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Ian Frodsham galt in seiner Generation als eines der größten Fußballtalente der Welt
Ian Frodsham galt in seiner Generation als eines der größten Fußballtalente der Welt © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Imago/Liverpool FC
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Ian Frodsham gilt in seiner Generation als eines der größten Fußballtalente der Welt. Seine Geschichte nimmt ein tragisches Ende, das den Klub bis heute begleitet.

Damit ihn niemand vergisst, bildet sein Andenken das Herz der Akademie des FC Liverpool

In den letzten 25 Jahren sind Tausende junge und vielversprechende Talente durch die Tore der Ian Frodsham Arena gelaufen, alle mit dem gleichen Wunsch wie der Namensgeber - aber kaum einer mit dessen außergewöhnlichem Talent. 

Die wenigsten der jungen Kicker werden die Geschichte des in Kirkby - in direkter Nähe von Anfield - geborenen Frodshams kennen, dessen Namen über der Eingangshalle der Akademie steht. Dabei war er eines der aufregendsten Talente seiner Generation. 

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"Die Ähnlichkeiten zwischen Ian und Steven Gerrard waren erstaunlich", sagte Steve Heighway, Liverpools legendärer früherer Chef der Jugendakademie, The Athletic. "Sich vorzustellen, dass sie zusammen in derselben Liverpooler Mannschaft gespielt hätten, das ist ein unglaublicher Gedanke. Ian war gut genug, aber das grausame Schicksal hat ihm die Chance genommen."

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Heighway machte Spieler wie Robbie Fowler, Michael Owen, Jamie Carragher and Gerrard zu Stars, doch seine Beziehung zu Frodsham endete anders. 

Die Geschichte rund um dieses Schicksal ist tragisch, aber auch eine von Mut und großen Gefühlen. 

Ferguson beißt bei Frodsham auf Granit

Die Story des Ian Frodsham beginnt am Telefon Fahrt aufzunehmen. Im Interview mit The Athletic erinnert sich seine Mutter Lynn noch, als wäre es gestern gewesen: "Eines Tages nahm ich den Hörer ab und diese schottische Stimme sagte: 'Mrs. Frodsham, hier ist Alex Ferguson. Wir würden Ihren Sohn gerne unter Vertrag nehmen. Würde er hierher kommen?'"

Ian war damals 13 Jahre alt und hatte für dieses Angebot wenig übrig. Immerhin war er Liverpooler durch und durch. Ferguson zeigte sich allerdings hartnäckig - wie so oft in seiner langen Karriere als Trainer und Manager von ManUnited. 

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Er versuchte alles, doch Frodsham war einfach nicht für einen Besuch bei den Red Devils zu gewinnen. Als letzte Verzweiflungshandlung gab Ferguson Mutter Frodsham seine Nummer mit der Bitte: "Rufen Sie mich an, wenn Ian in Liverpool einmal unglücklich sein sollte."

Doch dazu kam es nie. 

Über Everton zur Traummannschaft Liverpool

Frodshams Zuhause lag in der Ribblers Lane in Kirkby, wo praktisch jeder kleiner Junge davon träumt, eines Tages in Anfield auf dem Rasen zu stehen. Er wurde drei Tage vor Weihnachten 1975 geboren und war das vierte von fünf Kindern der Familie. 

Als er fünf war, fuhr der Vater zum ersten Mal mit ihm nach Anfield. "Er hat die ganze Zeit geweint", berichtete Lynn. Ians Vater versprach danach, dass er den Kleinen nicht mehr mitnehmen würde. Er hielt sich allerdings schon kurze Zeit danach nicht mehr an dieses Versprechen - und dem kleinen jungen gefielen die Stadionbesuche schon bald. (SERVICE: Alles zur Premier League)

In der Folge spielte er selbst in der Schulmannschaft - und zwar schon bald immer einige Jahrgangsstufen über ihm. Als er zehneinhalb Jahre alt war, ging er dann doch zu der Jugendabteilung eines großen Klubs - des FC Everton.

Er träumte allerdings nicht in blau, sondern in rot. Daher war Frodsham sehr glücklich, als wenige Monate später ein Verantwortlicher des FC Liverpool bei ihm vorstellig wurde. Ab dem 11. Lebensjahr war er nun auch offiziell ein Red. 

Frodsham übersteht Hillsborough-Tragödie

Am 15. April 1989 nahm Gary seinen Bruder Ian mit einigen Freunden zum ersten Mal mit zu einem Auswärtsspiel des LFC. Das Ziel war Hillsborough und die Sonne schien passend zum Halbfinale des FA Cups zwischen Nottingham Forest und dem FC Liverpool. 

"Da Ian noch so jung war, gingen wir früh rein, so gegen 13.30 Uhr. Ich war ungefähr 19 und Ian 13. Wir gingen direkt hinter das Tor, ganz nach vorne. Genau da, wo alles passierte", berichtete Gary. 

Die Gruppe ging allerdings vor dem Anpfiff weiter nach oben, weil Ian ansonsten nichts gesehen hätte. "Mein Kumpel Jeff sagte immer, wenn Ian nicht da gewesen wäre, wer weiß, ob wir es an diesem Tag nach Hause geschafft hätten", sagte Gary. Gut möglich, denn in der sechsten Spielminute brach genau dort die Tribüne ein - bis heute eine der größten Tragödien im Fußball. 

Drei Monate zuvor hatte Kenny Dalglish - Liverpools damaliger Coach - der Familie einen Brief geschrieben. Die Nachricht besagte, dass er in Ian großes Potenzial sehe und ihn gerne an den Klub binden wolle.

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"Steve Heighway hielt große Stücke auf ihn", erinnerte sich Dalglish, der den Klub wenig später verließ: "Er hat immer gesagt, wie gut er war, und Steves Urteile waren immer auf den Punkt. Steve liebte ihn sowohl als Fußballer als auch als Mensch."

