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Johannes Vetter bei seinem deutschen Rekord in Chorzow
Johannes Vetter bei seinem deutschen Rekord in Chorzow © Imago
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München - Speerwerfer Johannes Vetter hat zuletzt für einen Paukenschlag gesorgt. Bei SPORT1 spricht er über eine Schallmauer und warum er trotz Olympia-Absage so umtriebig ist.

In einer Saison ohne echte Höhepunkte haben die meisten Leichtathleten einen Gang heruntergeschaltet.

Die Corona-bedingte Verschiebung der Olympischen Spiele auf 2021 hat dazu geführt, dass das laufende Jahr dazu genutzt wird, Verletzungen auszukurieren, Techniken einzuschleifen oder einfach mal die Füße baumeln zu lassen.

Nicht so bei Johannes Vetter. Mit seinem Wurf auf 97,76 Meter im polnischen Chorzow hat der deutsche Speerwerfer vor einer Woche ein echtes Ausrufezeichen gesetzt und dabei sogar am Weltrekord von Jan Zelesny (98,48 Meter) gekratzt.

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Beim ISTAF in Berlin am Sonntag will der 27 Jahre alte Weltmeister von 2017 seine Saison mit einem Sieg abschließen. Bei SPORT1 erklärt Vetter, warum es für ihn nicht in Frage kam, kürzer zu treten, wie sich eine Weite von knapp 98 Metern anfühlt und warum er den Olympiasieg über einen 100-Meter-Wurf stellt.

SPORT1: Herr Vetter, als im März die Olympia-Absage und kurze Zeit später auch die EM-Absage kam, haben Sie da gedacht, dass Sie im Spätsommer so sehr in den Schlagzeilen stehen würden?

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Johannes Vetter: So etwas kann man ja schlecht voraussagen und vorausplanen, weil die Sportart sehr anfällig ist, auch in Bezug auf Verletzungen. Es gibt so viele Faktoren, ob ein Speer weit fliegt oder nicht. Ich bin aber nicht wehmütig, dass Olympia nicht stattfindet und habe die Situation schnell so angenommen. Ich habe mir andere Ziele gesteckt und meinen Blick darauf gerichtet.

SPORT1: Viele Athleten haben ja nach den Olympia- und EM-Absagen angekündigt, in dieser Saison kürzer zu treten. Hatten Sie das zunächst auch vor oder wie sind Sie an die Sache rangegangen?

Vetter: Nein, ganz und gar nicht. Mein Bundes- und Heimtrainer Boris Obergföll hat gesagt, ich könne jetzt erstmal zwei Wochen in den Urlaub gehen. Ich habe gesagt: 'Daraus wird überhaupt nichts. Ich trainiere jetzt weiter und möchte mir ein gutes Fundament erarbeiten.' Was ich heute kann besorgen, das verschiebe ich definitiv nicht auf morgen! Ich hatte die Hoffnung, dass in der Off-Season noch Wettkämpfe stattfinden. Ich hatte vor, mir im Sommer ein Fundament zu erarbeiten, das ich ins nächste Jahr mitnehme. Das war Anreiz genug für mich, weil nächstes Jahr Olympische Spiele vor der Tür stehen. Ich sehe das eher als Chance, dieses Jahr neue Akzente zu setzen und Erfahrungen zu sammeln, vor allem im Wettkampf. Ich möchte vor allem das Mentale stärken und im technischen ein paar Spitzen setzen, um dann mit Rückenwind in die nächste Saison zu starten.

SPORT1: In Chorzow haben Sie in der letzten Woche ein Ausrufezeichen gesetzt, das viele ins Staunen versetzt hat. Wie fühlt sich so ein 97-Meter-Wurf im Körper an?

Vetter: Das ist immer schwer zu sagen, weil einem in dem Moment tausende Sachen durch den Kopf gehen und durch den Körper schießen. Vom Adrenalin mal ganz abgesehen. Deshalb weiß ich dann gar nicht ganz genau, was da überhaupt passiert, weil das einfach so enorm war. Man merkt das schon im ganzen Körper, dass sich eine andere Spannung aufbaut als bei einem 80-Meter-Wurf. Den Unterschied merkt man - aber dass es dann sogar auf 97 Meter geht, habe ich nicht gefühlt. Ich wusste, dass er über 90 geht, aber wie weit genau wusste ich nicht. Das habe ich erst realisiert, als ich auf die Anzeigetafel geschaut habe.

