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Berlin-Sportdirektor Ojeda im Interview: "Es war für uns unmöglich, so weiterzumachen"

Bayern? „Konnten sie schon schocken“

ALBA Berlin visiert trotz der Favoritenrolle des FC Bayerns den Triumph im Pokal an. Vor dem Top-Four spricht Sportdirektor Himar Ojeda im exklusiven Interview bei SPORT1.
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ALBA Berlin visiert trotz der Favoritenrolle des FC Bayerns den Triumph im Pokal an. Vor dem Top-Four spricht Sportdirektor Himar Ojeda im exklusiven Interview bei SPORT1.

Deutsche Basketball-Fans blicken mit Hochspannung nach München. Im SAP Garden steht mit dem Top Four im BBL-Pokal am Samstag (Halbfinals) und Sonntag (Finale) das bis dato größte Basketball-Highlight der Saison an. Gastgeber Bayern München geht als haushoher Favorit in das Pokalwochenende. Doch auch Rekordpokalsieger ALBA Berlin will nach dem letzten Triumph vor vier Jahren wieder feiern und den insgesamt 12. Pokalsieg einfahren.

Diesen Anspruch untermauert Berlins Sportdirektor Himar Ojeda im exklusiven SPORT1-Interview. Der Spanier macht die Ambitionen seiner Mannschaft deutlich, erklärt den umstrittenen Wechsel von ALBA in die Basketball Champions League und spricht über die zukünftigen Ziele des Vereins.

Zudem erläutert der 53-Jährige, inwiefern die neuen NIL-Deals an US-Colleges die ausgeprägte Jugendförderung seines Klubs erschweren und welche Lösungen er sich für die Zukunft wünscht. Besonderes Lob hat er für seinen Point Guard und DBB-Juwel Jack Kayil.

Bayern? „Wir konnten sie schon schocken“

SPORT1: Herr Ojeda, am Wochenende steht das BBL-Top-Four an. Was sind Ihre Erwartungen?

Himar Ojeda: Wir haben bisher die ganze Saison, natürlich speziell im Pokal, dafür gearbeitet, die Möglichkeit zu haben, einen Titel zu gewinnen. Bisher hatten wir im Pokal einen sehr guten Lauf und sind jetzt im Top Four. Wir freuen uns sehr, dass wir die Chance haben, um einen Pokal zu kämpfen. Und wenn man jetzt schon so weit gekommen ist und im Final-Turnier ist, fahren wir natürlich nach München, um den Pokal zu gewinnen. Ich denke, dass alle vier Teams mit dieser Einstellung in das Wochenende gehen.

SPORT1: Als großer Favorit gehen natürlich die Bayern ins Turnier. ALBA hat in der Vergangenheit aber oft gezeigt, dass sie speziell an Top-Four-Wochenenden über sich hinauswachsen können. Können Sie die Bayern ärgern?

Ojeda: Bayern ist natürlich ganz klar der Favorit auf den Titel. Wenn man nur logisch oder mathematisch auf das Wochenende blickt, wirkt es quasi unmöglich, sie zu schlagen. Zum Glück zählen im Sport aber auch andere Faktoren: Es gewinnt nicht immer der Favorit den Titel. So war es auch schon oft in der Vergangenheit, speziell im Pokal. Wir haben in der Vergangenheit einige Titel einfahren können, die man wohl auch als Überraschungssiege bezeichnen kann. Da waren auch oft die Bayern der Favorit und wir konnten sie schocken. Ich glaube auch, dass wir es am Wochenende wieder schaffen können, aber dafür müssen wir erst die sehr starken Oldenburger im Halbfinale schlagen. Das wird eine schwere Aufgabe, genau wie für Bayern gegen Bamberg.

ALBA-Boss erklärt Wechsel in die Champions League

SPORT1: Insgesamt läuft es für ALBA Berlin in dieser Saison nach einem schweren Start sehr gut. Platz zwei in der BBL, Top-Four im Pokal und Viertelfinale in der Champions League. Wie bewerten Sie die bisherige Saison?

Ojeda: Wir überperformen eindeutig. Die Mannschaft verdient eindeutig große Anerkennung, weil unser Team in einigen Bereichen auf jeden Fall eingeschränkt ist. Wir haben einen deutlich kleineren Kader als in den vorherigen Jahren, wo wir ja auch noch in der EuroLeague gespielt haben. Auch durch die begrenzten Möglichkeiten sind wir aber noch stärker zu unserer eigenen Philosophie zurückgekehrt und haben wieder einen extrem starken Kern von deutschen Spielern, die unser Team anführen. Das ist sehr speziell und zudem auch ein Merkmal, was uns von vielen anderen BBL-Teams unterscheidet.

