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München und Wien - Deutschland startet mit neuem Gefühl in die Hauptrunde. Die Fans gelten als entscheidender Faktor, Mut macht aber noch mehr. SPORT1 zeigt die Erfolgsfaktoren.

So ganz einig sind sie sich im deutschen Team nicht, ob der Start in die Hauptrunde auch eine Art Neubeginn sein soll.

"Wir hoffen, dass es jetzt unser Reset-Knopf wird. Ich bin froh, dass wir aus Trondheim weg sind. Irgendwie lag da eine Last auf unseren Schultern. Wir haben noch Luft nach oben, das wissen wir alle. Aber jetzt geht das Turnier erst richtig los", sagte Johannes Bitter nach dem Spiel gegen Lettland.

Patrick Zieker erklärte, es gehe auch darum, "die Chance zu nutzen, dass es jetzt wieder neu losgeht." Und auch DHB-Sport-Vorstand Axel Kromer sprach von einem Neustart ins Turnier.

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Von SPORT1 darauf angesprochen, zeigte sich Fabian Böhm wiederum etwas verwundert. "Ich glaube nicht, dass wir einen Neustart brauchen", erklärte der Rückraumspieler.

Denn, so Böhm, es habe ja auch viele Sachen gegeben, die in der Vorrunde funktionierten. "Ein kompletter Neustart – dieser Switch ist relativ schwer."

Doch auch dem Mann der TSV Hannover-Burgdorf, der wie seine Teamkollegen noch Luft nach oben hat, ist bewusst, dass viele Dinge verbessert und "die schwächeren Phasen minimiert" werden müssen.

SPORT1 zeigt die deutschen Erfolgsfaktoren (Spielplan der Handball-EM).

Leistungsträger mit viel Luft nach oben

Bundestrainer Christian Prokop erhoffte sich vor dem Turnier außergewöhnliche Leistungen seiner Torhüter. Die Realität sieht etwas anders aus. Gerade einmal einen von 22 Versuchen konnte Andreas Wolff in den vergangenen beiden Spielen gegen Spanien und Lettland halten – zu wenig für die eigenen Ansprüche.

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Im gesamten Turnier steht der Mann von Vive Kielce dank der guten Leistung gegen die Niederlande bei einer Quote von 25 Prozent, Jogi Bitter (24%) folgt knapp dahinter.

Prokop übt leise Kritik an seine Torhütern, sagte nach dem Spanien-Spiel: "Wir hatten ein Defizit auf der Torhüterposition", nach dem Zittersieg gegen Lettland: "Wir haben nicht so viel Hilfe aus dem Tor herausbekommen", in Richtung Wolff: "Er hat sich mit Sicherheit einen anderen Job vorgestellt."

Zum Vergleich: Die besten 15 Torhüter des Turniers liegen bei über 30 Prozent, Spitzenreiter Andreas Palicka aus Schweden wartet sogar mit bärenstarken 50 Prozent auf (21 von 42).

Kreisläufer-Legende Christian Schwarzer sieht bei SPORT1 aber Grund zur Hoffnung: "Vielleicht brauchen die beiden jetzt die Spiele, wo es um alles geht, um ihre besten Leistungen abzurufen."

Dass sie es besser können – auch unter Druck – haben beide bereits in der Vergangenheit eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Wie auch Uwe Gensheimer. Nach seiner bitteren roten Karte gegen die Niederlande traf er zuletzt immerhin acht Mal in zwei Partien, Luft nach oben ist aber allemal. Unterstützung kommt von den Kollegen.

"Uwe ist unfassbar wichtig für unsere Mannschaft, als Kapitän und als Sportler. Wir wissen alle, was wir an ihm haben", sagte Linksaußen-Backup Patrick Zieker bei SPORT1.

An Motivation wird es dem Mannheimer nicht mangeln – ein Titel mit der Nationalmannschaft ist sein großer Wunsch. Bleibt zu hoffen, dass ihn dieser Traum nicht hemmt.

Shooter Kühn läuft warm

Julius Kühn findet immer besser zurecht. Der deutsche Shooter ballerte Deutschland mit acht Toren gegen Lettland in die Hauptrunde und ist mit insgesamt 14 Toren klar bester Torschütze.

Gerade diese einfachen Tore aus dem Rückraum wurden nach den zahlreichen Ausfällen im Vorfeld erhofft und gefordert.

Schwarzer dazu bei SPORT1: "Im Angriffsspiel geht es darum, Möglichkeiten für unsere Schützen wie Julius Kühn zu kreieren. Er ist einer, der auch außerhalb von neun Metern eine wahnsinnige Durchschlagskraft hat und die brauchen wir jetzt auch in der Hauptrunde."

Auch Paul Drux ging gegen die Letten wieder erfolgreicher zu Werke, traf dabei vier Mal.

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Mehr Emotionalität

Mit der Vorrunde hat Deutschland auch die bisweilen trostlose Stimmung hinter sich gelassen. "In Trondheim war es ein Totentanz in den Hallen", erklärte Fabian Böhm bei SPORT1.

Kühn erhofft sich in Wien eine "andere Hausnummer", die einen "extra Schub Motivation" geben könne.

"Wir freuen uns, wenn wir nach Wien kommen und die Hallen voll sind", sagte Böhm, der auf viele deutsche Fans hofft: "Es tut einfach gut, wenn die Halle emotionaler ist."

Dann ist es auch leichter, die von Prokop geforderte Emotionalität zu zeigen. "Aber", so Böhm, "es muss auch wahrscheinlich von uns etwas mehr kommen." Schwarzer sieht das andere Umfeld in Wien ebenfalls als Trumpf, um gegen Weißrussland neues Selbstbewusstsein tanken zu können.

Statistik macht Mut

Gegen Weißrussland feierte das DHB-Team in bislang neun Aufeinandertreffen acht Siege bei nur einer Niederlage. Zuletzt gab es bei der WM 2017 einen 31:25-Sieg, einzige Niederlage datiert von der EM 1994 (23:24). Im Duell mit Kroatien gewann Prokops Auswahl im Oktober 2019 zwei Testspiele, auch bei den vergangenen zwei Weltmeisterschaften ging man als Sieger vom Feld.

Die EM-Generalprobe gegen Österreich verlief, wie nahezu jedes Spiel gegen den Nachbarn, ebenfalls erfolgreich (32:28), die Bilanz gegen die Tschechen spricht ohnehin klar für Deutschland (10-1-3).

Wenngleich solche Statistiken eher Spielerei sind, ist ein Blick in die Vergangenheit doch lohnenswert.

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Auch 2016 nahm Deutschland eine Vorrunden-Niederlage gegen Spanien mit in die Hauptrunde. Dort wurde allerdings jedes Spiel gewonnen. Und am Ende stand, wie hinlänglich bekannt, der EM-Titel.

"Die bisherigen Leistungen sind suboptimal gewesen und es kann eigentlich nur besser werden", sagte Schwarzer und hofft: "Es gab auch früher schon Mannschaften, die keine gute Vorrunde gespielt haben und plötzlich ganz oben gestanden haben."

Ob Neustart oder nicht – in einer Sache waren sich die deutschen Handballer dann doch einig. "Wir haben so viel gesprochen. Jetzt gilt es darum, mit Leistung zu überzeugen", erklärte Kühn.

Zieker meinte: "Nur weil wir sagen, es läuft, wird es nicht einfach so passieren." Böhm schloss: "Wir wissen, was uns erwartet. Jetzt zählt es auf dem Platz."

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