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München - Die deutsche U21 holt dank einer starken Teamleistung den EM-Titel. Dennoch ragen einige Spieler heraus, die auch in der A-Nationalmannschaft Karriere machen könnten.

Es war ein Satz, der auch bei einer Weinprobe hätte fallen können.

"Ich denke, dass dies der Jahrgang war, dem man von Anfang an am wenigsten zugetraut hat", sagte Stefan Kuntz nach dem zweiten EM-Titel in seiner Laufbahn als U21-Nationaltrainer. Nach seinem ersten Triumph 2017 gönnte sich Kuntz eine gute Flasche Rotwein, auch diesmal war die Freude nach dem 1:0-Sieg im Finale gegen Portugal riesig.

Auch weil dieser unscheinbare Jahrgang um die 2020er und 2021er Talente bei genauerer Begutachtung doch enorme Qualitäten entwickelte. Nicht auszuschließen, dass - ähnlich wie bei einem guten Wein - einige dieser Talente noch nachreifen, um nach den höchsten Auszeichnungen zu streben. (SPORT1-Kommentar: Ein Titel, der viele Probleme überdeckt)

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Baku bereits mit einem A-Länderspiel

Der Sprung in die A-Nationalmannschaft, die nach der EM vom bisherigen Bayern-Trainer Hansi Flick trainiert werden wird, ist der Traum aller U21-Nationalspieler. Die Helden von Ljubljana überzeugten in erster Linie als Mannschaft, dennoch ragten einige Spieler heraus, die das Potenzial für eine große Länderspielkarriere haben. Gibt es gar glorreiche Sieben bei Flick? SPORT1 zeigt die Kandidaten für das DFB-Team.

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Ridle Baku: Der Wolfsburger Flügelflitzer bestritt im November im Test gegen Tschechien (1:0) sein bislang einziges A-Länderspiel und hatte nach seiner starken Saison (sechs Tore, neun Vorlagen in 38 Pflichtspielen) durchaus auf einen erneuten Anruf von Joachim Löw gehofft.

"Durch meine Leistungen im Verein habe ich auf mich aufmerksam gemacht und habe mir natürlich auch Chancen ausgerechnet, bei der A-Nationalmannschaft dabei zu sein", sagte Baku im SPORT1-Interview vor der U21-EM-Endrunde.

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Im Endspiel bereitete der 23-Jährige den Siegtreffer von Lukas Nmecha vor und überzeugte auch sonst mit hoher Laufbereitschaft. Da der rechte Flügel weiterhin als Problemstelle im DFB-Team gilt, stehen die Chancen nicht schlecht, dass sich der künftige Bundestrainer Flick mit Blick auf die WM-Quali-Spiele im September bei ihm melden wird.

Raum macht den nächsten Schritt - Dorsch bewirbt sich

David Raum: In der abgelaufenen Saison war der 23-Jährige der Topvorlagengeber in der 2. Bundesliga. Im Trikot der SpVgg Greuther Fürth trug der Linksverteidiger mit 17 Assists in 37 Pflichtspielen entscheidend zum Aufstieg der Franken bei.

Dass er in der kommenden Saison Bundesliga spielen wird, stand schon länger fest. Im Januar sicherte sich die TSG Hoffenheim ablösefrei die Dienste des gebürtigen Nürnbergers, der bei der U21-EM mit seinem unermüdlichen Einsatz und seinen Flankenläufen hervorstach. Da sich in den vergangenen Jahren auf der Linksverteidigerposition im A-Team keine Dauerlösung etablieren konnte, könnte Raum im Herbst auch bei Flick verstärkt in den Fokus rücken.

Niklas Dorsch: Sein Kampfgeist im EM-Finale weckte bereits Erinnerungen an Bastian Schweinsteiger beim WM-Triumph 2014. Der 23-Jährige war bei der U21 der Chef und Antreiber im Mittelfeld. Und noch etwas verbindet ihn mit Schweinsteiger: Seine Vergangenheit beim FC Bayern. (Die Stimmen zum Titelgewinn)

Doch mangels Perspektive kehrte Dorsch dem Rekordmeister 2018 den Rücken, nach dem knapp verpassten Aufstieg mit Heidenheim, erfolgte der Wechsel zum KAA Gent. Nach einer turbulenten Saison machte Dorsch zuletzt keinen Hehl daraus, gerne wieder nach Deutschland zurückkehren zu wollen.

Seine Leistungen bei der U21-EM waren das beste Bewerbungsschreiben für höhere Aufgaben - auch in der A-Nationalmannschaft? Im zentralen Mittelfeld ist der Konkurrenzkampf im DFB-Team enorm, Dorsch dürfte es daher erstmal schwer haben, mit einem Wechsel in die Bundesliga würde er jedenfalls wieder mehr in den Fokus rücken. Allerdings könnte er langfristig auch das Schicksal von Maximilian Arnold teilen.

Auch der Wolfsburger wurde als Leader der U21 Europameister (2017), fand in der A-Nationalmannschaft aber nur 13 Minuten in einem Testspiel gegen Polen statt (im Jahr 2014).

