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Das Thema Militärgruß der türkischen Nationalmannschaft bringt einige ihrer Mitglieder in die Bredouille. Ein Gastbeitrag von Fatih Demireli, Herausgeber und Chefredakteur des Socrates-Magazins.

"Es hört doch jeder nur, was er versteht", sagte einst Johann Wolfgang von Goethe. Ein türkisches Sprichwort besagt: "Ich bin nur dafür verantwortlich, was ich sage. Nicht dafür, was ihr versteht."

Ob Goethes Spruch oder die türkische Weisheit - beides geht in die gleiche Richtung und beides beinhaltet eine Menge Wahrheit.

Der Mensch ist ein Kommunikationsapparat. Er teilt sich unaufhörlich mit. Ob durch Wörter, Gestiken oder in der neuartigen Zeit durch Social-Media-Aktivitäten, wir sind wandelnde Push-Nachrichten, die ständig Signale an die Außenwelt senden.

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Manchmal senden wir sehr klare Statements, manchmal lassen wir Raum für Interpretationen. Und an diesem Punkt beginnt der schwierige Teil des Lebens eines Profi-Fußballers. Um auf den Punkt zu kommen: derzeit im Leben eines türkischen bzw. türkischstämmigen Fußballers.

Wichtiges Tor bringt Ayhan Problem ein

Kaan Ayhan hat am Dienstagabend fünf Minuten vor Schluss in Paris ein extrem wichtiges Tor erzielt. Beim Auswärtsspiel gegen den aktuellen Weltmeister Frankreich. Ein Tor, das die Türkei wahrscheinlich zum Gruppensieger in der Qualifikation zur Europameisterschaft macht. Ayhan hat in seinem Leben ein paar schöne Tore gemacht, aber so ein wichtiges und bedeutsames wird bisher nicht dabei gewesen sein.

Aber Ayhan konnte nicht richtig jubeln, weil seine Mitspieler - wie schon am Freitag gegen Albanien - salutieren wollten, aber Ayhan, der am Wochenende noch mitgemacht hatte und deswegen in Deutschland extrem kritisiert wurde, nicht wusste, was er tun soll.

Macht er mit, gewinnt er in der Türkei Sympathien, muss sich aber Sorgen um die Reaktionen und Konsequenzen in Deutschland machen. Macht er nicht mit, wird er womöglich einen schweren Stand in der Türkei haben. Und so ist es auch gekommen.

Trotz des Drangs des einen oder anderen Kollegen salutierte Ayhan nicht, brach seinen Torjubel mehr oder weniger ab und ging mit ratlosem Gesichtsausdruck Richtung Mittelkreis. In Teilen der türkischen Community wird er dafür nun extrem kritisiert. 

Erwartungen von zwei Seiten überfordern die Fußballer

Man kann es sich recht einfach machen und ohne Differenzierung das Verhalten dieser Spieler kritisieren. Man kann aber auch aus der Bequemlichkeit entfliehen und etwas Empathie entwickeln, in welcher Situation sie stecken.

Natürlich sind Fußballer heutzutage längst Institutionen, die mehrfach beraten werden und eher als Agenturen und nicht als Sportler agieren. Sie sind dafür verantwortlich, wie ihre Kommunikation aussieht. Sie sind dafür verantwortlich, wie ihre Kommunikation interpretiert werden kann und welche Folgen ihre Handlungen haben können. Wenn sie sich falsch verstanden fühlen, wie es im Fall von Ilkay Gündogan und Emre Can offenbar so war, ist es letztlich ihre eigene Schuld.

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Aber: Ich habe über die Jahre viele deutsch-türkische Fußballer kennengelernt. Ob es die Wahl der Nationalmannschaft ist, die Wahl ihrer Klubs, die Kommunikation, die sie nach außen tragen - sie stecken in einem dauernden Zwiespalt und sie werden es niemals allen recht machen können.

Sie werden oft mit Themen konfrontiert, die sie gar nicht einschätzen können. Aber man erwartet beiderseitig von ihnen, dass sie klare Statements abgeben. Eine Sache, die viele überfordert und im Ergebnis keine Sieger hervorbringt. Vielleicht hilft an dieser Stelle wirklich der Wille, um etwas besser zu verstehen.

Fatih Demireli, 36, ist Herausgeber und Chefredakteur des Socrates Magazins 

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