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Uwe Gensheimer kehrte 2019 zu den Rhein-Neckar Löwen zurück ©
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München - Uwe Gensheimer rechnet nicht mit einer Fortzsetzung der HBL-Saison. Für einige Klubs befürchtet der Nationalspieler drastische Folge. Das SPORT1-Interview.

Als Uwe Gensheimer mit SPORT1 telefoniert, meldet sich im Hintergrund erst einmal der dreijährige Sohn Matti zu Wort.

Auch für den deutschen Handball-Star von den Rhein-Neckar Löwen ist die aktuelle Situation gewöhnungsbedürftig, wegen des Coronavirus ist der Linksaußen zum "Home Office" gezwungen. Zumindest wird Gensheimer, der sich Ende Februar eine Fußverletzung zugezogen hat, nicht so schnell langweilig, wie er im Interview verrät.

Dazu spricht Gensheimer über die möglichen drastischen Folgen der Coronakrise für den Handball, die schwierige Lage seines eigenen Restaurants sowie die Trennung von Christian Prokop im Nationalteam.

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SPORT1: Herr Gensheimer, die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es Ihrem Fuß und Ihnen generell gesundheitlich? Einige Teamkollegen haben sich ja mit dem Coronavirus infiziert.

Uwe Gensheimer: Ich habe jetzt ein bisschen weniger Druck und kann das in aller Ruhe auskurieren lassen (lacht). Was das Coronavirus betrifft: Da habe ich nichts abbekommen. Wer weiß, vielleicht war ich auch schon betroffen. Aber als ich wegen der positiv getesteten Kollegen in Quarantäne war, hatte ich keinerlei Symptome. Deshalb wurde ich erst mal nicht getestet.

SPORT1: Wie kommen Sie mit dem veränderten Alltag klar? Ich nehme an, das Gefühl Ihres Sohnes, dass jeder Tag Wochenende ist, teilen Sie nicht unbedingt, oder?

Gensheimer: Es ist nicht ganz so einfach, zu wissen, welcher Wochentag gerade ist oder morgens zu entscheiden, welche Jogginghose ich anziehe. Wir sind vor ein paar Monaten umgezogen in ein Haus, da gab es auch noch einiges zu tun im Garten und noch ein paar Kisten auszuräumen. Es gibt einige Aufgaben zu erledigen. Bisher wurde mir nicht allzu sehr langweilig. Ich habe ja auch noch eine Bachelor-Arbeit zu schreiben (lacht). Der Kleine will auch immer bespaßt werden. Deswegen ist es vielleicht gar nicht so schlecht, mal ein bisschen zur Ruhe zu kommen und Zeit zu haben für Dinge im Alltag und der Hausarbeit, auf die man sonst keine Lust hat oder für die man immer Ausreden findet (lacht). Aber wir wünschen uns natürlich alle eine andere Situation. Keiner weiß ja, wie lange das noch so anhält. Dieses Thema ist ja kein Spaß, sondern sehr, sehr ernst, was alles dahintersteht. Zum Glück haben wir in Deutschland noch nicht so eine hohe Sterblichkeitsrate wie in anderen Ländern. Aber gerade deshalb sind wir alle auch gut beraten, den eingeschlagenen Weg der Bundesregierung so konsequent wie möglich mitzugehen, dass wir da so schnell wie möglich wieder rauskommen.

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SPORT1: Welche Folgen kann diese Krise für den Handball haben?

Gensheimer: Es ist momentan sehr schwierig, abzuschätzen, weil keiner weiß, wie lange es noch weitergeht. Keiner weiß, wann wir in der Lage sein werden, wieder Spiele in der Form, wie wir sie normalerweise abhalten, also beispielsweise vor 10.000 Zuschauern in der SAP Arena, durchzuführen. Für unseren Verein, die Rhein-Neckar Löwen, wäre eine Einstellung des Spielbetriebs und ein Ende der Saison besonders unter dem Aspekt eine bittere Situation, dass wir von sieben verbleibenden Spielen fünf Heimspiele hätten. Das würde auch wirtschaftlich für uns etwas bedeuten, wenn es dann Regressforderungen geben würde. Bislang waren die Gespräche mit den Sponsoren, so weit ich das mitbekommen habe, ganz gut. Und auch die Dauerkarteninhaber, unsere Fans, stehen uns stark zu Seite. Aber wir wissen auch nicht, wie schnell sich so eine persönliche individuelle Situation ändern kann.

