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Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen stehen sich im Viertelfinale der Champions League im direkten Duell gegenüber. Wer ist aktuell der bessere Torwart?

Fast ein Jahr ist es nun her, als sich die vielleicht größte Frage, die sich dem deutschen Fußball in den letzten Jahren stellte, gewaltig an Brisanz zunahm: Manuel Neuer, oder Marc-André ter Stegen - wer ist der beste deutsche Torwart?

Im September 2019 hatte ter Stegen den Dauer-Streitpunkt durch eine überragende Leistung im Vorrundenspiel der Champions-League bei Borussia Dortmund neu entfacht. Beim BVB rettete er dem FC Barcelona ein 0:0, hielt auch einen Elfmeter von Marco Reus. 

"Ter Stegen wäre in jeder Nationalmannschaft Stammtorwart - außer in Deutschland", schrieb die spanische Sportzeitung Marca nach der Partie: "In Dortmund wurde er zum Riesen und schickte eine Nachricht an Joachim Löw. Er muss Stammtorhüter in Deutschland sein. Es ist die Nostalgie, die momentan für Manuel Neuer spricht."

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In den Wochen darauf stand Neuer in der EM-Qualifikation allerdings trotzdem im Tor des DFB-Teams, was ter Stegen zu einer - für ihn eigentlich untypischen - Aussage verleitete. Die Woche mit der Nationalmannschaft sei "ein harter Schlag" für ihn gewesen, hatte der gebürtige Mönchengladbacher verraten. 

Neuer konterte mit Verweis auf den Teamgeist und ter Stegen konterte diese Reaktion wiederum durch die Aussage, dass er sich in Sachen Teamgeist - mit Blick auf die vielen Jahre als Nummer zwei - nun wirklich nichts vorzuhalten habe. 

Selbst der damalige Bayern-Präsident Uli Hoeneß hatte sich zu dem Torwart-Zoff geäußert und die Meinung zum Besten gegeben, dass Neuer in der Presse sowie im DFB-Team die verdiente Unterstützung versagt bleibe. 

In Zeiten der Coronakrise geriet eine der größten Fragen des deutschen Fußballs in Vergessenheit, nun ist sie aber vielleicht aktueller denn je: im Viertelfinale der Champions League kommt es zum direkten Duell der beiden Schlussmänner. (FC Bayern - FC Barcelona am Freitag, 14.08., ab 21.00 Uhr im LIVETICKER)

Der Viertelfinal-Kracher des FC Bayern gegen Barca in der Live-Analyse am Freitag ab 20.15 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 – erstmals aus dem Fußballmuseum in Dortmund

Doch wie ist der aktuelle Leistungsstand vor dem Kracher am kommenden Freitag? SPORT1 zieht den Vergleich.

Wie ist die aktuelle Form?

Das letzte, was von Neuer in Erinnerung geblieben ist, zeichnet ein ungewohntes Bild: Beim 4:1-Sieg gegen den FC Chelsea ließ der 34-Jährige eine harmlose Hereingabe abprallen, was letztlich zum einzigen Gegentor führte. Normalerweise ist Neuer gerade in Sachen Strafraumbeherrschung praktisch fehlerlos.

Ter Stegen ist hingegen ohne jeden Zweifel in blendender Verfassung. Beim 3:1-Erfolg gegen den SSC Neapel war der Barca-Schlussmann nur vom Punkt zu bezwingen.

Wie lief die aktuelle Champions-League-Saison?

Ohnehin scheint ter Stegen in der Königsklasse regelmäßig seine besten Leistungen zu zeigen. In 59 Champions-League-Partien hat er laut Opta keinen einzigen groben Fehler begangen, der zu einem Gegentor führte. Diskutabel scheint nur sein Stellungsspiel, so wurde er aus 55 Metern von Alessandro Florenzi vom AS Rom überwunden. In dieser Spielzeit hat der 28-Jährige in sieben Spielen fünf Gegentreffer hinnehmen müssen, zweimal hielt er die Null. 

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Neuer musste in bislang acht Partien sechsmal den Ball aus dem Netz holen. Allerdings blieb sein Weste in vier Partien weiß. Er kassiert alle 120 Minuten ein Tor, ter Stegen alle 126 Minuten.

Wer ist besser mit dem Fuß?

Eindrucksvoll ist die Zahl der Ballaktionen Neuers. Der Wert von 49 pro 90 Minuten Spielzeit in der Champions League zeigt, dass der Kapitän des FC Bayern immer wieder als Spielmacher agiert. 41 Pässe spielt Neuer pro Partie, 88,3 Prozent der Zuspiele finden einen Mitspieler. 

Noch aussagekräftiger ist, dass 61,8 Prozent seiner langen Zuspiele ankommen. Zum Vergleich: Bei ter Stegen sind es nur 46,7 Prozent.

Auch wenn ter Stegen in Spanien gerne als "Lionel Messi mit Handschuhen" bezeichnet wird, kommt er an Neuers Werte nicht heran. Für ter Stegen stehen 39 Ballaktionen und 28 Zuspiele pro 90 Minuten zu Buche, bei einer Passgenauigkeit von 83,4 Prozent. 

Neuer gilt gemeinhin als bester fußballspielender Torwart der Welt. Ter Stegen kommt aber kurz dahinter. Messi behauptete sogar einmal, dass ter Stegen oft mehr Gefühl im Fuß habe, als er selbst. 

Wie sieht es auf der Linie aus?

Auch in Sachen Strafraumbeherrschung hat Neuer in den letzten Jahren Maßstäbe gesetzt. Auf der Linie hat ihn ter Stegen aber womöglich überholt. 

Ter Stegen oftmals katzenhafte Reflexe sind bereits legendär - immer wieder bewahrt er sein Team, das einen offensiveren Stil als die Münchner bevorzugt, mit seinen Paraden vor Gegentoren. Auch die Zahlen sprechen in dieser Kategorie für den sechs Jahre jüngeren Keeper. In dieser Champions-League-Spielzeit parierte ter Stegen 82,1 Prozent der Bälle, die auf seinen Kasten kamen. Er hielt alle 27 Minuten einen Schuss.

Neuer parierte 75 Prozent aller Schüsse und vereitelte alle 40 Minuten eine Chance.

Wie wichtig sind sie für ihre Mannschaft? 

Neuers Rolle an der Säbener Straße ist unumstritten. Er ist Kapitän, Führungsspieler und Institution. Durch seine Leistung über so viele Jahre hinweg hat er sich eine Sonderrolle erarbeitet, er ist auch nach einem Fehler über jeden Zweifel erhaben. Seine - nicht reibungslose - Vertragsverlängerung war ein wichtiger Baustein der Bayern. 

Auch in Barcelona wollen die Verantwortlichen mit ihrer Nummer eins unbedingt verlängern. Ter Stegens Vertrag läuft noch bis Sommer 2021, bislang hat er keine Unterschrift unter ein neues Arbeitspapier gesetzt. 

Für den FC Barcelona hat ter Stegen allerdings eine ähnlich große Bedeutung, wie Neuer für die Bayern. Er ist nicht nur auf dem Rasen nach Messi wohl wichtigster Faktor der Katalanen, sondern auch neben dem Platz. Ter Stegen gilt als Führungsspieler Nummer zwei, der Deutsche hat sich ein großes Standing bei Mitspielern, Fans und Verantwortlichen erarbeitet - ist auch bei den spanischen Medien hoch angesehen.

Falls Marc-André ter Stegen im Privatduell gegen Manuel Neuer einen Punktsieg holen sollte, dann wird eben diese Presse wieder einen Gruß an Bundestrainer Löw senden.

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