Johannes Vetter: "Krass, 97 Meter, das ist schon ziemlich heftig"

SPORT1: Haben Sie sich da ein bisschen erschrocken?

Vetter: Nein, erschrocken nicht. Das erste Gefühl war: 'Krass, 97 Meter, das ist schon ziemlich heftig und weit.' Im zweiten Moment dachte ich: 'Mist, echt knapp am Weltrekord vorbei.' Dann dachte ich mir aber: 'Du hast gerade fast Weltrekord in einem geschlossenen Stadion geworfen. So weit hat in einem geschlossenen Stadion noch kein Mensch geworfen. Da hast du ein ganz schönes Ausrufezeichen gesetzt.'

SPORT1: Muss man das auch erstmal im Kopf verarbeiten, dass man gerade tatsächlich fast 98 Meter geworfen hat? Dauert das vielleicht sogar mehrere Tage?

Vetter: Ja, klar. Das merkt man an den Reaktionen. Sei es jetzt medial oder von den Menschen vor Ort oder daheim. Das hat weltweit für Schlagzeilen und eine große Resonanz gesorgt. Ich bin dann aber eher der Typ, der sagt: 'Jojo, du hast jetzt am Dienstag und am Sonntag noch zwei Wettkämpfe. Da ist keine Zeit zum Genießen.' Genau wie mit der Olympia-Verschiebung. Ich habe mir gesagt: 'Reiß dich jetzt zusammen und zieh das nochmal durch!' Ab dem kommenden Montag kann ich mir dann die Zeit nehmen, das ganze Stück für Stück zu verarbeiten und auch zu genießen. So bin ich einfach vom Typ. Also ich habe da schon Freude und Spaß dran, aber ich bin eigentlich jemand, der die Sache relativ schnell wieder abhakt und sich neue Ziele setzt. Ich brauche immer Input, ich möchte immer mehr und weiter akribisch arbeiten. Wenn ab Oktober, November das Training dann wieder losgeht, brauche ich wieder neue Anreize und neue Ziele, auf die ich mich fokussiere. Ich will mich nicht zu lange damit aufhalten, das zu genießen und das zu realisieren. Es ist wichtig, da eine gewisse Balance zu finden.

SPORT1: Am Sonntag steht mit dem ISTAF der vermeintliche Saisonhöhepunkt an. Haben Sie nach dem Trubel zuletzt wieder ein bisschen Energie getankt?

Vetter: Es war die letzten Tage recht stressig, aber jetzt legt es sich so langsam. Ich war am Donnerstag auch nochmal bei der Physiotherapie und am Freitag beim Osteopathen. Ich glaube, ich bin in der Lage, am Sonntag auf einem adäquaten Niveau zu performen. Egal, ob das jetzt über 85 oder über 90 Meter geht am Sonntag. Ich möchte vor allem meinen vierten Sieg feiern. Das ist mein Ziel. Ich war bis jetzt dreimal am Start und habe dreimal gewonnen. Die Serie würde ich gerne fortführen.

Vetter über Weltrekord und Olympia 2021

SPORT1: Sie wurden schon häufiger auf die berühmte Schallmauer angesprochen. Können Sie abschätzen, ob ihr Wurf mit noch besseren Bedingungen über 100 Meter hätte gehen können?

Vetter: Ja, da bin ich mir ziemlich sicher, dass mit einer adäquaten Windunterstützung noch mehr möglich gewesen wäre. Wenn ich das vergleiche mit dem Weltrekordwurf von Jan Zelezny damals 1996 in Jena auf die 98,48 Meter, da hatte der ziemlich gute Bedingungen. Gerade, was Rückenwind angeht. Ich glaube, dass mein Wurf mit diesen Bedingungen nochmal zwei, drei, vier Meter weitergeflogen wäre. Aber das ist so eine Sache. Da müssen ein paar Faktoren zusammenspielen: die Technik, der Anlauf, der Belag, der Wind. Da muss schon einiges zusammenspielen. Es ist nicht alltäglich, dass man 97 oder 98 Meter wirft. Da gehört auch ein bisschen Glück dazu. Man muss in den 300 bis 400 Millisekunden, in denen der Wurf passiert, alles richtig machen. Deshalb ist Speerwurf so fehlerbehaftet. Es kann relativ schnell auch in die andere Richtung ausschlagen.

