Lesedauer: 4 Minuten
teilenE-MailKommentare

München - Früher als geplant wird Andrea Pirlo Trainer von Juventus Turin. Die Herausforderung, in Guardiolas und Zidanes Fußstapfen zu treten, verkompliziert sich.

Die Erwartungshaltung an den neuen Coach ist nicht gerade niedrig. Und Juventus Turin tut nichts, um sie zu dämpfen.

"Wir glauben, dass es Bestimmung ist, dass er ein Großer wird", teilt Fabio Paratici, der Sportdirektor des italienischen Meisters mit: "Er war es als Spieler und wir sind sicher, dass er es auch als Trainer wird."

Andrea Pirlo, Idol eines Klubs, einer Fußballnation und alternden Hipstern aus aller Welt startet früher als geplant in seine zweite Karriere an der Seitenlinie eines großen Klubs.

Anzeige

Der "Maestro" mit dem unverwechselbar eleganten Style soll Cristiano Ronaldo, Paulo Dybala und Co. zu weiteren Titeln dirigieren - und zu größerem Erfolg in der Champions League als Vorgänger Maurizio Sarri, der über das Achtelfinal-Aus gegen Olympique Lyon gestolpert ist.

Meistgelesene Artikel

Kann der 41-Jährige den gigantischen Erwartungen gerecht werden?

Andrea Pirlo will es wie Guardiola und Zidane machen

Pirlo selbst scheint kein Problem mit ihnen zu haben, als er bei Juve offiziell als Trainer der U23 vorgestellt wurde, legte er selbst die Latte hoch, setzte sich zum Ziel dieselbe "Reise" zu vollführen wie Pep Guardiola beim FC Barcelona und Zinédine Zidane bei Real Madrid.

Dass nicht selbstverständlich ist, dass aus jedem Star-Spieler ein Star-Trainer wird, weiß Pirlo allerdings auch. Thierry Henrys krachendes Scheitern beim AS Monaco war zuletzt ein mahnendes Beispiel.

DAZN gratis testen und die Champions League live & auf Abruf erleben | ANZEIGE

Ob es für Pirlo drei Jahre nach dem Ende seiner aktiven Karriere beim New York City FC in die eine oder andere Richtung geht, lässt sich nur abschätzen. Es gibt aber durchaus Faktoren, die die Zuversicht der Turiner stützen.

Als Spieler Genie, Stratege und Autorität

Die Titelsammlung von Pirlo als Spieler - Weltmeister mit Italien 2006, zweimal Champions-League-Sieger mit dem AC Mailand, sechsmal Meister mit Milan und Juve - ist das eine. Das andere ist, wie er sie angehäuft hat.

Andrea Pirlo wurde 2006 Weltmeister mit Italien
Andrea Pirlo wurde 2006 Weltmeister mit Italien © Getty Images

Der Mann, über den Zbigniew Boniek einst den schönen Satz sagte, dass der Ball bei ihm so sicher sei wie in einem Tresor, hatte neben seiner technischen Brillanz zwei entscheidende Stärken auf dem Platz: sein außergewöhnliches strategisches Verständnis für das Geschehen auf dem Platz und seine natürliche Aura der Autorität. Qualitäten, die seine Schwächen wie den Mangel an Tempo wettmachten und die nun beste Startvoraussetzungen für den neuen Job sind.

Den Respekt der Stars - eine nicht zu unterschätzende Basis des Erfolgs - muss "l'architetto" (der Architekt) sich bei seiner Vorgeschichte auch nicht extra verdienen.

Bleibt die Frage, ob Pirlo sich ausruht auf dem, was er sich mitbringt, oder den nötigen Willen hat, sich den Rest zu erarbeiten. Vom oberflächlichen Eindruck sollte man sich dabei nicht unbedingt täuschen lassen.

"Ein Schwan, der wild paddelt"

So sehr es manchmal danach aussieht, dass Weltmann Pirlo ein Glückskind ist, dem sein schönes Fußballerleben, seine schönen Freistöße und Panenka-Elfer, sein schönes Weingut und sein schöner Bart einfach so zugeflogen sind: Es steckt dann doch etwas mehr dahinter.

Andrea Pirlo mit Freundin Valentina Baldini und Sohn Nicolo
Andrea Pirlo mit Freundin Valentina Baldini und Sohn Nicolo © Getty Images

Der Sohn eines Metallhandel-Besitzers aus Brescia, zu dessen Kindheitsidolen und Vorbildern auch Lothar Matthäus zählt, wusste immer, dass Ehrgeiz und harte Arbeit Grundlage für seinen materiellen und ideellen Wohlstand waren.

Das britische Fußballmagazin Four Four Two wählte in einem kürzlich veröffentlichten Pirlo-Porträt den treffenden Vergleich mit "einem Schwan, der anmutig über das Wasser gleitet, während unterhalb der Oberfläche seine Füße wild paddeln".

Scheitern bei Juve wäre ein großer Makel

Eigentlich wollte Pirlo noch eine Weile komplett unter der Oberfläche bleiben, wurde von Juve eben erst als U23-Trainer angeheuert, sollte erst Erfahrungen sammeln, bevor er aufsteigt, so wie es auch Guardiola und Zidane gehalten hatten - oder aktuell Weltmeister Miroslav Klose beim FC Bayern München.

Dass Pirlo nun doch gleich ins kalte Wasser springt, ist ein Risiko, das das Ausmaß der Herausforderung noch einmal vergrößert, zumal für Pirlo nicht wenig auf dem Spiel steht: Sollte ausgerechnet die Traumverbindung mit Juve nicht funktionieren, wäre das gleich zu Beginn seiner Trainerkarriere ein Makel, der schwer abzustreifen wäre.

Der elegante Schwan wird unter diesen Voraussetzungen noch etwas wilder paddeln müssen, um seine Aura nicht zu beschädigen.

Nächste Artikel
previous article imagenext article image