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Der FC St. Gallen steht momentan an der Tabellenspitze der schweizerischen Super League
Der FC St. Gallen steht momentan an der Tabellenspitze der schweizerischen Super League © Getty Images
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München - Seit 2010 wurden mit dem FC Basel und Young Boys Bern nur zwei Klubs Schweizer Meister. Jetzt rockt der FC St. Gallen die Liga. Bei SPORT1 spricht der Trainer.

Nicht der Titelverteidiger Young Boys Bern, auch nicht der früherer Serienmeister FC Basel - sondern der kleine FC St. Gallen ist derzeit im Schweizer Fußball das Maß der Dinge. 

Mit einem 2:1-Erfolg beim großen FC Basel übernahmen die Espen Anfang Februar die Tabellenführung in der Super League.  

Aktuell liegen sie punktgleich vor Titelverteidiger Bern, der Run auf die Tickets für das direkte Duell am heutigen Sonntag (Super League: FC St. Gallen - Young Boys Bern ab 16 Uhr im LIVETICKER) ist groß. Bei nur noch knapp 5.000 verfügbaren Karten könnte der heimische Kybunpark zum zweiten Mal in dieser Saison ausverkauft sein. 

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Der Hype um das Team des deutschen Trainers Peter Zeidler ist groß. 

"Die aktuelle Konstellation hat sicher auch damit zu tun, dass die Young Boys und der FC Basel nicht mehr ganz so dominant daher kommen wie in den vergangenen Jahren", sagt der Coach im Gespräch mit SPORT1.

Der 57-Jährige führt weiter aus: "Basel mit den Erfolgen in der Champions League und auch die Young Boys waren in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich mit Spielern, die auf ihrem Höhepunkt waren. Beide Klubs mussten zuletzt einige Abgänge nach Deutschland oder England verkraften. Das ist sicher ein Grund, wenn man das Ganze von außen betrachtet." 

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"Günstige Konstellation mit jungen Spielern"

Als Verantwortlicher betrachte man den Erfolg noch etwas differenzierter, meint Zeidler. Das Team habe eine "günstige Konstellation mit vielen jungen Spielern, die bereit sind alles zu geben, super zusammen harmonieren, und das Ganze ist auf dem Platz zusammen intakt."

Das aktuelle Team um Leistungsträger Cedric Itten, der zugleich als größte Sturmhoffnung der Schweizer Nationalmannschaft gilt, hat den niedrigsten Altersschnitt der Liga. Beim Erfolg in Basel war die Startelf im Schnitt gerade einmal 22,2 Jahre jung. Der 25-jährige Lukas Görtler, einst für Bayern II und Kaiserslautern aktiv, zählte dabei schon zu den erfahrenen Spielern. Für Zeidler ist Görtler "ein wichtiger Spieler".

Itten, der in der Saison 2018/2019 einen Kreuzband- und Innenbandriss erlitten hatte, ist inzwischen das Aushängeschild des Klubs. Seine Bilanz nach 20 Ligaspielen: neun Tore und drei Assists. Zudem traf der 23-Jährige in zwei Länderspielen für drei Mal. 

Amanatidis als Co-Trainer 

Die Taktik von Zeidler und seinem Assistenten, dem früheren Bundesliga-Profi Ioannis Amanatidis (früher als Profi unter anderem Eintracht Frankfurt, VfB Stuttgart), geht auf:

Mit Pressing, Gegenpressing, schnellem Umschalten und direktem Zug zum Tor gelang es dem Außenseiter, auch den Topfavoriten aus Basel und Bern das Leben schwer zu machen.  

"Bei uns sind viele junge Schweizer, zwei Spanier, die mit ihren 25 schon unsere Routiniers sind. Der eine wurde in Barcelona ausgebildet, der andere in Valencia", erklärt Zeidler. 

Im Sommer 2018 übernahm er den Trainerjob und führte die Ostschweizer im ersten Jahr auf einen guten sechsten Platz. 15 Runden vor Schluss thront sein Team nun an der Spitze - und stellt mit 48 Toren in 21 Spielen die stärkste Offensive der Liga. 

Zeidler, der von 2008 bis 2011 bei der TSG Hoffenheim als Co-Trainer unter Ralf Rangnick gearbeitet hat, steht für Spektakel-Fußball. Das St. Galler Tagblatt schrieb kürzlich von der "Zeidlerformel" und verglich Zeidlers Spielstil mit Marco Roses in Mönchengladbach oder Leipzigs Fußball unter Ralph Hasenhüttl. 

Rangnick für Zeidlers Karriere "sehr wichtig"

"Ralf Rangnick war für meine bisherige Karriere sehr wichtig. Wir waren zusammen beim VfB, in Hoffenheim war ich drei Jahre sein Assistent und auch in Salzburg haben wir in anderer Konstellation zusammengearbeitet", sagt Zeidler. "Ich bin von ihm beeinflusst worden und habe ihm viel zu verdanken – aber ich denke, dass ich trotzdem meinen eigenen Weg gegangen bin."

Die entscheidende Frage aber: Reicht es am Ende für den ganz großen Coup?

"Mit der Meisterschaft beschäftigen wir uns nicht groß, dafür stehen noch viel zu viele Spiele an. Aber die Euphorie spüren wir natürlich schon", meint Zeidler.

In der Schweiz gibt es einige Städte, in denen Fußball eine große Rolle spielt. Das ist in St. Gallen der Fall. Der Verein hat mittlerweile einen Zuschauerschnitt von 13.000, gegen Young Boys wird das Stadion ausverkauft sein. Zur Freude von Zeidler. "Wir werden von einer großen Sympathie, Identifikation und von Stolz getragen. Auch auswärts werden wir von über 1000 Fans begleitet,"    

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Einziger Wermutstropfen: Stürmer Boris Babic hat sich einen Kreuzbandriss zugezogen. "Das ist ein Rückschlag", weiß Zeidler und erklärt: "Er ist ein positiv Verrückter, ein Wilder, der aus der Gegend kommt."

Vor 20 Jahren hatten die Espen schon einmal für eine ganz dicke Überraschung gesorgt. Das damals als Abstiegskandidat gehandelte Team wurde unter Marcel Koller sensationell Meister. Es war erst der zweite Meistertitel in der langen Geschichte des 1879 gegründeten und damit ältesten Fußballklubs der Schweiz. 

Zusammengestellt hat das Team Sportdirektor Alain Sutter, der einst für Nürnberg, Bayern und Freiburg 96 Bundesligaspiele absolviert hat. Anfang 2018 übernahm der frühere TV-Experte den Job und wurde anfangs von den Fans wegen seiner mangelnden Erfahrung misstrauisch beäugt. Mittlerweile trägt seine Arbeit Früchte. 

Und vielleicht gibt es im Mai sogar den Lohn in Form des Meisterpokals. 

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