SPORT1: Wenn Ihnen eine Fee einen Wunsch erfüllen würde, wäre das eher der 100-Meter-Wurf oder der Olympiasieg im nächsten Jahr?

Vetter: Da würde ich den Olympiasieg nehmen.

SPORT1: Das ist schon noch wichtiger?

Vetter: Das ist eine ganz schwierige Frage. Jetzt werde ich gerade an der Weite gemessen, weil dieses Jahr kein Olympia war. Wenn nächstes Jahr Olympia stattfindet, wonach es aussieht, dann werde ich natürlich an einer Olympischen Medaille gemessen und nicht an der Weite. Wenn ich mit 86 Metern Olympiasieger werde, dann fragt keiner nach der Weite.

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SPORT1: Wenn Sie als erster über 100 Meter werfen, dann stehen Sie natürlich in den Geschichtsbüchern.

Vetter: Das stimmt natürlich, aber ich würde jetzt erstmal den Olympiasieg nehmen, und wenn ich dann in dem Jahr über 100 werfe, dann bin ich ganz besonders glücklich. Ich habe hohe Ziele und große Wünsche und Träume und es ist auch wichtig, solche Träume zu haben. Wie würden wir denn sonst arbeiten, wenn wir uns keine Ziele mehr setzen würden? Das wäre doch langweilig.

"Es ist nicht so, dass du dreimal die Woche das Ding dahin ballerst"

SPORT1: Der Schwerpunkt des Speers wurde ja nach Uwe Hohns 104-Meter-Wurf verändert. Denken Sie, dass das irgendwann wieder nötig sein könnte?

Vetter: Man hat am Sonntag gesehen, dass der Platz in einem normalen Stadion ausreichen würde. Da sind noch zehn bis 15 Meter Platz. Wenn da Kugelstoßen zum selben Zeitpunkt dran gewesen wäre, hätte man vielleicht mal eine Kugel treffen können, aber das war ja nicht der Fall. Mit dem neuen Speer über 110 Meter zu werfen, halte ich wirklich für unmöglich. Und die Würfe, die über 95 Meter gehen, kann man an einer Hand abzählen. Über 97 Meter haben wirklich nur Zelezny und ich geworfen und über 95 Meter kam Zelezny noch ein, zweimal. Von daher geht da keine Gefahr aus. Diese Weiten sind ja nicht alltäglich. Es ist nicht so, dass du dreimal die Woche das Ding dahin ballerst. Ich wäre schon froh, wenn mir das noch ein, zweimal im Leben gelingt. Dann wäre ich mehr als zufrieden.

SPORT1: Ihr Berater ist der frühere Weltklasse-Diskuswerfer Robert Harting. Kann man sagen, dass er mit seinen Olympiasiegen ein Vorbild für Sie ist?

Vetter: Natürlich. Nicht nur aus sportlicher Sicht, sondern auch aus menschlicher Sicht. Er ist nicht nur ein Vorbild, er ist auch ein guter Freund. Ich verstehe mich mit Robert privat auch sehr gut. Wir stehen in einem engen Austausch. Sowohl über sportliche Themen als auch abseits des Sports. Er hat eine tolle Persönlichkeit und hat in den letzten Jahren super die Fahne für die Leichtathletik hochgehalten, mit viel Erfolg. Und auch die Art und Weise wie er mit den Medien und allen Menschen spricht, finde ich sehr beeindruckend.

SPORT1: Haben sie es eigentlich auch mal mit dem Diskus versucht?

Vetter: Ich müsste jetzt ein Video rauskramen, wo ich im Urlaub 2016 in der Türkei das mal mit einem flachen Stein ins Meer versucht habe.

SPORT1: Aber sonst gar nicht?

Vetter: Nein. Da fehlen mir auch die Armspannweite und die Körpergröße und das Körpergewicht. Ich bin froh, dass ich beim Speerwerfen geblieben bin und nichts anderes gemacht habe.

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