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Joachim Löw (li.) und einer seiner Lieblingsspieler Leon Goretzka
Joachim Löw (li.) und einer seiner Lieblingsspieler Leon Goretzka © Imago
Lesedauer: 14 Minuten
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Vor dem Nations League Spiel gegen die Schweiz äußern sich Nationaltrainer Joachim Löw und Bayern-Star Leon Goretzka auf der Pressekonferenz.

Nach dem mühsamen 2:1-Erfolg über die Ukraine, der den ersten Nationalmannschaftssieg des Jahres darstellt, folgt am Dienstag das nächste Spiel gegen die Schweiz (Nations League: Deutschland - Schweiz, Dienstag ab 20.45 Uhr im LIVETICKER).

Am Tag vor der Partie stehen Bundestrainer Joachim Löw und der 26-malige deutsche Nationalspieler Leon Goretzka auf der Pressekonferenz Rede und Antwort.

Der Liveticker von der Pressekonferenz zum Nachlesen.

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+++ Keine Fragen mehr an Goretzka +++

"Das ging ja flott heute", sagt Goretzka und verabschiedet sich. 

+++ Frage zum Unterschied zwischen dem Spiel beim DFB und Bayern +++

Es ist schon ein großer Unterschied. Man muss ja auch immer wissen, welche Spieler man zur Verfügung hat. Bei Bayern haben wir einen Spielstil entwickelt, der enorm intensiv war. In den ersten 30,40 Minuten haben wir die Gegner oft mit dem Pressing überrollt. Alles lief bei uns automatisch ab und jeder wusste genau, was er machen musste. Es ist klar, dass nicht alles übertragbar ist auf die Nationalmannschaft. 

+++ Goretzka über Kroos als Vorbild +++

Toni ist jetzt nicht unbedingt ein Aggressive-Leader wie er im Buche steht. Das ist jedem bekannt. Aber er ist ein unglaublicher Fixpunkt im Spiel. Er ist ein Spieler, der egal wie das Spiel verläuft und wie das Ergebnis ist, immer den Ball haben will und Lösungen findet, wo der Ball hin muss. Das ist sehr beeindruckend. Für ein Turnier, wo man immer durch Höhen und Tiefen geht, ist es unheimlich wichtig für uns als junge Mannschaft jemanden zu haben, der schon so viel erlebt hat und auch weiß wie man Titel gewinnt und in schweren Situation für die Mannschaft da ist und allen Widerständen zum Trotz in der Lage ist, das Spiel an sich zu reißen und zu dirigieren. Das sind alles Dinge, die ich für mein Spiel übernehmen möchte.

+++ SPORT1-Frage an Goretzka über seine Rolle beim DFB +++

Ich fühle mich auf der Position schon wohl beim DFB. In den vergangenen Länderspielen war die Torausbeute schon gut. Es ist natürlich schon eine Umstellung. Ich habe mit ,Jo' monatelang bei Bayern auf der Sechs gespielt und mich blind mit ihm verstanden. Es wäre schön gewesen, mehr zu trainieren um sich beim DFB noch besser einzufinden. Wir haben nun 90 Minuten in den Beinen auf der Position und da stimmt es hoffentlich in der Abstimmung mit Serge Gnabry auch besser. Da hat es beim letzten mal noch nicht ganz so funktioniert da haben wir das ein oder andere mal aneinander vorbeigedacht.

+++ Goretzka über die Dreierkette +++

Jedes System hat seine Vorteile. Es liegt am Trainer herauszufinden, was am besten für den jeweiligen Gegner ist. Es gibt nun einmal nicht viele Trainingsmöglichkeiten, sondern sogar lächerlich wenige. Es benötigt einfach Zeit, damit die Dreierkette funktioniert. Ich bin zuversichtlich, dass es von mal zu mal besser passt. 

+++ Goretzka über Relevanz des DFB-Teams +++

Ich fühle mich immer noch so, als würde ich für 80 Millionen Deutsche spielen. Das fühlt sich sicher nicht wie ein normales Bundesligaspiel an. 

