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Mesut Özil holt in einem Interview zum Rundumschlag aus. Seine Kritiker bekommen ebenso ihr Fett weg wie der DFB im Fall Erdogan.

Jetzt spricht Mesut Özil!

Seit Monaten steht der 31-Jährige in der Kritik, nicht wenige haben ihn beim FC Arsenal bereits abgeschrieben. 

Nun setzt sich der Weltmeister von 2014 in einem Interview mit The Athletic zur Wehr - und redet erstmals ausführlich über das Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, das am Ende in seinem Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft gipfelte.

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Mesut Özil über ...

… den Vorwurf, sich auf seinem teuren Vertrag auszuruhen:

"Wenn das so wäre, warum habe ich dann in der Vorbereitung auf diese Saison so hart gearbeitet? Und warum bin ich im letzten Jahr nach der Weltmeisterschaft zum ersten Mal in meiner Karriere früher aus dem Urlaub gekommen? Ich habe es für den neuen Trainer getan, die Mannschaft und den Verein. Vielleicht mögen es Leute nicht, dass ich einen guten Vertrag habe. Aber das weiß ich nicht, beziehungsweise es ist mir egal."

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… den Vorwurf, in großen Spielen unterzutauchen:

"Wenn wir in einem 'großen Spiel' nicht abliefern, ist es immer mein Fehler. Wenn das wahr ist, wie lassen sich dann unsere Ergebnisse in diesen Spielen erklären, wenn ich nicht dabei war. Da gibt es keinen wirklichen Unterschied", erklärt der ehemalige Schalker. "Ich bin nicht der einzige Spieler im Team und man sollte nicht vergessen, dass einige unserer Gegner einfach besser sind als wir."

… seine oft kritisierte Körpersprache:

"Das ist meine Persönlichkeit. Die Leute wollen mich ändern, aber seit dem Tag, als ich mit Fußballspielen begonnen habe, war ich so. Wenn ich schlecht spiele, bin ich natürlich frustriert, weil ich weiß, dass ich es besser kann. Ich bin ein Perfektionist und manchmal will ich zu viel Perfektion. Ich laufe aber nicht fünf Minuten über den Platz und bin angefressen. Das ist nur dieser eine Moment und dann geht es weiter. Später realisiere ich, dass es nicht gut ist, das so zu zeigen, aber es passiert instinktiv. Ich mache das nicht absichtlich und es ist nicht einfach, das zu ändern.

… das Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan:

"Erdogan ist der aktuelle Präsident der Türkei und ich zolle dieser Person Respekt, wer auch immer es ist. Auch wenn ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, ist die Türkei ein Teil von mir. Wenn die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in London wäre und mich um ein Treffen bitten würde, würde ich das natürlich auch machen. Es geht nur darum, der Person im höchsten Amt eines Landes Respekt zu zeigen."

… seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft:

"Mit ein wenig Zeit, darüber nachzudenken, weiß, ich, dass es die richtige Entscheidung war. Ich habe neun Jahre für Deutschland gespielt und gehörte zu den erfolgreichsten Spielern. Ich bin Weltmeister geworden, habe viele Spiele gemacht - sehr viele davon sehr gut - und habe alles gegeben. Ich sage nicht, dass die Leute mich lieben müssen, aber sie sollten Respekt davor zeigen, was ich für Deutschland getan habe."

… die Folgen des Fotos:

"Nach dem Foto mit Erdogan habe ich mich nicht respektiert und schutzlos gefühlt. Ich wurde rassistisch beleidigt, sogar von Politikern und anderen Personen aus der Öffentlichkeit. Niemand aus dem Nationalteam hat sich hingestellt und gesagt 'Stopp. Das ist unser Spieler, ihr könnt ihn nicht so behandeln'. Sie haben nichts gesagt und es geschehen lassen. Ich hatte das Gefühl, dass von mir erwartet wird, dass ich für das Treffen entschuldigen und einen Fehler eingestehen muss, dann wäre alles gut. Wenn nicht, wäre ich im Team nicht mehr willkommen und sollte zurücktreten. Das würde ich niemals tun. Rassismus war immer da, aber Leute nutzten diese Situation, um ihm freien Lauf zu lassen. Jeder darf seine eigene Meinung haben und das Foto, das ich gemacht habe, nicht gut finden. Genauso darf ich aber auch die Entscheidung treffen, das Foto zu machen."

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… die aktuelle Lage in Deutschland:  

"Es gibt große Probleme in Deutschland. Man muss sich nur anschauen, was letzte Woche in Halle passiert ist. Ein weiterer antisemitischer Anschlag. Leider ist Rassismus nicht nur ein Problem des rechten Flügels im Land. Er ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen."

… die Messerattacke auf ihn und Teamkollege Sead Kolasinac in London:

"Ich bin von meinem Haus zu Seads gefahren. Er war draußen und wir haben gesprochen. Meine Frau saß neben mir. Dann kamen diese Leute. Wir haben uns für 10 bis 15 Sekunden angeschaut. Wir dachten, sie wollen vielleicht ein Foto oder so machen. Dann bemerkten wir, dass sie Waffen haben und irgendwas falsch läuft. Wir waren frisch verheiratet und ich hatte Angst um meine Frau. Ich hatte Angst um Sead. Ich habe nicht an mich gedacht. Aber am Ende ist uns nichts passiert, das ist das Wichtigste."

… die Folgen der Attacke:

"Meine Frau wollte sofort weg. Sie hat sich nicht mehr sicher gefühlt. Sogar wenn ich nur unsere Hunde in den Garten lassen wollte, bat sie mich, im Haus zu bleiben. Sie sagte mir, dass wir zurück zu unseren Familien gehen sollten, bis sich alles beruhigt hat. Wir hatten einige schlimme Wochen, aber ich habe nie daran gedacht, London für immer zu verlassen. Ich bin dann wieder ins Training eingestiegen, aber mein Kopf war immer zuhause bei meiner Frau."

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