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München - SPORT1-Chefredakteur Pit Gottschalk widmet sich in seinem Kommentar Bundestrainer Joachim Löw und attestiert seiner Replik auf die Matthäus-Kritik Arroganz.

Es ist das gute Recht eines Bundestrainers, dass er seine eigenen Ideen und Vorstellungen bei der Nationalmannschaft umsetzt. Rechenschaft muss er alle zwei Jahre nach einem großen Turnier ablegen, entweder nach der Welt- oder nach der Europameisterschaft.

Joachim Löw verdient besonders Kredit: Wer Deutschland zum Weltmeister macht, und das gelingt im Schnitt nur alle zwei Jahrzehnte, darf etwas breitbeiniger im Türrahmen stehen.

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Was ein Bundestrainer aber nicht darf: von sich behaupten, dass er allein weiß, wie der Hase läuft. Da sind nicht nur wir 80 Millionen Bundestrainer, Medien und Bevölkerung, die als Besserwisser auftrumpfen. Da sind auch verdiente Nationalspieler, vorneweg Lothar Matthäus, die erstens Großes erlebt und zweitens Expertenwissen angesammelt haben.

Wenn Löw jetzt sagt, das interessiere ihn alles nicht, kann die Arroganz nicht größer sein.

"Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich die letzten zwei Tage nichts gelesen, weil es mir eigentlich auch völlig egal ist, wer was sagt. Die Dinge, die ich mache, mache ich aus größter Überzeugung." Bundestrainer Joachim Löw

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Schlimmer noch: Joachim Löw verstößt gegen den Grundsatz jeder guten Führungskraft, Impulse von außen mindestens zu prüfen, womöglich zu diskutieren und gegebenenfalls anzunehmen.

Sein jüngster Arroganz-Anfall verrät vor allem Status-Denken: Ich, Ich, Ich. Matthäus hat 150 Länderspiele für dieses Land absolviert und für Erfolgstrainer die Kapitänsbinde getragen. Man kann ihn nicht wie einen Schuljungen abwimmeln.

Für die Fans, die es immer noch gut mit der Nationalmannschaft meinen, ist der Löw-Auftritt bei der Pressekonferenz kein gutes Zeichen. Wer meint, etwas zu sein, hört auf, etwas zu werden.

Dabei hat Joachim Löw durchaus gute Argumente für sein Vorgehen. Dass er Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller aussortiert hat, kann man ebenso nachvollziehen wie seine Experimentierfreude mit Nachwuchsprofis. Das ist das eine.

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"Warum wir was machen, welche Spieler wir schonen – das hat alles Gründe. Klar gibt es Kritik. (…) Aber das beeinflusst mich wenig. Ich bin so lange dabei, ich kann die Situation schon einschätzen." Bundestrainer Joachim Löw

Das andere: Dass man von einem Bundestrainer verlangen kann, dass er die Öffentlichkeit inklusive Rekordnationalspieler und Medienmeute nicht nur wertschätzt, sondern an seiner Reiseplanung Richtung EM 2021 und WM 2022 teilhaben lässt.

Gerade beim Verband ist das wichtig: Der DFB leidet förmlich unter einem Akzeptanzproblem. Daran ist Löw nicht schuldlos. "Er lebt in seinem eigenen Universum", heißt es in seinem Umfeld beim DFB.

Als DFB-Direktor setzt Oliver Bierhoff gerade alle Hebel in Bewegung, dass die Nationalmannschaft Sympathiepunkte zurückgewinnt und zugänglich rüberkommt. Seit dem WM-Debakel von 2018 und dem unrühmlichen Abschied der drei Bayern-Stars ist sportlich keine Besserung in Sicht. Die Löw-Mannschaft dümpelt, Bierhoff muss die Reihen zusammenhalten.

Wirklich doof, dass sein eigener Trainer so ein Eigentor schießt.

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