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Doha - Bei der Leichtathletik-WM in Doha gab es Licht und Schatten für den DLV. SPORT1 analysiert, was die WM-Bilanz für Olympia in Tokio bedeuten könnte.

Mit insgesamt sechs Medaillen - zwei aus Gold und vier aus Bronze - schloss der Deutsche Leichtathletik-Verband  (DLV) die Weltmeisterschaften von Doha ab. Damit standen die DLV-Athleten ein Mal öfter auf dem Treppchen als bei den Titelkämpfen vor zwei Jahren in London. 

"Wenn man bedenkt, dass das Team nicht komplett war, was die Leistungsträger angeht, haben sich unsere Athleten bei der WM hervorragend geschlagen und mehr gebracht, als wir vorher erwartet haben", zog DLV-Präsident Jürgen Kessing eine zufriedene WM-Bilanz.

Vor allem die kurzfristigen Absagen, wie von Dreispringerin Kristin Gierisch und Siebenkämferin Carolin Schäfer, die ebenfalls zu den Medaillenkandidatinnen gehört hätten, verhinderten eine noch bessere Bilanz.

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Doch wo steht die deutsche Leichtathletik vor den Olympischen Spielen 2020 in Tokio? Sind einige DLV-Athleten in die Weltspitze vorgestoßen, hinkt man in vielen anderen Disziplinen der Konkurrenz hoffnungslos hinterher. SPORT1 macht neun Monate vor Beginn der Tokio-Spiele den Olympia-Check. 

Sicheres Fiasko

Man muss es so deutlich formulieren: Bei den meisten Disziplinen werden die deutsche Athleten auch in Tokio keine Chancen auf Edelmetall haben - oft genug nicht einmal Final-Chancen. Das betrifft den Männerbereich über die gesamten Laufstrecken - von 100 Meter bis Marathon. 

In Doha schaffte es kein einziger DLV-Athlet in ein Lauf-Finale, über 100 Meter und 400 Meter suchte man einen deutschen Starter vergeblich. Vom Gold-Coup eines Dieter Baumanns (Olympiasieger 1992 in Barcelona über 5000 Meter) oder eines Ralf Schumanns (Olympiasieger 2000 in Sydney über 800 Meter) kann der DLV nur noch träumen. 

SPORT1-Redakteur Johannes Fischer ist bei der Leichtathletik-WM in Doha vor Ort
SPORT1-Redakteur Johannes Fischer ist bei der Leichtathletik-WM in Doha vor Ort © SPORT1-Montage: Marc Tirl/Getty Images/SPORT1

In der früheren deutschen Paradedisziplin, den 400 Metern, ist der Absturz besonders deutlich. Hier hat man auch im europäischen Vergleich den Anschluss komplett verpasst. Bezeichnend, dass es der DLV nicht einmal mehr schafft, eine 4x400-Meter-Staffel zu stellen. 

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Bei den Frauen sieht es längst nicht so düster aus, allerdings sind auch hier die 400 Meter das große Sorgenkind. Erschreckend: Delilah Muhammads Siegerzeit in Doha von 52,16 Sekunden wurde in diesem Jahr von keiner deutschen 400-Meter-Läuferin unterboten - und das, obwohl bei der US-Amerikanerin zehn Hürden im Weg standen.

Auch bei der Hammerwurf-Konkurrenz haben sowohl deutsche Frauen als auch Männer nicht (mehr) den Hauch einer Chance. Vorbei die Zeiten, als Betty Heidler noch eine sichere Medaillen-Garantin bei internationalen Titelkämpfen war.

Flop-Risiko

In anderen Bereichen ist der DLV zwar ebenfalls nicht mit der Weltspitze konkurrenzfähig, doch hat man dort den Anschluss nicht komplett verloren. Sowohl im Weit- als auch im Dreisprung der Männer werden auch in Tokio keine deutschen Athleten auf dem Treppchen stehen, wenn nicht noch etwas Außergewöhnliches passiert. Hier ist aber zumindest im europäischen Vergleich nicht Hopfen und Malz verloren. Fabian Heinle sprang 2018 in Berlin zu EM-Silber, hatte in Doha aber keine Chance aufs Finale. Dreispringer Max Heß holte 2016 im Alter von 20 Jahren den EM-Titel - seitdem warfen ihn aber Verletzungen aus der Bahn.

Dass man mit einem EM-Titel nicht automatisch zu den Favoriten bei Weltmeisterschaften gehört, musste Mateusz Przybylko in Doha am eigenen Leib erfahren. Gut ein Jahr nach seinem Triumph von Berlin scheiterte der deutsche Hochspringen sang- und klanglos in der Qualifikation. Bei den Frauen hat Marie-Laurence Jungfleisch, die in Doha verletzt passen musste, zwar gute Final-Chancen, doch eine Medaille dürfte außer Reichweite sein. Gleiches gilt für den Stabhochsprung der Frauen, wo für Lisa Ryzih die (Medaillen-)Luft zu dünn erscheint.

