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Reals Katastrophensaison neigt sich dem Ende zu. Heilsbringer Zidane soll den Karren wieder aus dem Dreck ziehen. Aber kann er dabei überhaupt gewinnen?

Der 3:1-Sieg gegen Villarreal am Sonntag war wichtig für Real Madrid, wird aber nicht über das Saison-Desaster der Königlichen hinwegtäuschen. 

Sieglos gegen Leganés und Getafe, Niederlagen gegen Valencia und Rayo Vallecano: Den vergangenen April will wohl jeder Real-Fan schnell wieder vergessen – und mit ihm die ganze Saison. 

Für Real Madrid war es eine Horror-Spielzeit, denn das "weiße Ballett" wird titellos in die nächste Saison gehen. Für Rückkehrer Zinédine Zidane wird es eine Mammutaufgabe zu verhindern, dass sich ein solches Szenario wiederholt. Präsident Florentino Pérez (72) will ihm mit einem Großangriff auf dem Transfermarkt unter die Arme greifen.

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SPORT1 nimmt Reals anstehenden Umbruch unter die Lupe.

Zidane: Mehr Macht, mehr Entscheidungsfreiheit

Dass Trainer Zidane plötzlich wieder bei den Königlichen an der Seitenlinie steht, hatte wohl keiner auf der Rechnung. Neben der Überraschung reagierten Fußball-Kenner aber auch mit Unverständnis. Warum tut sich der 46-Jährige, der sich als Spieler und Trainer bei diesem Verein unsterblich gemacht hat, so etwas an? Die Vermutung: Seine unzerstörbare Liebe zum Verein. Eine Analogie zum 27 Jahre älteren Jupp Heynckes und dem FC Bayern.

"Real ist sein Herzensverein, er wohnt mit seiner Familie in Madrid. Er ist ein Stück Real-Geschichte und hat Legendenstatus. Ich kann ihn mir bei keinem anderen Verein vorstellen, außer vielleicht bei der französischen Nationalmannschaft", sagt Spanien-Fußballexperte und Real-Insider Miguel Gutiérrez im Gespräch mit SPORT1.

Der einzige Grund für die Rückkehr sei das aber nicht gewesen: "Er hat mehr Macht bekommen. Er ist jetzt noch stärker in die Entscheidungen der Vereinsführung eingebunden, vor allem im Transferbereich. Er wird klargestellt haben, mit wem er plant und mit wem nicht."

James und Bale ohne Zukunft

James Rodríguez (27), bei dem die Münchner laut Marca die Kaufoption in Höhe von 42 Millionen Euro nicht ziehen werden, soll ein Abwanderungskandidat sein,sollte er denn tatsächlich zurückkehren. Der Kolumbianer spielte schon in Zidanes erster Amtszeit kaum eine Rolle, ist zudem ein Nicht-EU-Ausländer, wovon die spanische Liga nur drei pro Mannschaft erlaubt. Der Linksfuß wird sich wohl nach anderen Optionen umsehen müssen. Juventus Turin soll am Spielmacher interessiert sein.

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"Wenn die Bayern ihn halten wollten, hätten sie die Option längst gezogen", ist auch Gutiérrez sicher. Bayern-Sportdirektor Hasan Salihamidizc betonte jedoch am Samstagabend, dass noch keine Entscheidungen über James' Zukunft gefallen sei.

Auch Gareth Bale (29), einst mit insgesamt 101 Millionen Euro der teuerste Spieler der Welt, soll auf der Verkaufsliste stehen. Beim Sieg gegen Villarreal stand Bale nicht im Kader - ein klarer Fingerzeig für die Zukunft des Flügelstürmers. 

Ein Landsmann Zidanes könnte hingegen zur zentralen Figur des "neuen" Real Madrid werden: Karim Benzema. Der 31 Jahre alte Stürmer ist einer der wenigen Real-Spieler in dieser Saison, die konstant abliefern. Er traf bereits 30-mal in 51 Pflichtspielen. "Er kann der neue Führungsspieler werden. Er wurde damals auf Empfehlung von Zidane geholt, der zu der Zeit Berater des Vereins war. Er ist so etwas wie ein Bruder für Zidane", weiß Gutiérrez. 

Kroos "immer noch wichtig"

Auch Toni Kroos (29) soll eine wichtige Säule der Mannschaft bleiben. Der deutsche Nationalspieler sei "immer noch sehr wichtig. Er hat eine schwächere Saison gespielt, allerdings ist er immer noch der Taktgeber im Mittelfeld. Bei ihm fallen eben die Fehler extrem auf, weil er sonst praktisch nie welche gemacht hat."

