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München - Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge stand der Super League einst offen gegenüber, nun ist er Gegner - und Vermittler. SPORT1 erklärt die Hintergründe.

Karl-Heinz Rummenigge als Bewahrer der Tradition und Verhinderer eines gigantomanischen Kommerz-Projekts: Manchmal ist das Fußball-Geschäft unvorhersehbar.

Der zum Jahresende scheidende Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München hat eine nicht unwesentliche Rolle bei der Verhinderung der umstrittenen Super League gespielt. Und er soll nun auch einen Schlüsselpart dabei spielen, den dabei entstandenen Schaden irgendwie zu beheben.

Die Position, die der 65-Jährige in dem Konflikt eingenommen hat, kam für manche überraschend - und es war auch kein selbstverständlicher Gang der Dinge, wenn man auf die Entstehungsgeschichte des Projekts zurückblickt und wie die Bayern-Führung sich anfänglich dazu verhalten hat.

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Wie hat sich Rummenigges Position entwickelt? Und warum ruhen nun bei der Aufarbeitung des Debakels so viele Hoffnungen auf ihm? SPORT1 ordnet ein.

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Rummenigge brachte Super League 2016 selbst ins Gespräch

Wer vergangene Aussagen Rummenigges noch im Kopf hat, wird sich erinnern, dass Rummenigge der Grundidee einer europäischen Superliga einst weit aufgeschlossener gegenüberstand.

"Ich schließe es nicht aus, dass man in Zukunft eine europäische Liga gründet, in der die großen Teams aus Italien, Deutschland, England, Spanien und Frankreich spielen", sagte er Anfang 2016.

Rummenigge sprach damals auch noch als Vorsitzender der 2008 gegründeten ECA, der Interessenvertretung der europäischen Klubs - und Kontext war schon damals ein Konflikt zwischen dem europäischen Verband UEFA und den Topklubs, bei denen es um die Ausrichtung der Champions League ging.

Auch FC Bayern ließ Szenario Bundesliga-Ausstieg prüfen

Die Super League war damals - mindestens - eine Drohkulisse der Topklubs, um die UEFA zu einer Reform in ihrem Sinne zu bewegen: Tut, was wir wollen, oder wir gehen eigene Wege, so die Botschaft.

Wie konkret die Planungen auch des FC Bayern waren, wurde später durch die Enthüllungs-Plattform Football Leaks offenbart: Michael Gerlinger, Direktor Recht der FC Bayern München AG - der auch jetzt wieder im Fokus steht - beauftragte damals die internationale Anwaltskanzlei Cleary Gottlieb Steen & Hamilton mit der Prüfung eines Ausstiegsszenarios aus Champions League und Bundesliga.

Gerlinger hatte das 2018 bestätigt, dabei aber betont, dass die Planspiele schnell "völlig vom Tisch" gewesen seien. Es hätte sich ja alles im Sinne der Klubs entwickelt.

Reform der Champions League stellte Rummenigge zufrieden

Tatsächlich beschloss die UEFA 2016 eine Champions-League-Reform, die unter anderem die Garantie von vier festen Startplätzen für die vier europäischen Topligen ab 2018 mit sich brachte - und vor allem einen neuen Verteilungsschlüssel der Einnahmen mit mehr Leistungsprämien für erfolgreiche Teams.

Rummenigge sprach von "einer seriösen und fairen Lösung für den europäischen Klub-Fußball" und hat sich in den immer mal wieder aufkommenden Superliga-Debatten seitdem nur noch zurückhaltend positioniert. Auffällig distanziert sprach er 2018 in einem Interview mit 11 Freunde von einer Idee, die vor allem auf Klubvertreter "aus Südeuropa" zurückgehe und die "alle nationalen Ligen beschädigen würde".

Als kurz darauf ein Football-Leaks-Bericht des Spiegel auch neuere Gedankenspiele einer Superliga ab 2021 vermeldete, gingen Rummenigge und die Bayern voll auf Distanz: Dem Klub seien die Pläne "weder bekannt, noch hat der FC Bayern an Verhandlungen hierzu teilgenommen".

