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Tyson Fury (r.) nahm Wladimir Klitschko seine Weltmeister-Gürtel ab
Tyson Fury (r.) nahm Wladimir Klitschko seine Weltmeister-Gürtel ab © Getty Images
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Düsseldorf - Tyson Fury entthronte 2015 Wladimir Klitschko, nachdem er ihn mit Chaos im Ring und außerhalb aus dem Konzept brachte. Zum Rückkampf sollte es nie kommen.

Schwer gezeichnet, mit geschwollenem Gesicht und blutunterlaufenen Augen erschien der entthronte Box-Weltmeister Wladimir Klitschko in der Nacht der Niederlage auf der Pressekonferenz im Bauch des Düsseldorfer Fußball-Stadions.

Erschöpft und enttäuscht wirkte er nach seiner überraschend klaren Punktniederlage gegen den Briten Tyson Fury, die ihn die Titel der Verbände WBA, WBO und IBF gekostet hatte - vor allem aber wirkte er ratlos.

Wie konnte ihm das nur passieren? Ihm, dem bis dahin seit über elfeinhalb Jahren ungeschlagenen Champion, dem unangefochtenen König des internationalen Schwergewichts. Klitschko wusste es selbst nicht.

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Wladimir Klitschko: Sein Gefühl trog

"Ich hatte mich eigentlich gut vorbereitet gefühlt", eröffnete der damals 39-Jährige seinen Erklärungsversuch für das, was ihm da knappe zwei Stunden zuvor im Ring widerfahren war.

"In der ersten Hälfte des Kampfes habe ich mich noch recht sicher gefühlt", sagte er, fügte dann aber hinzu: "Als der Kampf vorbei war, hatte ich gleich das Gefühl, dass ich es diesmal nicht geschafft habe."

Ein Gefühl, dass sich für ihn "durchaus außergewöhnlich" anfühle, wie Klitschko unumwunden zugab. Immerhin hatte ihn seit seiner bis dato letzten Niederlage gegen den US-Amerikaner Lamon Brewster im April 2004 ja auch nur eine Handvoll Gegner ernsthaft gefordert.

Tyson Fury zündete Ballyhoo von neuem Ausmaß

Doch gegen Fury, diesen polarisierenden Hünen aus England, lief von Anfang an alles anders.

Selten zuvor hatte ein Herausforderer Klitschkos seinen Trash-Talk im Vorfeld des Kampfes so auf die Spitze getrieben. Selten gelang es einem, mit seinen skurrilen Aussagen und Auftritten so für Aufsehen zu sorgen.

Ob mit Weltuntergangstheorien, einer Showeinlage als Batman, einem umgedichteten Bette-Midler-Lied oder zu guter Letzt noch einem Protest gegen den angeblich zu weichen Ringboden: Fury versuchte den Titelverteidiger zu verwirren, wo er nur konnte. Und es gelang ihm.

Vitali Klitschko kritisierte seinen Bruder scharf

Selten erlebte man den technisch und taktisch hochveranlagten Klitschko derart uninspiriert wie gegen Fury. Vom ersten Gong an versuchte der 1,98-Meter-Mann gegen den noch einmal acht Zentimeter größeren Riesen von der Insel, irgendwie in den Kampf zu finden. Doch er schaffte es nicht.

"Er hatte keine gute Kondition, er hatte keine gute Technik, insgesamt war wenig von ihm zu sehen", kritisierte Wladimirs älterer Bruder Vitali.

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Stattdessen gab Fury den Ton an - und das schon fast aufreizend lässig. Wie zuvor angekündigt, war der Brite von Anfang darauf aus, "Chaos zu stiften" und seinen Rivalen zu irritieren. Der "Gypsy King" tänzelte. Er wechselte permanent zwischen Links- und Rechtsauslage. Er boxte fast durchgehend ohne echte Deckung. Er provozierte. Er führte Klitschko vor.

"Vielleicht hat er mich häufiger getroffen, aber ich habe den Kampf dominiert", analysierte Fury anschließend.

Fury überraschend ausdauernd

"Ich bin nicht richtig in die Distanz reingekommen", gestand auch Klitschko, dessen ansonsten so gefürchtete Rechte diesmal nahezu vollständig wirkungslos blieb. Doch nicht nur die zehn Zentimeter größere Reichweite seines Gegenüber machte "Dr. Steelhammer" zu schaffen.

Während der durch seine in der Vorbereitung erlittene Wadenverletzung womöglich noch ein Stück weit gehandicapte Ukrainer selbst ungewöhnlich hölzern und unbeweglich wirkte, überraschte ihn sein Rivale mit erstaunlich guter Beinarbeit und Kondition.

"Er war die ganzen zwölf Runden lang unglaublich schnell", sagte Klitschko anerkennend.

Schlussspurt kam zu spät

Anerkennen mussten Furys Überlegenheit an diesem Abend auch die rund 45.000 mitunter geradezu entsetzten Zuschauer in Düsseldorf. Von Minute zu Minute sank im Publikum spürbar die Hoffnung auf eine Wende. Fury brach nicht ein, Klitschko drehte nicht auf.

Zumindest in der zwölften und letzten Runde verstärkte der Champion noch mal ein wenig die Offensive, tatsächlich war der Zug zu diesem Zeitpunkt aber schon längst abgefahren.

Mit einem haargenau in dieser Form gewollten Chaos, sowohl außerhalb, als auch innerhalb des Rings, hatte Fury den König entthront und ratlos zurückgelassen.

Rückkampf kam nie zustande

Der geschlagene Klitschko konnte die Scharte nie auswetzen: Ein geplanter Rückkampf platzte im Oktober 2016 endgültig, als Fury positiv auf Kokain getestet wurde und seine Titel zurückgab.

Zu "Fury - Klitschko 2" sollte es nie kommen: Der Brite, der unter einer bipolaren Störung leidet, stand nach seinem großen Sieg fast drei Jahre nicht im Ring, weil er die Folgen psychisch nicht verkraftete: Er verfiel Alkohol, Drogen und Suizidgedanken, geriet völlig außer Form und wog zwischenzeitlich über 180 Kilo - ehe er 2018 gegen Deontay Wilder ein zu diesem Zeitpunkt unglaubliches Comeback einleitete.

Klitschko forderte 2017 stattdessen Weltmeister Anthony Joshua heraus und verlor seinen letzten großen Kampf durch technischen K.o. in der 11. Runde - nachdem er zuvor eine weit bessere und würdigere Leistung gezeigt hatte als gegen Fury. Drei Monate später beendete er seine Karriere.

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