem Protokoll wurde festgehalten, unter welchen Umständen ein Spieler nach einem Kopftreffer sofort ausgetauscht werden sollte.

Doch nicht nur das Beispiel Vertonghen zeigt, dass auch trotz genauer Untersuchung das Risiko unmittelbar nach einem Kopftreffer nicht immer klar erkennbar ist. Erinnert sei an den Fall Christoph Kramer, der im WM-Finale 2014 nach einem Kopftreffer rund eine Viertelstunde weiterspielte. Erst als er den Schiedsrichter fragte, ob sie gerade das Finale spielten, wurde er ausgetauscht.

Auch der ehemalige Liverpool-Keeper Loris Karius spielte im Champions-League-Finale 2018 gegen Real Madrid nach einem Zusammenprall mit Sergio Ramos trotz erlittener Gehirnerschütterung durch. Nicht nur, dass er im Anschluss spielentscheidende Fehler beging, es war ein eigentlich nicht zu verantwortendes Risiko.

NHL und NFL reagieren auf Gefahr durch Kopftreffer

Wenn keine äußeren Schäden wie beispielsweise beim Schädelbruch von Petr Cech aus dem Jahr 2006 zu erkennen sind, spielen Fußballer trotz möglicher Gehirnerschütterung meist weiter. Dabei braucht das Gehirn gerade nach einer Erschütterung besondere Ruhe. Denn unmittelbar nach erlittener Gehirnerschütterung ist das Risiko einer erneuten Kopfverletzung deutlich erhöht, was nicht zuletzt auch an eingeschränkter Reaktionsfähigkeit liegen kann. Auch eine möglicherweise erlittene Gehirnblutung zeigt dabei nicht immer umgehend Symptome.

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Im Eishockey und American Football geht man mit dem Thema inzwischen ganz anders um. Allerdings ist ein Athlet dieser deutlich körperbetonteren Sportarten trotz Helm auch anfälliger für Kopftreffer.

Eishockey-Superstar Sidney Crosby fiel im Jahr 2011 mit einer Gehirnerschütterung ein Dreivierteljahr aus. In der Folgezeit hatte er immer wieder mit Gehirnerschütterungen und deren Symptomen zu kämpfen. Die NHL verschärfte inzwischen die Strafen für Checks gegen den Kopf.

Die NFL sah sich vor einigen Jahren im Zuge der "concussion crisis" Klagen von mehr als 1000 ehemaligen Spielern aufgrund von Folgeschäden durch Gehirnerschütterungen ausgesetzt.

Hübner fällt drei Monate aus

Im Fußball verliefen Gehirnerschütterungen in der Regel meist glimpflich. Nach ein bis zwei Wochen ist der betreffende Spieler oft wieder einsatzbereit, gilt als vollständig genesen. Doch es gibt auch Ausnahmen, wie der Fall Benjamin Hübner zeigt.

Der Profi der TSG Hoffenheim bekam im Trainingslager während der Saisonvorbereitung einen Ball an den Kopf. Die Folge war eine schwere Gehirnerschütterung mitsamt Funktionsstörung im Innenohr. Über drei Monate fiel der Innenverteidiger aus. Er durfte eine Zeit lang nicht einmal lesen oder sein Handy benutzen.

Der Freiburger Philipp Lienhart muss seit dem 9. März wegen einer Gehirnerschütterung pausieren.

Gladbach-Trainer Dieter Hecking regte schon vor über einem Jahr an, auch im Fußball über einen Kopfschutz nachzudenken. Doch noch eine weitere Möglichkeit sollte überdacht werden. In der NFL wachen inzwischen auch vom Klub unabhängige Ärzte über das Wohlergehen der Spieler. Denn ein Mannschaftsarzt an der Seitenlinie ist einem nicht zu verachtenden Druck ausgesetzt. Schließlich geht es in den Spielen um sehr viel, da fließen bei manchen vielleicht unterbewusst noch andere Faktoren mit ein bei der Überlegung, ob ein Spieler weitermachen kann oder nicht.

Für Vertonghen verlief der Champions-League-Abend relativ glimpflich. "Keine Gehirnerschütterung, nichts gebrochen", wird er von Journalist Kristof Terreur bei Twitter zitiert. Anhand der TV-Bilder zu beurteilen, gleicht das fast einem Wunder.

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