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München und Wien - Im Spiel um Platz fünf trifft Deutschland bei der Handball-EM auf Portugal. Der Aufstieg der Iberer zur neuen Handball-Sensation hat verschiedene Gründe.

Nach dem 34:26-Sieg zum Abschluss der Hauptrunde kannte der Jubel bei Portugals Handballer kein Halten mehr.

Als Dritter beendeten die Iberer die Hauptrundengruppe II und zogen damit ins Spiel um Platz fünf bei der Handball-EM ein, in dem es am Samstag in der Tele2 Arena in Stockholm gegen die deutsche Mannschaft geht. (Handball-EM: Deutschland - Portugal, ab 16 Uhr im LIVETICKER)

Nie zuvor war eine portugiesische A-Nationalmannschaft bei einem internationalen Großereignis besser als in diesem Jahr, ein siebter Platz bei der Europameisterschaft vor 20 Jahren war bislang das höchste der Gefühle. (Tabelle der Handball-EM)

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"Wir wussten, dass wir mit mindestens fünf Toren gewinnen mussten, um nach Stockholm zu fahren. Jetzt haben wir den sechsten Platz sicher. Wir haben Geschichte geschrieben. Jetzt freue ich mich auf das Spiel gegen Deutschland", erklärte Linksaußen Diogo Branquinho freudestrahlend nach dem Sieg gegen Ungarn.

Portugal sorgt mit Sieg gegen Frankreich für Aufsehen

Dass auch dort ein Sieg gegen den vermeintlichen Favoriten aus Deutschland durchaus nicht unwahrscheinlich ist, das haben Portugals Handballer im bisherigen Turnierverlauf bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Direkt zum Auftakt schockte man Frankreich beim 28:25-Sieg und legte damit bereits den Grundstein für das überraschende Vorrunden-Aus des sechsmaligen Weltmeisters. Schon auf dem Weg zur EM bezwang man "Les Experts" in der Qualifikation und setzte damit eine kleine Handball-Euphorie in der Heimat in Gang.

Nach einem weiteren Sieg gegen Bosnien-Herzegowina und einer Niederlage gegen Norwegen erreichte Portugal schließlich völlig überraschend bei der ersten EM-Teilnahme seit 2006 die Hauptrunde, wo man auch den aktuellen Vize-Europameister aus Schweden in die Schranken wies und nach dem Erfolg gegen Ungarn nun im Spiel um Platz fünf auf die DHB-Auswahl trifft.

Duell gegen Deutschland ohne sportliche Bedeutung

Zwar geht es in diesem Spiel, außer ums Prestige, im sportlichen Sinne eigentlich um nichts mehr, im Hinblick auf die anstehende Olympia-Qualifikation wird aber keine der beiden Mannschaften das Spiel auf die leichte Schulter nehmen oder gar abschenken wollen.

"Ein Kräftemessen auf diesem Niveau finde ich hochspannend. Da kann man ein Gefühl entwickeln und herausfinden, wo man was zu tun hatte", hob etwa DHB-Vizepräsident Bob Hanning die Bedeutung der Partie gegen die "positive Überraschung des Turniers" heraus.

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Für Paul Drux sind die Leistungen Portugals hingegen alles andere als eine "Riesenüberraschung". "Die Portugiesen haben sich in den letzten Jahren extrem gut entwickelt. Das sieht man auch an den Teams Porto und Lissabon", sagte er bei SPORT1.

Doch wie kommt es, dass ein Land, das über Jahre hinweg nie als große Handballnation in Erscheinung getreten ist, auf einmal der Weltelite aufmischt? (Spielplan der Handball-EM)

Fußballabteilungen der Top-Klubs finanzieren Aufschwung im Handball

Finanziert von den Fußballabteilungen der drei großen Klubs FC Porto, Benfica und Sporting Lissabon erlebte der portugiesische Handball in der jüngeren Vergangenheit einen Aufschwung. Top-Stars wie René Toft Hansen, Petar Djordjic und Marko Vujin fanden zuletzt den Weg in die Andebol 1, die höchste Spielklasse des Landes.

Parallel dazu erntet der portugiesische Verband FAP momentan die Früchte der hervorragenden Jugendarbeit in den letzten Jahren. So schaltetet die U21 bei der WM 2019 auf dem Weg zum ersten Halbfinale seit 1995 unter anderem auch Deutschland aus, auch die U19 und U20 erreichten bei den vergangenen Großereignissen jeweils die Vorschlussrunde.

Und auch die Vereinsmannschaften sind auf internationalem Parkett inzwischen mehr als konkurrenzfähig, was zuletzt auch der THW Kiel schmerzlich erfahren musste, als man Anfang November sensationell in der Champions League dem FC Porto unterlag.

"Der FC Porto hat dem THW Kiel in der Champions League zwei Punkte abgenommen. Das hat für Aufruhr gesorgt. Sie (Portugal, Anm. d. Red.) haben ihr Spiel sieben gegen sechs deutlich verbessert, haben körperliche Voraussetzungen geschaffen, dass man auch auf internationalem Parkett für Furore sorgen kann", erklärte Ex-Nationalspieler Dominik Klein bei SPORT1.

Blockbildung im Verein als großer Vorteil

Was die Portugiesen zudem so stark macht, ist ihre Eingespieltheit. Gleich 14 Spieler aus dem aktuellen Kader spielen in der Heimat, davon mit Branquinho, Alfredo Quintana, Miguel Martins, Rui Silva, Daymaro Salina, Alexis Borges, António Areia, André Gomes und Fábio Magalhaes alleine neun beim FC Porto, was manch einen durchaus durcheinander bringen kann.

"Große Neuerungen sind nicht zu erwarten, wir wissen, was gegen Porto auf uns zukommt", sagte etwa Bundestrainer Christian Prokop mit Blick auf das Spiel um Platz fünf. Als er seinen Patzer bemerkte ergänzte er: "Gegen Portugal muss es natürlich richtig heißen", und hatte damit die Lacher auf seiner Seite.

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Das Kollektiv ist es auch, dass Portugal den Ausfall von Gilberto Duarte (Montpellier HB) kompensieren lässt, der sich Anfang Dezember im Ligaspiel gegen Paris Saint-Germain am Knie verletzte.

In Abwesenheit ihres Stars glänzen bislang vor allem António Areia (25 Tore) und Diogo Branquinho (19) sowie Top-Talent Luis Frade, der bereits jetzt als Nachfolger von Cédric Sorhaindo am Kreis des FC Barcelona gehandelt wird. In der Defensive "vernagelt" Alfredo Quintana zeitweise sein Tor förmlich und zählt mit einer Fangquote von 31 Prozent zu den besten Torhütern des Turniers.

Handball im Schatten von Fußball, Futsal und Rollerhockey

Doch trotz des sensationellen Aufschwungs in der jüngeren Vergangenheit flog der Handball in der Heimat bis zuletzt noch immer unter dem Radar und stand deutlich im Schatten von Fußball, Futsal und sogar Rollhockey, wo man bereits 20 Mal Europameister und 15 Mal Weltmeister wurde.

So wollte vor der Europameisterschaft auch kein frei empfangbarer Sender die TV-Rechte für die Handball-EM erwerben, die Fans schauten dementsprechend zunächst in die Röhre.

Inzwischen hat sich das allerdings geändert, der öffentlich-rechtliche Sender RTP2 kündigte an, auch das Spiel gegen die DHB-Auswahl im Free-TV zu übertragen. Und egal wie es dann ausgehen wird, Geschichte hat die Mannschaft von Trainer Paulo Pereira ohnehin schon geschrieben.

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