Gensheimer glaubt nicht an Fortsetzung der Saison

SPORT1: Glauben Sie persönlich denn noch an eine Fortsetzung der laufenden Saison – und wenn ja, in welcher Weise?

Gensheimer: Es würde nur Sinn ergeben, wenn wir es schaffen, die Liga bis Ende Juni zu beenden. Denn sonst gäbe es wieder andere Folgen, da die Spielerverträge nur bis Ende Juni laufen. Dann müsste man sich überlegen, wie man das ändern könnte, wie man mit der Situation umgeht. Da wollen wir noch gar nicht hin denken. Wir haben einen kleinen Puffer, da wir Ende Mai zwei Wochen haben und dann noch mal gut zwei Wochen im Juni, in den bislang keine Bundesliga-Spiele angesetzt waren. Anfang Juni stand noch eine WM-Quali mit der Nationalmannschaft an. Ansonsten gibt es noch vier, fünf Wochen, in denen man das unterbringen könnte – wenn wir es schaffen, Mitte Mai wieder zu spielen. Aber so wie es momentan der Fall ist, sieht es eher nicht danach aus. Deswegen glaube ich nicht an eine Fortsetzung. Und wenn, wäre es sehr, sehr schwierig, mit einer hohen Zuschauerzahl zu spielen. Da wären dann wahrscheinlich nur Geisterspiele eine Option – und da hat keiner Lust drauf. Aber wenn uns das so viel hilft, dass wir an anderer Stelle weniger Probleme haben, würden wir das natürlich machen.

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SPORT1: Sind Geisterspiele überhaupt eine vernünftige wirtschaftliche Option? Denn die Haupteinnahmequelle, die Zuschauer, fallen weg – und viele Kosten bleiben.

Gensheimer: So ist es. Deswegen ist es eine schwierige Situation. Wenn es nur um die Kosten gehen würde, würden wir es sicherlich nicht machen wollen. Aber an so einem Spielbetrieb hängt ja noch mehr. Im Handball sind zwar die TV-Gelder nicht ganz so hoch wie im Fußball, aber es geht auch um Auf- und Absteiger und den Meister. Das spielt ja auch für die Zukunft eine Rolle. Könnte in der nächsten Saison ein Spielbetrieb mit 18 Mannschaften fortgeführt werden? Da muss mehr durchleuchtet werden als die sechs Wochen und die Einnahmen aus diesen Spielen.

SPORT1: Befürchten Sie auch ein Klub-Sterben? HBL-Boss Frank Bohmann sagte in der Bild, es sei "nicht auszuschließen, dass wir in der kommenden Saison Klubs verlieren werden".

Gensheimer: Ja klar, das ist eine Gefahr. Wir wissen, dass Einnahmen ausbleiben werden und es den ein oder anderen Verein mehr oder stärker trifft als den anderen. Wir Spieler sind uns das bewusst. Wir nehmen deshalb in der aktuellen Phase, in der jeder Rückschritte machen muss, auch in Kauf, dass wir unserem Verein entgegenkommen - mit dem Hintergedanken, dass wir auch alle keine Lust haben, uns im nächsten Jahr neue Vereine zu suchen. Wir wollen ja, dass unser Verein, in dem wir alle jeweils spielen, auch in dieser Form weiter noch bestehen bleibt.

Coronakrise trifft Gensheimers Unternehmen

SPORT1: Stichwort Solidarität und Gehaltsverzicht. Wie gehen Sie bei den Rhein-Neckar Löwen damit um?

Gensheimer: Es gibt Absprachen, die noch nicht finalisiert sind, aber wir wollen und werden unseren Teil dazu beitragen. Wir sind noch in einer Phase, in der die Liga nur unterbrochen ist. Deswegen hat noch kein Sponsor oder Dauerkarteninhaber etwas Rechtliches in der Hand, wie Regressforderungen zu stellen. Doch ab dem Moment, wenn die HBL sagen würde, wir beenden die Saison, wir spielen nicht mehr weiter, wir lassen die sieben Spieltage wegfallen, kann es eine große Welle an Sponsoren, Dauerkarten- und Logeninhabern geben, die dann sagen: Wir wollen einen bestimmten Teil unseres Geldes zurückhaben. Und dann kann es schnell gehen.