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Während die wichtigsten Bausteine der Mannschaft wohl bestehen bleiben, muss Präsident Pérez den Fans trotzdem "etwas Großes präsentieren", sagt Gutiérrez. Ein Spieler der Marke 'Superstar' - oder am besten gleich mehrere davon. Der Abgang von Cristiano Ronaldo (34) zu Juventus Turin ist nach wie vor nicht kompensiert. "Es fehlen schlicht 40 Tore", konstatiert der Experte.

Hazard und Mbappe zu Real?

Eden Hazard (28) vom FC Chelsea ist der heißeste Superstar-Kandidat bei den Madrilenen. Der Wechsel des Belgiers zu den Königlichen ist so gut wie fix, bestätigt auch Gutiérrez. Die Blues wollen angeblich 140 Millionen Euro für den Flügelflitzer, der Transfer soll laut Informationen der Marca im Mai bekanntgegeben werden. Auch Kylian Mbappé (20) und Neymar (27) sind nach wie vor ein Thema bei den Verantwortlichen in Madrid.

540 Millionen Euro soll Zidane laut der spanischen Zeitung AS im Sommer zur Verfügung bekommen, um der Mannschaft ein neues Gesicht zu geben. Das Geld brauchen sie wohl auch, denn die Liste weiterer Kandidaten ist lang - Paul Pogba (26/Manchester United), Christian Eriksen (27/Tottenham Hotspur), Kai Havertz (19/Bayer 04 Leverkusen) oder Luka Jovic (21/Eintracht Frankfurt) sollen draufstehen. SGE-Sportvorstand Fredi Bobic dementierte aber das Gerücht, wonach der Wechsel von Jovic zu Real bereits fix sein soll.

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Zwei brasilianische Neuzugänge sind derweil bereits fix: Der Verteidiger Éder Militao (21) kommt für 50 Millionen vom FC Porto. Das 18 Jahre alte Supertalent Rodrygo wechselt für 45 Millionen vom FC Santos zu den Königlichen.

Umbruch wird nicht leicht

Der Umbruch, so viel steht fest, wird alles andere als unkompliziert für die Madrilenen. Gutiérrez sieht zum einen das Problem der Kadergröße, die in Spanien auf 25 Spieler begrenzt ist.

Da verliehene Spieler wie James Rodríguez, Theo Hernández (21/Real Sociedad) oder Martin Odegaard (20/Vitesse Arnheim) im Sommer zurückkehren, muss im Kader erst Platz für Neuzugänge geschaffen werden. Gutiérrez geht davon aus, dass es einige junge Spieler treffen könnte: "Dani Ceballos, Mariano Díaz oder auch Marcos Llorente werden eventuell gehen müssen. Auch Nacho könnte ein Opfer der Neuzugänge werden."

Zum anderen sind die hohen Spielergehälter ein Problem. Bei Topverdiener Bale etwa könnte es schwer werden, ihn auf dem Transfermarkt zu vermitteln. Nicht viele Vereine werden sich den Waliser leisten können. Zudem ist er bereits 29 Jahre alt. "Diesen Sommer ist für ihn fast die letzte Chance, nochmal bei einem echten Top-Klub unterzukommen", sagt Gutiérrez.

"Zidane kann nicht den Reset-Button drücken"

Für die kommende Saison sieht er die "Blancos" indes noch nicht auf Augenhöhe mit dem Erzrivalen FC Barcelona.

"Auch Zidane wird nicht auf den Reset-Button drücken und die Mannschaft wieder wie vor drei Jahren spielen lassen können. Das Konstrukt Barcelona steht im Moment einfach besser. Die Katalanen sind eingespielt, Neuzugänge wie Frenkie de Jong (wechselt im Sommer für rund 80 Millionen Euro von Ajax nach Barcelona, Anm. d. Red.), werden sich in einem seit Jahren funktionierenden System einfinden. Eine neue Real-Mannschaft muss sich erst wieder einspielen."

Real liegt aktuell 15 Zähler hinter Erzrivale Barca, in der Champions League und im Pokal schieden die Madrilenen früh aus - der Unterschied ist momentan so groß wie nur selten.

Wenn diese Aufgabe aber einer bewältigen kann, dann ist es laut Gutiérrez die "Lichtgestalt" Zidane. "Die Spieler schauen zu ihm auf, haben unheimlich viel Respekt vor ihm. Das merkt man schon im Training. Für ihn reißt sich jeder Spieler den Hintern auf. Das ist, bei allem Respekt, einfach etwas ganz anderes als unter einem Solari." Der 42-jährige Argentinier war im März bei Real entlassen worden. 

Klar ist in Spanien: trotz Barcas Drama-Aus in der Champions League ist der Druck auf Zidane und die Hauptstädter enorm groß. Gutiérrez ist aber sicher: "Es kann wieder eng werden an der Spitze von La Liga, und in der Champions League ist sowieso immer mit Real zu rechnen."

Dafür muss der Umbruch unbedingt gelingen. 

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