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München - Nach dem nächsten Todesfall im Boxsport wird wieder einmal die Frage nach Konsequenzen laut. Es bleiben allerdings nur beschränkte Möglichkeiten.

Charles Conwell konnte nicht jubeln, obwohl er gerade beim Kampfabend in Chicago scheinbar einen großen Erfolg gefeiert hatte.

Der noch ungeschlagene Superweltergewichtler hatte soeben Patrick Day in der 10. Runde mit einer knallharten Linken auf die Bretter geschickt und damit einen weiteren K.o-Sieg perfekt gemacht.

Doch Conwell sah, wie sein Gegner regungslos auf dem Boden lag und sich blitzschnell die anwesenden Sanitäter um ihn kümmerten. Auf einer Trage wurde Day ins Krankenhaus gebracht, wo eine Notoperation an seinem Gehirn durchgeführt wurde. Day lag vier Tage lang im Koma, bevor er am Mittwoch seinen schweren Kopfverletzungen erlag. 

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"Ich habe niemals gewollt, dass dir so etwas passiert", schrieb Conwell bei Twitter. "Alles was ich wollte, war zu gewinnen." Die Kampfszenen in seinem Kopf würden ihn seither quälen. "Wenn ich alles ungeschehen machen könnte, ich würde es tun."

Day ist bereits der vierte tote Athlet im laufenden Jahr, den der Boxsport zu beklagen hat. Erst Ende September war der Bulgare Boris Welischkow bei einer Boxnacht in Albanien verstorben, im Juni ließen Maxim Dadaschew aus Russland und der Argentinier Hugo Santillan ihr Leben im Ring.

"Man kann dem Ringrichter keinen Vorwurf machen"

Dabei ist die Diskussion um die Sicherheit im Boxsport so alt wie die Sportart selbst - und erneut müssen sich die Verantwortlichen fragen lassen, ob alles unternommen wurde, um das Leben der Boxer zu schützen. "Man kann es nicht so einfach machen und sagen: 'Hätte man früher abgebrochen, wäre das alles nicht passiert'", sagt SPORT1-Box-Experte Tobias Drews über Days tragischen Tod. "Es gab aber nicht den Moment, wo man hätte abbrechen müssen. Da kann man dem Ringrichter keinen Vorwurf machen"

Das Problem in diesem Fall war, dass Day zunächst die volle Wucht des Treffers abbekam und Sekundenbruchteile später ungebremst mit dem Kopf auf den Ringboden knallte. "Es war eine Verkettung unglücklicher Zufälle", sagt Drews. Auch ein Helm hätte nicht notwendigerweise den Tod des 27-Jährigen verhindert, glaubt Drews. 

In der Tat scheint ein Kopfschutz nicht zwingend dazu geeignet, schwere Kopfverletzungen zu verhindern. Nach mehreren Todesfällen hatte das Olympische Komitee 1984 den Kopfschutz durchgesetzt, zwei Jahre später zogen die Amateurverbände nach. Knapp 30 Jahre lang bestritten Amateurboxer ihre Wettkämpfe mit einem Helm.

"In dieser Zeit wurde mit dem Kopfschutz geboxt", erinnert sich Drews. "Später wurde dann analysiert: Gab es in diesem Zeitraum weniger Kopfverletzungen? Cutverletzungen und Schwellungen im Gesicht nahmen zwar ab, aber Gehirnerschütterungen nicht. Deswegen hat man ihn wieder abgeschafft."

Nur eine Untersuchung pro Jahr

Weil zudem das Sichtfeld eingeschränkt war und der Helm dazu verleitete, mehr Risiko einzugehen, was mehr K.o.-Kämpfe zur Folge hatte, war der Großteil der Boxer froh, "oben ohne" in den Ring zu gehen.    

Einen wirkungsvolleren Schutz würden umfangreiche Vor-Untersuchungen bieten, die jedoch längst nicht für jeden Boxer zu leisten sind. "Wenn du auf einem Niveau unterwegs bist, wo du nicht die Millionen-Ablösen kassierst, dann überlegst du es dir zweimal, ob du das Geld für eine kostspielige Computer-Tomographie investierst", sagt Drews. "Man muss an die Vernunft der Athleten appellieren. Vor allem wenn sie im Training schon einige Schläge abbekommen haben, muss man es von einem Arzt abklären lassen."

Derzeit ist es für Berufsboxer Pflicht, ein Mal im Jahr eine solche Kopfuntersuchung vornehmen zu lassen, was jedoch bei weitem nicht ausreicht. Geht ein Athlet mit Vorschädigungen, die er sich im Sparring zugezogen hat, in einen Kampf, wird es gefährlich. Aufgrund der Vorbelastung und der eingeschränkten (Gehirn-)Funkion besteht ein erhöhtes Verletzungsrisiko.  "Du kannst das aber nur feststellen, wenn man direkt vor dem Kampf einen Test machst", sagt Drews. 