+++ Goretzka über Jubilar Kroos +++

Ich glaube, über seine Qualität von Toni Kroos brauchen wir nicht zu diskutieren. Er hat nahezu alles gewonnen, passender Weise aber noch nicht den EM-Titel. Dementsprechend bin ich da guter Dinge, dass er da nochmal alles reinwerfen wird. Aber auf Vereinsebene hat er jeden Titel gewonnen, den man holen kann und unglaubliche Erfolge gefeiert.  Dass er jetzt sein 100. Länderspiel machen kann, bestätigt dass ja nur. Ich freue mich natürlich sehr für ihn.

+++ Worauf kommt es gegen die Schweiz an? +++

Wir treffen auf eine körperlich gute Mannschaft mit schnellen Spielern. Wir werden in erster Linie auf uns achten. 

+++ Goretzka über die Ziele für morgen +++

Wir wollen die Dinge, die gegen die Ukraine nicht so gut gelaufen sind, besser machen. Wir haben überraschend viele Abspielfehler gemacht und hatten technische Probleme. Wären wir genauer gewesen, dann hätten wir höher gewonnen. 

+++ Fliegender Wechsel+++

Joachim Löw wird von Leon Goretzka abgelöst.

+++ SPORT1-Frage an Löw zu Goretzkas Entwicklung +++

Wir haben im Mittelfeld eine hohe Qualität und müssen schauen, dass alle ihre Qualitäten einbringen. Deshalb habe ich Leon öfter auch etwas weiter vorne als bei Bayern spielen lassen. Leon kann viele tiefe Läufe machen und hat eine große Torgefahr. Das ist aus der Position heraus sehr wertvoll für uns. Leon hat großes Tempo und Durchsetzungsvermögen. Leon hat eine sehr gute Entwicklung genommen. Er hat die Technik, kann aber nun auch sehr gut in der Defensive arbeiten. Das macht ihn unverzichtbar. Er ist ein wichtiger Spieler und ist absolut akzeptiert.

+++ Frage: Sind Sie dünnhäutig und arrogant? +++

Es gibt unterschiedliche Sichtweisen. Ich sage es so, wie ich es denke und wie ich es meine. Dazu stehe ich auch. Wenn jemand sagt, der Löw ist arrogant oder dünnhäutig, dann kann er das tun. Wir haben uns klare Gedanken gemacht im Sommer, was die richtigen Schritte für uns sind. Wir wollen es so machen. Jetzt denkt mancher ich bin arrogant. Aber wir sind überzeugt von dem Plan und werden ihn durchführen. Wenn ich sage, wir wollen gegen die Türkei testen und Erkenntnisse, dann meine ich das so. Andere sind vielleicht anderer Meinung. Okay. Aber dann stelle ich das Ergebnis nicht über alles. Als dünnhäutig oder arrogant würde ich mich nicht bezeichnen. Ich benenne die Dinge, wie ich sie empfinde und woran ich glaube. Was Kritik betrifft: Wichtig ist, dass wir intern kritisch sind und uns nach jedem Spiel und Training hinterfragen. Da sitzen wir manchmal stundenlang zusammen und sagen nicht, dass wir alles gut machen. Wir machen nicht alles gut. Da gibt es viele Meinungen in Deutschland. Und das ist auch gut so.

+++ Was fehlt der Schweiz zum großen Wurf, Herr Löw? +++

Das kann der Schweizer Trainer sicher besser sagen. Was man sagen muss, dass die Schweiz bei den Turnieren eigentlich aber immer eine gute Rolle spielt. Die Mannschaft ist so gut, dass sie in der Weltspitze mit dabei ist. Sie haben über viele Jahre hinweg eine sehr gute Ausbildung. Was im Detail fehlt, vermag ich so nicht zu sagen. Für so ein kleines Fußballland ist ein Titel auch nicht so leicht zu holen. Das Team ist aber für jeden eine schwere Hürde. 

+++ Frage zu Shaqiris Stärke +++

Shaqiri ist ein sehr guter Spieler, der das Spiel von der Schweiz über Jahre hinweg geprägt hat. Ich weiß nach seiner Corona-Erkrankung nicht genau, wie fit er ist. Er hat fußballerisch eine große Klasse und kann einer Mannschaft immer weiterhelfen. 

