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Nach dem tödlichen Autounfall von Ex-Box-Weltmeister Graciano Rocchigiani erinnert SPORT1-Kommentator Tobias Drews an seinen ehemaligen Kollegen und Freund.

Dezember 2017, ich sitze mit SPORT1-Chefredakteur Dirc Seemann in einem Mittagslokal in der Münchener Innenstadt. Hier wollen wir uns um Punkt 14.00 Uhr mit Graciano Rocchigiani treffen. Er, der Ex-Weltmeister, soll als Experte unsere bevorstehenden Box-Übertragungen begleiten. Ich hatte ein wenig Sorge, dass es Graciano womöglich nicht passend zum Termin schaffen wird.

Er wollte mit dem Auto direkt aus Berlin kommen, da kann schon mal der Zeitplan durcheinander geraten. Ich überlege schon fieberhaft, was ich als Entschuldigung für den Chef vorbringen könnte, wenn Graciano zu spät oder gar nicht kommt.

Ich wurde von einigen Kollegen vorgewarnt: Rocky kann im normalen Leben so unberechenbar sein, wie früher im Ring. Eine Minute vor zwei klingelt mein Handy. Ich ahne Schlimmes. "Graciano hier, ich habe grade einparkt, komme in einer Minute hoch."

Von wegen unpünktlich. Von wegen unberechenbar. Graciano Rocchigiani hatte sofort Lust auf das Projekt, nickte nur kurz bei unserem Gagenangebot und hatte nur einen Wunsch: "Wenn der Kampf Mist ist, dann rede ich das nicht schön". Natürlich nicht, denn für das klare und offene Wort wollten wir Graciano ja im Team haben. Der Deal war also schnell gemacht, Rocky fortan wichtiger Teil unseres Teams.

Nach seinem Sieg über Alex Blanchard, als Graciano mit zugeschwollenen Augen fast blind boxen musste, aber dennoch noch vorzeitig gewann, schrieb eine Zeitung sinngemäß: "Wofür braucht man zwei Augen, wenn man ein solches Kämpferherz hat".

Genau mit diesem Herz wurdest du schnell mehr als ein Kollege. Voller Ideen und Tatendrang erzähltest du mir von neuen Projekten und Umzugsplänen nach München, um deine beiden Kinder in Italien häufiger sehen zu können.

Du konntest mich mit Anrufen so nerven, wie deine Gegner früher mit der Führhand. Es wurde zum lustigen Spiel zwischen uns: du rufst immer wegen unwichtigen Dingen zu unmöglichen Zeiten an, ich versuche, deinen Berliner Akzent nachzumachen. An manchen Tagen hatte ich fast nur deine Nummer in der Rückrufliste.

Wir hatten noch viel vor: zum Beispiel die Vertragsverlängerung als Experte bei SPORT1, dazu Planungen für die nächste Staffel der Castingshow von "SPORT1: The Next Rocky".

Ausgerechnet zu einer Zeit, als du, wie du es selber nanntest, wieder mehr Hoffnung für die Zukunft hattest macht dieser schreckliche Unfall alles kaputt.

Ich habe heute Mittag von dem Unfall erfahren. Da war das Ausmaß nicht klar. Nur, dass du am Wochenende in Wolfsburg nicht für uns würdest vor der Kamera stehen können. Da klang es für mich noch wie ein Beinbruch. Schnell verdichteten sich dann die Hinweise, dass du schlimmer oder sogar lebensgefährlich verletzt worden bist. Schließlich die traurige Gewissheit.

"Echte Kerle heulen doch nicht", hattest du erst kürzlich zu mir gesagt. Ich weiß nicht mehr, ob im Spaß oder ob du das ernst meintest. Aber ich schäme mich nicht, dir mit Tränen in den Augen hier zu zu schreiben: Mach's gut, Rocky, ich werde dich vermissen.

Die größten Kämpfe von Graciano Rocchigiani:

1995: Henry Maske vs. Graciano Rocchigiani I

1995: Henry Maske vs. Graciano Rocchigiani II

1997: Graciano Rocchigiani vs. John Scully

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