SPORT1: Und wie geht es ihrem eigenen Unternehmen in dieser Zeit?

Gensheimer: Wir haben mit unserem Restaurant, dem Cornelienhof, eine ganz schwierige Situation aktuell. In der Gastro-Branche schlägt die Krise durch das Coronavirus knallhart zu. Es ist ja auch nicht so, dass die Kundschaft dann später umso mehr isst. Die Tage sind dann weg, die Umsätze verloren gegangen. Wir haben das ganz große Glück, dass wir von unserer Eigentümerin zwei Monate Mieterlass bekommen haben. Das haben wir sehr gerne entgegengenommen. Aber wir mussten unsere Mitarbeiter auch in die Kurzarbeit anmelden, weil es einfach nichts zu arbeiten gibt. Wir sind noch dabei, das ein oder andere Konzept für einen Take-Away-Service zu erstellen, damit wir ein bisschen Schaden reduzieren können. Aber das wird weit weg sein von den Umsätzen, die wir normalerweise haben.

SPORT1: Wie stehen Sie zur Olympia-Verschiebung?

Gensheimer: Das war unumgänglich, dass es da eine Entscheidung gibt. Es haben nicht alle so eine Spielstruktur, wie wir sie im Handball haben. Andere Athleten trainieren individuell über mehrere Jahre hinweg auf dieses Ereignis hin. Ich kann mir schon vorstellen, dass dem ein oder anderen Athleten mit dieser Entscheidung der Boden unter den Füßen weggezogen wurde – wenn der ganze Trainingsplan, mit dem man monatelang auf Olympia hingearbeitet hat, umsonst war. Aber diese Entscheidung war unumgänglich, wenn man sieht, in welche Bereiche das Virus noch vordringt. Unter allen Aspekten, die berücksichtigt werden müssen, war es nicht möglich, die Spiele unter diesen Voraussetzungen stattfinden zu lassen.

Gensheimer: Das war der einzige Grund für Prokops Entlassung

SPORT1: Sie haben in diesem Jahr bereits zwei Trainerwechsel miterlebt. In der Nationalmannschaft hat die Trennung von Christian Prokop für Aufsehen gesorgt, besonders wegen der vorherigen Treuebekenntnisse. Sie haben sich "geschockt" geäußert ...

Gensheimer: Über die Begleitumstände wurde schon viel gesprochen. Der DHB hat ganz klar gesagt, dass die Art und Weise, wie es vonstatten gegangen ist, alles andere als okay war. Dafür hat sich der DHB mehrfach entschuldigt. Ich war nach der Entscheidung geschockt, weil es einfach keine Anzeichen dafür gab, auch nicht, als wir uns nach dem Turnier verabschiedet haben. Wir haben absolut nicht damit gerechnet. Es wurde ja auch mehrfach gesagt, dass es ausschließlich darum ging, dass man Alfred Gislason bekommen konnte. Und dass das der einzige große Grund war.

SPORT1: Auch in Ihrem Verein gab es einen Trainertausch von Kristján Andrésson auf Martin Schwalb. War dieser vielleicht weniger überraschend oder gar notwendig?

Gensheimer: Es lief mit Kristján leider nicht so, wie wir uns das alle vorgestellt haben. Das zeigt die Tabelle auch klar und deutlich. Mit der Qualität, die wir bei den Rhein-Neckar Löwen im Kader haben, verkaufen wir uns unter Wert. Wir sind geschlossen als Mannschaft nicht an unser Maximum herangekommen. Es ist ja normal, dass ein, zwei Spieler in der Tagesform nicht an ihr Optimum kommen. Aber jeder hat gesehen, dass wir als Team nicht das auf die Platte bringen konnten, was wir können. Das tut mir sehr, sehr leid, weil ich auch weiß, was dahintersteckt. Kristján kam als junger Trainer aus Schweden, mit einer Familie und zwei Kindern. Für die Familie ist das auch ein ganz großer Schritt, ins Ausland zu gehen, in ein neues Umfeld, in eine neue Schule. Das ist keine einfache Situation. Das schmerzt dann umso mehr, wenn man dann merkt, dass es nicht klappt. Aber wir alle wissen, dass es ab und an im Profisport dazu gehört und vorkommen kann. Martin hat frischen Wind gebracht und eine neue Atmosphäre geschaffen. Dann wurden wir leider unsanft durch die Coronakrise gebremst.

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