+++ Die niedrigen Einschaltquoten im TV +++

Im Moment ist es schwierig, sich zu öffnen und die Nähe zu den Fans zu zeigen. Es war immer zwischen den Turnieren festzustellen, dass das Interesse mal schwindet. Ich bin sicher, dass es im nächsten Jahr vor der EM wieder interessanter wird, bei uns zuzuschauen. Es sind so viele Spiele mittlerweile. Wenn Dortmund Testspiele macht vor der Saison, ist das Interesse auch bei den Fans nicht hoch. Die Zuschauer suchen nach den Highlights. Die Leute werden sich mit guten Spielen und guten Ergebnissen wieder voll mit uns identifizieren. 

+++ Der Bundestrainer zur Task-Force Profifußball +++

Der Oliver Bierhoff ist dort dabei und informiert uns. Es ist völlig okay wenn er dort das Bindeglied ist. 

+++ Löw über fehlenden Respekt von Experten +++

Nein es geht keiner zu weit. Ich habe am Samstagabend zum Beispiel die Analyse vom Bastian Schweinsteiger im Fernsehen auch verfolgt. Im Fußball gibt es ja völlig unterschiedliche Meinungen. Unser Verhältnis ist absolut in Takt und sehr gut - auch mit den anderen. Sie müssen ja auch ihre Meinung äußern und da gibt es auch völlig unterschiedliche Auffassungen. Ein Abwehrspieler würde vielleicht sagen es ist gut wenn da hinten noch einer mehr ist. Und ein Offensiverer würde sagen wir brauchen vorne noch einen. Von daher ist das völlig okay und für mich nicht respektlos. Die sollen ja ihre Meinung sagen. Das ist gut so. Wenn alle einer Meinung wären, wäre es langweilig.

+++ Ist die Viererkette gestorben? +++

Nein, dien Dreierkette war für den Moment die Entscheidung um Stabilität zu gewinnen. Viererkette können wir ohnehin spielen, weil die meisten es im Klub eh spielen. Wir wollen aber diese Alternative haben, damit wir im nächsten Jahr dann auch mal anders spielen und unsere schnellen Spieler anders einsetzen können. Gerade gegen Teams wie Frankreich oder Portugal kann das wichtig werden. Ich will, dass wir bei der EM dann zwei Dinge spielen können und die Mannschaft auf beides vorbereitet ist und es sofort umsetzen kann. Wir haben ja keine 300-Trainingstage im Jahr und müssen uns Dinge schnell aneignen. 

+++ Frage zum Verhältnis von Kroos und Kimmich +++

Beide haben sich insgesamt von Anfang an gut verstanden. Joshua hat mir schon früh gesagt, er würde gerne dort spielen. Beide sind so gute Fußballer, dass sie immer anspielbar sind. ,Jo' bringt auch die Komponente mit rein, dass er eher ein gelernter Abwehrspieler ist und deshalb an Balleroberungen und Zweikämpfen mehr gelernt hat als andere. Wenn Kroos den Spielaufbau macht, dann sichert Joshua ab. Sie wollen beide immer den Ball und bringen gute Lösungen zu Stande. 

+++ Wann spielt Löw lieber mit Dreierkette? +++

Mit Dreierkette ist man gegen Teams, die gerne übers Zentrum spielen, hinten kompakter. Einer muss dann von den drei Leuten hinten aber dann auch bei unserem Spielaufbau nach vorne aktiv sein. Es gibt viele Dinge und Grundprinzipien, die wir befolgen müssen. Dann spielt keine Rolle, in welcher Grundordnung wir spielen. 

+++ Die Systemfrage in der Abwehr +++

Was bei uns intern immer das Thema ist, dass wir unsere Spielidee verfolgen. Das hat nichts mit dem System zu tun. Ich möchte eh hohe Außenverteidiger, egal ob bei einer Dreier- oder Viererkette. Eine Mannschaft muss auch zwei Ideen spielen können. Zu dritt mussten wir ab 2018 erstmal lernen. Da möchte ich natürlich eine Weiterentwicklung. Es geht bei uns aber darum, flach zu spielen und Räume besetzen. Wo kann ich Dynamik auslösen? Darum geht es. Da gibt es bei den Systemen keine großen Unterschiede. Die Ausrichtung ist auch eh immer offensiv, weil wir oft den Ball haben - auch wenn wir hinten drei Leute haben. Die Art und Weise, was ich will, das ist wichtig.