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"Kein Freund von Revolutionen"

Rummenigge weiß - wie auch die Verantwortlichen von Borussia Dortmund und selbst RB Leipzig -, wie schwer vermittelbar das Thema Superliga gerade der deutschen Fanbasis ist und ahnte wohl auch, wie groß auch die weiteren Widerstände sein würden, etwa bei den mächtigen, teils auch mit den Klubs verflochtenen Vermarktungspartnern der Champions League.

"Grundsätzlich bin ich kein Freund von Revolutionen, weil die meistens blutig enden", sagte Rummenigge einmal in einem anderen Zusammenhang. Eine Einstellung, die sich bei der Super League in gewissem Sinne bewahrheitet hat.

Es ist die logische Erklärung für seine nun klare Festlegung gegen die Superliga und für die nächsten, ebenfalls nicht unumstrittenen Reformschritte der Champions League. In einem Interview mit L'Equipe erklärte er jetzt gar, er könne sich überhaupt nicht mehr vorstellen, "dass die Super League jemals existieren wird".

Rummenigge "ein Geschenk Gottes"?

Die aktuellen Verwerfungen machen nun einiges an diplomatischer Arbeit nötig - und es hat sich schon gezeigt, dass Rummenigge und die Bayern dabei an vorderster Front mitmischen.

Nachdem die ECA Rummenigges Nachfolger, den Super-League-Verfechter Andrea Agnelli (Juventus Turin) durch Super-League-Gegner Nasser Al-Khelaifi (Paris Saint-Germain) ersetzt hat, haben auch Rummenigge und sein Vertrauter Gerlinger neue Rollen dort bekommen: Gerlinger ist nun Vizepräsident der ECA, der Ehrenvorsitzende Rummenigge kehrt als Vertreter der Vereinigung in die UEFA-Exekutive zurück, von großen Hoffnungen begleitet.

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"Rummenigges Rückkehr ins Exekutivkomitee ist ein Geschenk Gottes, denn er ist ein Mann, der das große Ganze betrachtet", hielt UEFA-Vize und Exko-Mitglied Michael van Praag soeben fest.

Ähnlich äußerte sich am Freitag auf SPORT1-Nachfrage Bayern-Trainer Hansi Flick, trotz seines eigenen Konflikts mit der Klubführung: "Er hat enorme Erfahrung. Es gibt nur wenige in dieser Position, die als Spieler und Funktionär so eine Erfahrung haben. Er ist für den europäischen, aber vor allem auch für den deutschen Fußball sehr wichtig."

Potenzieller Nachfolger für Aleksander Ceferin?

Rummenigge, der einst auch bei Inter Mailand stürmte, ist bekannt für seine guten Beziehungen zu den Bossen in Italien und auch zu Reals Florentino Pérez, den treibenden Kräften der im Scheitern begrifflichen Super-League-Revolution.

Der SPORT1 Podcast "Meine Bayern-Woche" auf podcast.sport1.de, in der SPORT1 App und den gängigen Streaming-Plattformen Spotify, Apple Podcasts, Amazon Music, Deezer und Podigee

Der SPORT1-Bayern-Podcast mit Jana Wosnitza und SPORT1 Chefreporter Florian Plettenberg
Der SPORT1Bayern-Podcast mit Jana Wosnitza und SPORT1 Chefreporter Florian Plettenberg © SPORT1-Grafik: Imago/SPORT1

Und er hat sogleich auch Signale der Versöhnung an sie gesandt. "Ich bin dafür bekannt, ein Mann des Dialogs und nicht des Krieges zu sein", sagte er Tuttosport und bekundete die Überzeugung: "Mit einem vernünftigen Dialog werden wir alle da rauskommen."

Van Praag hat Rummenigge auch als potenziellen Nachfolger des slowenischen UEFA-Präsidenten Aleksander Ceferin ins Gespräch gebracht. Und es ist gut möglich, dass solche Rufe lauter werden, sollte sich zeigen, dass der persönliche Bruch zwischen Ceferin und den Super-League-Revoluzzern dem Neustart im Weg steht.

Ob Rummenigge dafür aber nochmal seine Lebensplanung umstellen würde, ist die andere Frage.

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