Das bestätigt Mutter Lynn: "Steve Heighway hat immer zu mir gesagt: 'Dein Ian ist zwei Personen! Abseits des Feldes ist er liebenswert, aber wenn er das Feld betritt, ist er ein anderer Mensch. Er war so wettbewerbsorientiert."

Heighway: "Er flog überall hin"

"Er war die Art von Kind, die man nie vergisst. Sehr höflich, freundlich, bescheiden, respektvoll. Alle hielten große Stücke auf ihn. Er war ein Allround-Sportler. Ein Mittelstreckenläufer, ein guter Turner und ein anständiger Schwimmer. Er hörte immer zu. Er kümmerte sich um die Leute", sagte Dalglish The Athletic

Auch in der Schule war Frodsham enorm beliebt. "Alle waren stolz auf ihn", verriet Lynn. Viele der Mitschüler dachten wohl schon daran, dass sie früher mit einem Weltstar zur Schule gegangen waren - denn Frodsham überzeugte in der Akademie der Reds von Tag zu Tag mehr. Am 26. Februar unterschrieb er seinen ersten Profivertrag - spätestens da dürften sich fast alle sicher gewesen sein. 

Die U18 des FC Liverpool feiert den Triumph im FA Cup 2019
Die U18 des FC Liverpool feiert den Triumph im FA Cup 2019 © Imago

"Er hatte so erstaunliche Eigenschaften", erinnerte sich Hughie McAuley, neben Heighway einer der wichtigsten Trainer und Verantwortlichen in der Akademie:

"Das natürliche Talent, der Charakter und der Kampfgeist, den er schon in jungen Jahren auf dem Fußballplatz zeigte, waren unglaublich. Ich denke an die Spiele gegen Everton und Manchester United in Melwood, als er alles abgegrätscht hat, was sich bewegt hat. Ich denke an die Tore, die er schoss, indem er den Ball aus 30 Metern Entfernung in die obere Ecke hämmerte. Wenn man ein Tor brauchte, hat Froddy normalerweise geliefert." 

Froddy, so nannten ihn Freunde und Weggefährten - und auch Heighway, der die erste Zeit mit dem jungen Talent noch vor Augen hat: 

"Zu Beginn seiner Ausbildung ist er einfach geflogen. Wenn man ihm zusah, war es, als würde er versuchen, eine ganze Karriere in eine sechswöchige Vorbereitung zu packen. Er flog überall hin, und er fiel Ronnie Moran (Liverpooler Vereinslegende, Anm.d.Red.) auf. Ich weiß noch, wie Ronnie zu mir sagte: 'Sag dem Jungen, dass er etwas langsamer machen muss. Er hat noch Jahre, um Fußball zu spielen.'"

Doch dem war nicht so. 

Frodsham fällt seltener Krebsart zum Opfer

Im Juni 1993 flog Heighway mit McAuley und den beiden größten Talenten des Klubs nach Florida zu einem Fußball-Camp. Neben Frodsham saß auch Dave Shannon im Flieger. 

Er erinnert sich heute an eine unglaubliche Zeit: "Ich blicke zurück auf diese Florida-Reise und denke, wie viel Glück ich hatte, diese Zeit mit ihm zu verbringen. Während wir dort waren, fing Froddy an, sich zu beschweren, dass sein Rücken wirklich weh tat. Das war der Anfang davon", erinnerte er sich bei The Athletic

Nach der Rückkehr nach Liverpool schickte der Klub Frodsham zu Scans und Tests. Doch der Arzt stellte eine falsche Diagnose und glaubte, dass der junge Mann an einer Art Arthritis im unteren Rücken leide. 

Froddy ging weiter zum Training und versucht die Schmerzen zu unterdrücken. Doch wenige Wochen nach seinem 18. Geburtstag - und kurz nach seinem Debüt für die englische U18 Nationalmannschaft - brach er im Training zusammen und wurde ins Krankenhaus gebracht. 

Es wurde ein aggressiver Tumor festgestellt und der Arzt eröffnete Frodsham, dass er wohl nicht mehr auf professionellem Niveau Fußball spielen könne - selbst wenn die Behandlung anschlägt. Es handelte sich um eine seltene Krebserkrankung und Frodsham startete eine Chemotherapie.

Danach kehrte er lachend und scherzend zum Trainingsgelände zurück - zwar ohne Haare, aber auch ohne jede Beschwerde. Doch im Sommer 1994 wurden viele Hoffnungen zerstört. 

"Weißt du was, Mama, ich bin sicher, diese Schmerzen kommen zurück", sagte Ian da seiner Mutter Flynn. Wenige Tage später sagten ihnen die Ärzte, dass sie nichts mehr tun könnten. Der Krebs hatte sich vom Becken bis in die Wirbelsäule ausgebreitet. 

Die Frodshams gaben aber nicht auf. Ian verlobte sich mit seiner Freundin Paula - gab den Ring aber wenig später zurück, damit sie sich einen anderen suchen könne. Die Supporter des FC Liverpool organisierten Spendengalas und andere Aktionen, und auch die Profis und Weggefährten versuchten Frodsham zu helfen. 

Am Neujahrstag 1995 verabschiedete sich die Familie von Ian - die Schmerzen waren unerträglich geworden und es ging zu Ende. Am 2. Januar 1995 um 1 Uhr morgens ging Frodsham im Alter von 19 Jahren. 

Zur Beerdigung kamen alle Profis, Mitarbeiter und Verantwortlichen des FC Liverpool. Bei vielen von ihnen ist er noch heute Teil regelmäßiger Gedanken - und sein Andenken ist Teil des FC Liverpool.

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