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München - Der türkische Traditionsverein Fenerbahce Istanbul steht am Abgrund. Sportlich und finanziell. Es geht um Schulden, schlechte Transferpolitik und Manipulation.

Fenerbahce Istanbul im Dezember 2018 - ein großer Traditionsverein versinkt im Chaos.

Im Keller-Duell am Montagabend zuhause gegen den Drittletzten BB Erzurumspor ging es für Fener ums nackte Überleben. Es endete dramatisch: Der Ex-Bremer Lennart Thy entriss den Gastgebern mit seinem Tor zum 2:2 in der Nachspielzeit die so wichtigen drei Punkte.

Eine 2:0-Führung ließ Fenerbahce lange vom Befreiungsschlag und dem Verlassen der Abstiegsränge der Süper Lig träumen, doch stattdessen heißt die bittere Realität weiterhin Platz 17 - Vorletzter!

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Nicht nur sportlich läuft es miserabel, auch hinter den Kulissen herrscht Chaos.

Fenerbahce: Keine Fans und Transfer-Flops

Es geht um Schulden, schlechte Transferpolitik und Manipulation. Der Glanz vergangener Tage ist längst verflogen, was zur Folge hat, dass die Zuschauer ausbleiben. Nur noch rund 10.000 Anhänger pro Spiel besuchen die Heimspiele von Fenerbahce.

Der Absturz in der Tabelle begründet sich für den 19-maligen türkischen Meister vor allem in der schlechten Transferpolitik im vergangenen Sommer.

Für die vermeintlich größten Probleme sorgen dabei die sogenannten Premium-Transfers: Die Spieler, die am meisten gekostet haben, verstärken Fenerbahce nicht.

Abstiegsangst macht sich breit

Der brasilianische Mittelfeldspieler Jailson sowie die Stürmer Islam Slimani und Michael Frey haben zwar viel Geld gekostet, die Mannschaft aber nicht wirklich verbessert. Längst macht sich Abstiegsangst breit.

"Mit dieser negativen Entwicklung hat niemand gerechnet", sagt der frühere Fener-Coach Christoph Daum, mit dem Klub 2004 und 2005 türkischer Meister, im Gespräch mit SPORT1. "Fenerbahce hat immer um Meisterschaften gespielt, aber nie gegen den Abstieg. Jetzt scheint es so, als ob in dieser Situation alle im Klub keine Lösung haben. Alle wirken überfordert. Das ist ein Schock." 

Keine leichte Mission also für den neuen Cheftrainer Ersun Yanal, der nach der Trennung von Phillip Cocu vor wenigen Tagen präsentiert wurde. Der 48-Jährige war bereits in der Saison 2013/14 bei Fenerbahce im Amt und holte da die Meisterschaft.

Daum verrät: "Auch ich wäre gesprächsbereit gewesen, aber dann hat man sich anders entschieden."

Nach schwachem Saisonstart war Cocu Ende Oktober nach nur 100 Tagen als Fenerbahce-Coach entlassen worden. Und das, obwohl der Niederländer vor seinem Engagement bei Fenerbahce mit der PSV Eindhoven in vier Jahren drei Mal den niederländischen Meistertitel gewinnen konnte.

Team droht auseinander zu brechen

Nach dem Aus von Cocu betreute der bisherige Co-Trainer Erwin Koeman das Team. Dieses droht am Ende der laufenden Spielzeit auseinanderzufallen, nicht weniger als 14 Verträge laufen aus.  

Daum wundert sich: "Wenn ich höre, dass Comolli einen wichtigen Mann wie Roberto Soldado ohne Rücksprache mit dem Spieler schon nach Saudi-Arabien verkauft hat, dann geht das einfach nicht. Er hat sich auch bei den Transfers nicht um die Integration der neuen Spieler gekümmert."  

Inzwischen wurde Volkan Balli verpflichtet, der sich speziell um die Neuzugänge kümmern soll. "Eine sehr gute Entscheidung", so Daum.

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Schulden erdrücken Fenerbahce 

Nicht nur sportlich und personell ist die Lage verheerend, auch finanziell plagen den einst schillernden Klub große Sorgen. Der Schuldenstand von Fener betrug im Juni rund 280 Millionen Euro. Und das war noch vor Donald Trumps Einführung der Strafzölle gegen die Türkei.

Der Verein bezahlte seinen Spielern erst nach dem Wechsel im Präsidentenamt im Frühjahr die ausstehenden Gehälter für drei Monate. Eigentlich wollte man in eine neue Ära aufbrechen, nachdem der ehemalige Präsident Aziz Yildirim nach 20 Jahren abgewählt wurde. Doch es kam anders.  

Dem heute 66 Jahre alten Unternehmer wird vorgeworfen, die Saison 2010/2011 im großen Stil manipuliert zu haben. Andere Mannschaften sollen bestochen worden sein, damit Fener Meister werden konnte. Daraufhin wurde Fenerbahce für drei Jahre von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen.

Der neue Klub-Boss Ali Koc entspringt einer der erfolgreichsten Unternehmer-Dynastien in der Türkei. Doch er übernahm ein schweres Erbe. Vor allem das Verpassen der Champions-League-Gruppenphase legt die Probleme offen. Das Playoff-Hinspiel gegen Benfica Lissabon wurde mit 0:1 verloren, das Rückspiel endete 1:1.

Daum sieht nicht schwarz. "Wenn einige Schlüsselspieler zurückkommen, wird es wieder nach oben gehen, nach dieser verkorksten Saison wird am Ende ein einstelliger Tabellenplatz rausspringen. Wenn es einer schafft, dann Koc. Es gibt aber viele Baustellen für ihn."

 

  

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