Löw über Wirtz: "Wird seinen Weg bei der Nationalmannschaft machen"

Florian Wirtz: Im März wurde das Juwel von Bayer Leverkusen erstmals von Löw für die A-Mannschaft nominiert, zum Einsatz kam der 18-Jährige allerdings noch nicht. Bei der Zusammenstellung seines EM-Kaders entschied sich Löw für Bayern-Youngster Jamal Musiala.

"Beide sind außergewöhnlich gut. Jamal hat schon Champions League gespielt und diese internationale Erfahrung hat uns zu der Entscheidung bewogen", begründete der Bundestrainer seinen Entschluss. Er machte Wirtz aber gleichzeitig Mut: "Er wird seinen Weg bei der Nationalmannschaft mit Sicherheit machen."

Bei der EM glänzte Wirtz im Halbfinale, in dem er mit seinem frühen Doppelpack beim 2:1-Sieg gegen die Niederlande den Weg ins Endspiel ebnete. Wirtz hat enormes Potenzial, das er allerdings noch nicht konstant abruft, was aber angesichts seines Alters absolut zu verzeihen ist.

"Im letzten Spiel hat er laut Kritik enttäuscht, jetzt hat er zwei Tore geschossen und wird wieder in den Himmel gehoben. Ein bisschen Mittelmaß ist da besser", appellierte Kuntz nach dem Halbfinale daran, bei Wirtz den Ball flach zu halten. Dennoch scheint Wirtz' Weg zu den Großen vorgezeichnet, auch wenn er noch weiterhin bei der U21 spielen könnte.

Finalheld Nmecha bringt vermisste Qualitäten mit

Lukas Nmecha: Der Mann für die wichtigen Tore bei der U21! Im Finale schoss der 22-Jährige die deutschen Junioren mit seinem vierten Turniertreffer zum Titel und wurde damit zugleich Torschützenkönig des Turniers.

Der gebürtige Hamburger, der in England aufwuchs und bis 2018 noch für die U-Mannschaften der Three Lions auflief, steht eigentlich bei Manchester City unter Vertrag. Gespielt hat er aber bislang nur drei Mal für die Citizens, stattdessen wurde der Angreifer in den vergangenen Jahren immer wieder verliehen, unter anderem 2019/20 an den VfL Wolfsburg und zuletzt an den RSC Anderlecht, wo ihm in 41 Pflichtspielen 21 Treffer gelangen.

Nmecha ist ein Spielertyp, der in der Nationalmannschaft seit dem Rücktritt von Miroslav Klose vermisst wird. Wenn er in naher Zukunft auch auf Vereinsebene nachhaltig Fuß fasst, wäre der Sprung zu Flick sicher nicht unrealistisch. "Hoffentlich treffen ein paar von uns bei der A-Nationalmannschaft wieder aufeinander", sagte Nmecha selbst.

Überraschungsmann Adeyemi deutet Potenzial an

Karim Adeyemi: Den 19-Jährigen zauberte Kuntz etwas überraschend für die K.o.-Phase der EM aus dem Hut, nachdem er für die Vorrunde nicht nominiert worden war und zuvor sein letztes Länderspiel 2019 für die U17 bestritten hatte.

Der gebürtige Münchner wurde in der Jugend des FC Bayern einst aussortiert, bekam dann über Forstenried und Unterhaching die Kurve zu Red Bull Salzburg. Mit neun Toren und elf Vorlagen gelang dem pfeilschnellen Angreifer in der abgelaufenen Saison der Durchbruch auf Profiebene.

In der K.o.-Runde wurde Adeyemi in jedem Spiel eingewechselt. Im EM-Finale gegen Portugal hatte er als Joker zwei Großchancen zur Entscheidung. Aufgrund seines Alters dürfte der flexible Offensivmann eine wichtige Säule bei der "neuen" U21-Mannschaft ab Herbst sein, der nächste Schritt ins A-Team ist ihm aber durchaus zuzutrauen.

Allrounder Berisha: Pechvogel, aber mit Perspektive

Mergim Berisha: Der 23-Jährige war ein bisschen der Pechvogel des Teams, Trainer Kuntz schlug für ihn spaßeshalber eine Ehrung mit dem "goldenen Torpfosten" vor. Vier Mal traf der Stürmer im Laufe des Turniers nur Aluminium.

Seine Treffsicherheit hat er in der abgelaufenen Saison im Trikot von Red Bull Salzburg nachgewiesen. Der Nachfolger von Erling Haaland markierte in 42 Spielen 22 Treffer - darunter zwei in den beiden Champions-League-Gruppenspielen gegen den FC Bayern.

Berishas Wert lässt sich aber nicht nur in Toren beziffern, schließlich war er bei der U21-EM unter Kuntz auch ohne eigenen Treffer gesetzt. Der gebürtige Berchtesgadener kam in der Regel als hängende Spitze zum Einsatz und überzeugte mit einem enormen Aktionsradius. Da er aber auch ganz klassisch in die Rolle des Mittelstürmers schlüpfen kann, käme er auf Sicht auch für das A-Team infrage.

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