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München - Ronald Koeman hat bei den Niederlanden eine Mannschaft gebastelt, die auf dem Weg zurück in die Weltspitze ist - und als Vorbild auch dem DFB dienen sollte.

Manchmal bedarf es auch einer guten Portion Glück, um wieder auf den richtigen Pfad zu finden.

Im Frühjahr 2017 lag der niederländische Fußball am Boden, gedemütigt von vergleichsweise leichtgewichtigen Schweden und Bulgaren versackte die Efltal im Niemandsland ihrer Qualifikationsgruppe, ohne reelle Aussicht auf das Erreichen der WM-Endrunde in Russland.

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Die Rolle von Bondscoach Danny Blind war in der Heimat längst zu einem Politikum geworden, seine Demission überfällig. Auf die eine Interimslösung Fred Grim folgte mit Dick Advocaat eine zweite und die Fans verzweifelten beinahe an der Entscheidungsfindung des KNVB: Der Verband versuchte es tatsächlich noch ein drittes Mal mit Advocaat, der in den frühen 90er Jahren schon Bondscoach war - wo doch nicht nur den Experten klar war, dass zu einem echten Schnitt auch eine Veränderung auf der Trainerbank dringend erforderlich war.

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Koeman war das Glückslos

Da traf es sich ganz gut, dass in Liverpool der FC Everton in dieser Zeit eine schwere Phase durchlebte und seinen Trainer Ronald Koeman entließ. Koeman war bereits nach Louis van Gaals Abschied 2014 der logische Nachfolger bei der Elftal, jung und unverbraucht, aber dennoch ungeheuer erfahren und vor allem: Nicht gefangen in den alten Seilschaften, die dem niederländischen Fußball seit jeher Knüppel in die Beine warfen.

Seitdem ist die Elftal bei ihrer Aufholjagd an einigen anderen großen Verbänden regelrecht vorbeigeschossen. In elf Spielen unter Koeman gab es lediglich zwei Niederlagen: Gegen England bei dessen Premiere und in der Nations League gegen Frankreich. In den Testspielen gegen hochkarätige Gegner wie Italien und Belgien holte die Mannschaft jeweils ein Remis, Portugal wurde mit 3:0 förmlich vom Platz gefegt und in der Nations League gelang der Außenseiter-Truppe gegen Frankreich und Deutschland, den aktuellen und den entthronten Weltmeister, noch der Gruppensieg.

Auch in die EM-Qualifikationsgruppe C startete Oranje erfolgreich, gegen Weißrussland gab es ein 4:0. Am Sonntag kommt es zum nächsten Aufeinandertreffen mit der DFB-Elf (EM-Qualifikation: Niederlande - Deutschland, Sonntag 20.45 Uhr im LIVETICKER).

Losgelöst von Konventionen

Es sind ein paar wundersame Dinge passiert im niederländischen Fußball, auch die Wiederauferstehung von Ajax Amsterdam ist ein wichtiger Teil davon. Allerdings, und da trennen sich die Wege vom wichtigsten Klub des Landes und der Elftal, vertraut Koeman in der Nationalmannschaft weniger den üblichen Konventionen und Traditionen. In Amsterdam wird das Dogma vom 4-3-3 vor sich her getragen wie schon vor 50 Jahren, bei Oranje hat Koeman wie sein Vor-Vorgänger Van Gaal damit relativ schnell gebrochen beziehungsweise legt eine andere Interpretation an den Tag.

Koeman spielt nicht mit einem, sondern zwei defensiven Sechsern im Mittelfeld, manchmal auch mit einer Fünferkette in der letzten Linie. Die Mannschaft hat sich inhaltlich losgesagt vom totalen Ballbesitzfußball, wie ihn die Fußballlehre des Landes jahrzehntelang propagiert hatte. Stattdessen lässt sich Koeman auf den jeweiligen Gegner ein, passt sich an, geht Kompromisse ein - um am Ende zu triumphieren.

Sehr guter Mix und Teamgeist

Und das alles mit einer Mannschaft, die derzeit wie in perfekter Mix daherkommt aus jungen, hungrigen Spielern und ein paar alten Hasen, vielen Teamplayern und ein paar Individualisten. Und die es trotzdem versteht, als Kollektiv zu funktionieren und den Teamgedanken über alles andere zu stellen. Die Zeit der Egomanen ist endgültig vorbei. Es ist Koemans größter Verdienst, aus einem Haufen überaus talentierter Spieler nach Jahren wieder eine Einheit geformt und zu einer Wohlfühloase verwandelt zu haben, in der auch im Klub gestresste Spieler sofort aufblühen.

Memphis Depay ist so einer, der zuletzt in Lyon unter der Kritik an seiner Person fast erdrückt wurde. Gegen Weißrussland dauerte es 51 Sekunden, bis Depay den ersten von vier Treffern ins gegnerische Tor setzte. Ryan Babel, in Liverpool, Hoffenheim und bei Besiktas gescheitert und zwischenzeitlich in den Vereinigten Arabischen Emiraten gestrandet, erlebt unter Koeman seinen gefühlten fünften Frühling.

De Jong ist eine Sensation

Babel, Depay, auch Daley Blind, Kevin Strootman und Virgil van Dijk sind die Haudegen, die der Mannschaft ein hierarchisches Gerüst verleihen. Aus fußballerischer Sicht bringen die Youngster Matthijs de Ligt (18), Denzel Dumfries (22), Steven Bergwijn (21), Donny van de Beek (21) die kreativen Elemente und eine gute Prise Jugendlichkeit mit ein und über allen thront Frenkie de Jong.

Der 21-Jährige ist eine Sensation und interpretiert die Rolle im zentralen Mittelfeld völlig neu: Unerschrocken in Dribblings auch am eigenen Strafraum, immer dosiert riskant, intelligent und ein Quell an spielerischen Ideen, um auf der anderen Seite aber auch körperlich hart und widerstandsfähig gegnerische Angriffe zu brechen. Einen Spieler wie de Jong sucht man in dieser Ausprägung und in diesem Alterssegment in Europa vergebens, womöglich wird der große FC Barcelona im Sommer auch deshalb 75 Millionen Euro nach Amsterdam überweisen.

Ein Vorbild für den DFB

Der niederländische Fußball hat sich ganz prächtig erholt von seinen dunklen Jahren und die Elftal ist auf einem sehr guten Weg, wieder zu einer mächtigen Fußballmannschaft zu werden. Und vielleicht auch zu einer Art Rollenmodell wie einige ihrer Vorgänger-Teams in den 70er, 80er und 90er Jahren.

Auch die deutsche Nationalmannschaft sollte vielleicht das eine oder andere Mal einen Blick rüber zum Nachbarn riskieren: Immerhin ist Koeman schon zwei, drei Schritte weiter als Joachim Löw derzeit.

Und der will ja Ähnliches schaffen wie sein Pendant, variablen Fußball mit einer neuen, wissbegierigen Mannschaft. Den Umbruch eben. In Deutschland wurde der vor zwei Wochen erst eingeleitet - die Niederlande hat ihn schon erfolgreich vollzogen.

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