Außenseiterchancen

Der Sprint-Bereich der Frauen hat in den letzten Jahren so etwas wie eine Renaissance erlebt, doch leider konnte man in Doha nicht viel davon sehen. Vor allem Gina Lückenkemper, in Berlin noch gefeierter DLV-Star, kam zum Saison-Höhepunkt nicht mehr ins Rollen.

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Dennoch ist ihr und Tatjana Pinto das 100-Meter-Finale in Tokio zuzutrauen. Und falls die von Verletzungen geplagte Sprint-Staffel dort in Bestbesetzung antreten kann, ist sogar eine Medaille nicht unrealistisch. Mitmischen könnte dann auch Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo, die bei SPORT1 ankündigte, in Tokio auch auf einen Staffel-Einsatz zu schielen. 

Im Stabhochsprung der Männer darf man auf die weitere Entwicklung von Youngster Bo Kanda Lita Baehre gespannt sein, der in Doha völlig überraschend Platz 4 belegte. Zu behaupten, der 20-Jährige könnte, gemeinsam mit Raphael Holzdeppe, in Tokio um die Medaillen mitspringen, ist jedoch verwegen - zu weit entfernt erscheint die Elite um Weltmeister Sam Kendricks und Europameister Armand Duplantis.

Die Diskuswerfer, einst eines der Flaggschiffe des DLV, sind ebenfalls keine Medaillenhamster mehr. Gespannt darf man allerdings auf Christoph Harting sein, der den Olympia-Sieg von Rio vier Jahre später wiederholen will und diesem Projekt alles andere unterordnet.   

Zum erweiterten Kreis der Medaillenkandidaten zählen auch drei DLV-Athleten, die in Doha verletzt passen mussten. Dreispringerin Kristin Gierisch, Kugelstoßer David Storl und Siebenkämpferin Carolin Schäfer sollten zumindest ein kleines Wörtchen mitreden können, sofern sie in Tokio fit an den Start gehen werden. 

Medaillenkandidaten

Der Speerwurf ist noch immer die derzeit sicherste Medaillenbank für den DLV - auch wenn in Doha die Bilanz von einer Bronzemedaille (Johannes Vetter) nicht gerade für Jubelsprünge sorgte. Einerseits hatte Christin Hussong Pech, dass ihr die Bronzemedaille vor der Nase weg geschnappt wurde - andererseits richtete Olympiasieger Thomas Röhler bereits seinen Fokus auf Tokio. "Auf die Karriere gesehen ist die WM-Medaille sicherlich noch ein großes Ziel, aber nicht mit jedem Risiko, dass es dieses Jahr sein muss", sagte er bei SPORT1. "Vor allem mit Blick darauf, dass die Olympischen Spiele im nächsten Jahr stattfinden."

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Auch die anderen Medaillengewinner von Doha haben sich für Tokio in Stellung gebracht. Kugelstoßerin Christina Schwanitz ist ebenso das Treppchen zuzutrauen, wie Gesa Krause über die 3000 Meter Hindernis. Besonders gespannt darf man auf die weitere Entwicklung von Konstanze Klosterhalfen sein, die mittlerweile über die 5000 Meter ebenso zur absoluten Weltspitze gehört wie über 1500 Meter. Sollte die Leistungskurve bei der 22-Jährigen, die auch weiterhin im umstrittenen Nike Oregon Project bleiben will, weiter nach oben gehen, dann könnte sogar der ganz große Wurf drin sein.

Weltmeister Niklas Kaul ist nach seinem Sensations-Titel von Doha selbstredend auch zu den Medaillenkandidaten für Tokio zu zählen. Dass er nun auch in der japanischen Hauptstadt automatisch der Gold-Kandidat ist, lässt sich indes nicht behaupten. Der 21-Jährige profitierte bei seinem Gold-Coup auch davon, dass der haushohe Favorit Kevin Meyer verletzt aufgeben musste.

Goldfavoriten

Zum jetzigen Zeitpunkt hat der DLV nur eine - dafür aber riesengroße Goldfavoritin in seinen Reihen: Malaika Mihambo. Wie die 25-Jährige in Doha trotz zweier missglückter Versuche die Konkurrenz in Grund und Boden sprang, war beeindruckend und verheißungsvoll zugleich. Weil aber in neun Monaten viel passieren kann, sollten die deutschen Leichtathletik-Fans die Daumen drücken, dass Mihambo sich nicht verletzt. Dann würde im Olympiastadion von Tokio zumindest ein Mal auch die deutsche Hymne ertönen. 

Eine Überraschung wäre es auch nicht, würde einer aus dem Speer-Trio Johannes Vetter, Thomas Röhler und Andreas Hofmann auf dem obersten Treppchen stehen. 

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