Auch Thomas Pütz, Präsident vom Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) will sich mit den vielen Todesfällen nicht abfinden. "Wir müssen in Deutschland auch weiterhin alles unternehmen, dass es hier zu solchen Fällen nicht kommt. Es gibt frühzeitig Schutzsperren, außerdem müssen alle Boxer medizinische Untersuchungen vorweisen", sagte Pütz.

"...auch wenn das Publikum buht"

Doch auch während der Kämpfe gäbe es noch Möglichkeiten, die Notbremse zu ziehen. Schon bei den kleinsten Anzeichen müsste der Ringarzt den Boxer in einer Ringpause die Augen durchleuchten, um dessen Reaktionsfähigkeit zu testen. "Damit könnte man sicherlich den ein oder anderen Fall besser handhaben, damit es zu weniger Komplikationen kommt", sagt Drews. 

BDB-Präsident Pütz reist nächste Woche zum Kongress des World Boxing Council (WBC) nach Mexiko, einem der vier großen Weltverbände im Profiboxen. "Dort wird es auch medizinische Seminare geben, in denen ich darauf hinweisen werde, wie groß die Verantwortung für die Ringrichter und die jeweilige Ringecke ist. Ein Kampf muss rechtzeitig abgebrochen werden, auch wenn das Publikum buht."

Im tragischen Fall von Patrick Day hätte eine solche Kontrolle jedoch wohl nichts ergeben, auch wenn er bereits einige Runde zuvor schon einmal auf die Bretter geschickt wurde. Der US-Amerikaner war direkt wieder aufgestanden und wirkte fit, eine Schnell-Analyse hätte vermutlich kein negatives Ergebnis gezeigt. 

Dabei haben sich die Diskussionen um Kopferletzungen längst auch in andere Sportarten verlagert. Doch während es im Fußball noch keine verbindliche Regeln gibt, wann ein Spieler nach einem Kopfverletzung zurück auf den Platz darf, ist die National Football League (NFL) wesentlich strikter.  

Dort wurde 2009 das sogenannte Concussion Protocol eingeführt und seitdem stetig angepasst. Auslöser waren vermehrt Beschwerden aktueller und ehemaliger Spieler, die über Kopfschmerzen klagten. Wissenschaftler stellten bei 110 von 111 untersuchten Gehirnen toter Football-Profis die degenerative Erkrankung CTE (chronisch-traumatische Enzephalopathie) fest. Diese kann als Folge von wiederholten Schlägen gegen den Kopf zu Gedächtnisverlust, Depressionen und Demenz führen.

Auch andere Sportarten betroffen

Doch auch im Fußball findet spätestens seit Christoph Kramers Gehirnerschütterung im WM-Finale 2014 ein langsames Umdenken statt. Vereinzelt findet man Spieler mit Kopfschutz auf dem Platz - wie etwa den früheren Chelsea-Keepr Petr Cech oder Klaus Gjasula. Der Paderborn-Profi, der seit seinem Jochbogenbruch 2013 nur noch mit Helm spielt, bringt sogar eine generelle Helmpflicht ins Spiel. "Ich fände es sinnvoll, wenn alle Spieler einen Helm tragen würden. Das würde vielleicht auf dem Platz komisch aussehen, aber es wäre definitiv für die Gesundheit aller das Beste."

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"Wenn ich darüber nachdenke, mein Gehirn zu schützen, dann hilft so ein Helm, wie Klaus ihn trägt, überhaupt nicht", entgegnet Claus Reinsberger, Leiter des Sportmedizinischen Instituts der Uni Paderborn. "Da müsste er schon ein Modell wie im American Football tragen, aber ein kompletter Schutz für das Gehirn wäre auch dann nicht gegeben." Ganz im Gegenteil führe ein Kopfschutz psychologisch gesehen zu einem falschen Sicherheitsgefühl – und in Folge zu einem noch riskanteren Einsteigen."

Auch beim Eishockey, Skifahren oder Handball sind Kopfverletzungen eine stete und immer noch unterschätzte Gefahr. Die ehemalige Handball-Torhüterin Pauline Radke etwa leidet am postkommotionellen Syndrom - eine Folge wiederholter Gehirnerschütterungen. Nur langsam kämpft sie sich in den Alltag zurück.

"Als Sportler bist du einfach so unter Adrenalin, dass du den Schmerz zunächst nicht spürst", sagt sie - trotz wiederholten Kopftreffern bei Ballgeschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometer. Statt dem sensiblen Organ die nötige Ruhe zu gewähren, habe sie einfach weitergemacht.

Bei Patrick Day hatte ein Schlag genügt, dass er nicht mehr aus seinem Koma aufwachte. Es ist ein Risiko, das man im Boxsport nie ganz ausschalten kann.

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