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München - Sebastian Vettel erlebt in Monza ein Debakel. Offiziell will Ferrari Leclerc nicht zur Nummer 1 machen - doch Vettels Krise kann seine WM-Chancen 2020 gefährden.

Eigentlich hätte sich Sebastian Vettel nach dem Ferrari-Heimrennen in Monza noch bei Charles Leclerc bedanken müssen.

Einzig dem Triumph des 21-jährigen Monegassen ist es schließlich zu verdanken, dass Vettel nach seinem erneuten Fahrfehler nicht von den Tifosi und Italiens Gazetten zerrissen wird.

Den viermaligen Formel-1-Weltmeister interessierte das aber erst einmal wenig - genauso wenig wie eine mögliche Wachablösung bei Ferrari: "Ich bin nicht zufrieden mit meiner Leistung. Was das für die Situation im Team bedeutet, ist mir eigentlich erst mal egal."

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Vettel im WM-Stand hinter Leclerc

Die möglichen Konsequenzen für Vettel nach dem selbst verschuldeten Platz 13 in Monza dürften ihm jedoch nicht egal sein.

Bisher hatte Vettel in der Diskussion um die Nummer 1 bei Ferrari entspannt auf den WM-Stand hinweisen können - das ist nun vorbei. Während Leclerc nur noch drei Punkte hinter Max Verstappen auf Rang vier liegt, ist Vettel auf Platz fünf zurückgefallen. (Fahrerwertung der Formel 1)

"Dieser Moment muss so dunkel für ihn sein. Sein Teamkollege wurde soeben eine Ferrari-Legende und hat den Nummer-1-Status von ihm im Team übernommen. Und er ist am Boden", sagte Ex-Weltmeister Nico Rosberg bei RTL.

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Zuvor hatte sich Vettel auf Rang vier liegend nach einem Fahrfehler gedreht und bei der Rückkehr auf die Strecke das Auto von Racing-Point-Pilot Lance Stroll berührt, wofür er eine Strafe bekam. Als Leclerc ihn dann auch noch überrundete, war die Demütigung perfekt.

Ferrari-Boss: Beide Fahrer gleichgestellt

Der Behauptung, dass Leclerc nun die Nummer 1 im Team sei, widersprach Ferrari-CEO Louis Camilleri bei Sky aber entschieden: "Sie sind gleichgestellt. So haben wir die Saison begonnen." Auch Teamchef Mattia Binotto betonte: "Das ändert nichts an der Ausrichtung im Team. Wer gewinnen kann, soll gewinnen."

Vettel könnte dabei der Umstand helfen, dass der Rückstand von Leclerc auf Spitzenreiter Lewis Hamilton bereits über 100 Punkte beträgt. So wird es Ferrari kaum riskieren, den in der Szene immer noch hochgeschätzten Vettel zu vergraulen, indem man ihn zu Helfer-Arbeiten verdonnert. 

Doch auch wenn Camilleri es anders darstellt - Vettel war zu Saisonbeginn sehr wohl die Nummer 1 bei Ferrari, was die eine oder andere Bevorzugung des Deutschen im Rennen zeigte und worüber sich Leclerc sogar beschwert hatte. Diesen Bonus kann sich Vettel nun abschminken. (Teamwertung der Formel 1)

Vettel verliert Gunst der Tifosi

Ein weiteres Problem für den Deutschen ist, dass er zumindest aktuell die Rückendeckung der Tifosi verloren hat. Schließlich war es ausgerechnet Leclerc, der diese mit dem ersten Ferrari-Heimsieg in Monza seit Fernando Alonso 2010 erlöste. Keine Frage: Der Youngster hat Vettel als Liebling der Scuderia-Fans abgelöst.

Noch schlimmer: Die neue Rollenverteilung könnte auch für 2020 zum Problem werden. Denn es ist ein offenes Geheimnis, dass Vettel mit dem aktuellen Ferrari nicht gut zurechtkommt. Ferrari wird aber kaum ein Auto bauen, welches ihm besser passt, wenn dies zu Lasten des hochtalentierten Leclerc geschieht.

"Er (Leclerc, Anm. d. Red.) hat längst gezeigt, wie viel er für Ferrari wert ist. Wir haben in seine Karriere investiert, und er vertraut uns. In Zukunft wollen wir zusammen Großes erreichen", sagte Binotto und deutete an, dass Leclerc die Zukunft von Ferrari ist.

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Scuderia-Boss Binotto verzeiht Leclerc 

Durch den Sieg verzieh Binotto seinem jungen Fahrer sogar, dass er sich im Qualifying nicht an Absprachen bezüglich des Windschattens gehalten hatte: "Es gab ein paar Diskussionen mit Charles. Aber jetzt haben wir ihm schon wieder alles vergeben, was er getan hat."

Vettel dürfte dies nicht so schnell vergessen. Zumal er in den nächsten Rennen unbedingt zeigen wollen wird, dass er immer noch die Nummer 1 im Team ist. Für die Harmonie könnte dies langfristig zum Problem werden - Leclerc wird nicht wie Ex-Kollege Kimi Räikkönen zurückstecken.

Immer öfter kursieren Spekulationen, Vettel könnte plötzlich zurücktreten, seine Liebe zur Formel 1 sei erloschen. Vettel will davon nichts wissen: "Ich liebe noch immer, was ich tue. Aber wenn man das, was man eigentlich gut kann, nicht gut macht, kann man natürlich nicht glücklich sein."

Als inoffizielle Nummer 2 in die neue Saison zu gehen, dürfte sein Glücksgefühl kaum steigern. Sieben Rennen bleiben Vettel in dieser Saison noch, um das zu verhindern.

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