+++ Das schätzt Löw an Kroos +++

Gerade bei den Turnieren beobachte ich meine Spieler intensiv. Der Toni vor dem WM-Finale 2014 hat man nur Ruhe bei ihm gesehen. Man hat die Freude gemerkt. Aber man konnte sehen, es ist mehr oder weniger ein ganz normales Spiel für ihn. Der Toni ist die Ruhe in Person. Der hat so viel Selbstbewusstsein im Spiel, dass er die Ruhe immer ausstrahlt. Bei ihm weiß man: der übernimmt Verantwortung.

+++ Wie schätzen Sie die Schweiz ein? +++

Es wird anders als gegen die Ukraine. Die setzen stark auf Konter. Das tut die Schweiz nicht. Die Spieler sind nahezu perfekt geschult. Im Zweikampfverhalten sind sie sehr gut. Gegen die Spanier haben sie durch einen individuellen Fehler verloren. Sonst hatten die Spanier keine Chancen. Das sagt schon alles aus. Überall, wo die Spieler unter Vertrag stehen, sind sie Stammspieler. Die spielen frech und mutig und wollen den Gegner unter Druck setzen. 

+++ Löw über Kroos' 100. Länderspiel +++

Schöner Zufall, dass es ausgerechnet in Köln so weit ist. Ich glaube, er hat seinen Wohnsitz auch noch hier. Er hat eine enorme Entwicklung genommen. Er hat nie Anzeichen von Nervosität und vertraut in seine Stärken. 

+++ Die Personalsituation beim DFB +++

Timo Werner ist wieder in Vollbesitz seiner Kräfte. Die Empfehlung war bei seinem Infekt, dass es nicht für 90 Minuten reicht. Er hat gestern aber trainiert und steht auf jeden Fall zur Verfügung. Es gibt aber durch kleinere Blessuren mehrere Fragezeichen. Ich gehe aber aus, dass alle heute beim Training dabei sind. 

+++ Löw über seine Erwartungen zum Spiel +++

Zunächst war es in der Ukraine wichtig, dass wir den Widerstand gezeigt haben und unbedingt gewinnen wollten. Das hat man gespürt, dass die Mannschaft den Siegeswillen gezeigt hat. Das war ein wichtiges Ergebnis. Gegen die Schweiz erwarte ich Konzentration und mehr Präzision. Da haben wir sicher ein paar Fehler gemacht. Ich erwarte auch Mut und die richtigen offensiven Akzente zu setzen. Phasenweise war der Spielaufbau in der Ukraine zäh. Geschwindigkeit und Präzision sind ein wichtiges Thema. Wir haben sehr hohe Ansprüche aber manchmal sieht man, dass die Mannschaft so zehn, elf Monate nicht zusammen war.

+++ Es geht los +++

Joachim Löw hat auf dem Podest Platz genommen.

+++ Nationalmannschaft unattraktiv? +++

Neben der Kritik an der deutschen Leistung äußerte sich auch eine allgemeine Kritik an der fehlenden Attraktivität der Nationalmannschaft. ARD-Experte Bastian Schweinsteiger sagte nach dem Spiel gegen die Ukraine: "Man kann sich nicht mehr 100-prozentig mit der Nationalmannschaft identifizieren, und das ist schade."

+++ Kritik trotz Sieg +++

Nach dem ersten Sieg in 2020 hagelte es für den Auftritt der deutschen Mannschaft trotzdem Kritik. Gegen eine ersatzgeschwächte ukrainische Mannschaft sollte deutlich mehr drin sein als ein glückliches 2:1, so der allgemeine Tenor. Joachim Löw sagte dazu: "Ich sehe das große Ganze. Wir wissen schon, was wir machen."

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