SPORT1: Vor der Saison wechselte ALBA von der EuroLeague in die Basketball Champions League. Diesen bewusst gewählten Schritt konnten nicht alle verstehen. Was hat den Klub zu diesem Schritt bewegt?

Ojeda: Zuerst muss ich klar sagen, dass der Wechsel definitiv der richtige Schritt für uns war, und zwar aus ganz verschiedenen Gründen. Wir wollen uns immer mit den besten Teams messen und deshalb haben wir auch versucht, Teil der EuroLeague zu sein. Aber die Bedingungen, die die EuroLeague in den vergangenen Jahren von einigen Vereinen forderte, waren ganz klar gegen die Mentalität unseres Programms. In den vergangenen Jahren war es für uns verpflichtend, einen hohen Betrag an die Liga zu bezahlen, um mitspielen zu können. Wir versuchen natürlich Gewinne zu generieren, um unseren gesamten Verein finanzieren zu können und dieses Geld ging uns eben komplett verloren, ohne, dass wir von der EuroLeague Gelder zurückbekommen konnten. Sie haben von ihrem generierten Geld einfach gar nichts mit den Vereinen geteilt, die für die Teilnahme am Wettbewerb jährlich gezahlt haben. So haben wir mit der Teilnahme einfach nur große finanzielle Verluste gemacht. Deshalb war es für uns unmöglich, so weiterzumachen, auch weil es komplett gegen die Logik einer normalen Business-Situation ging. Ein weiterer Grund war, dass der Weg, den die EuroLeague eingeschlagen hat, nicht mit unseren Vorstellungen übereinstimmte. Im Moment können wir uns einfach mehr mit den Ideen und Visionen der FIBA identifizieren. Der Wechsel war ganz klar die richtige Entscheidung für ALBA.

„Am Ende müssen wir uns der Realität stellen“

SPORT1: Sie sind der Klub, der mit Abstand am meisten in den Breitensport und auch die Jugendarbeit investiert. Kann auch die Profimannschaft von ALBA davon langfristig profitieren?

Ojeda: Auf jeden Fall! Das ist auch ganz klar unsere Philosophie. Wir investieren mit voller Überzeugung einen Teil unseres Geldes in unser Jugendsystem und können dafür vielleicht auch mal einem Profispieler weniger Gehalt bezahlen. Bei uns ist das nicht nur eine Vision, sondern einfach unser fester Glaube, dass es richtig ist, so zu arbeiten. Eine der Hauptaufgaben dieses Vereins ist, junge Spieler zu entwickeln. Dabei geht es nicht nur darum, in Jugendteams zu investieren, sondern auch auf unsere Talente zu wetten und diesen dann auch Spielzeit bei den Profis zu bieten. Es hat sich in der Vergangenheit schon oft gezeigt, dass das der richtige Weg ist. Nicht nur unsere Talente haben davon profitiert, sondern oft auch wir als Verein. Aktuell gibt es sehr viele Spieler in der BBL, aber auch in Europa und sogar in der NBA, denen wir eine Chance gegeben haben. Zudem gibt es aber auch einige Spieler, die eben bei uns im Kader stehen, so wie Malte, Jonas oder Bennet Hundt. Sie alle wurden in unserem Programm ausgebildet, geben jetzt aber auch viel an ALBA Berlin zurück, indem sie Teil unseres Profiteams sind, sehr gut spielen und dabei helfen, erfolgreich zu sein. Die Ausbildung kostet natürlich viel Zeit und Geld, aber das ist es auf jeden Fall zu 100 Prozent wert.

SPORT1: Viele Ihrer langfristig ausgebildeten Talente werden Ihnen dann aber wohl leider durch die Lappen gehen. Viele Talente entscheiden sich auch wegen der lukrativen NIL-Deals für den Weg ans College.

Ojeda: Das macht es für uns wirklich sehr schwer. Die Situation ist insgesamt sehr kompliziert. Wir können uns nicht beschweren oder versuchen, den Spielern Steine in den Weg zu legen. Am Ende müssen wir uns der Realität stellen. Ich verstehe die Spieler voll und ganz. Wenn du als junger Spieler die Chance hast, in die USA zu gehen, spannende Erfahrungen zu sammeln, studieren kannst, Basketball spielen kannst und dabei noch viel Geld verdienen kannst, ist es klar, dass das sehr attraktiv ist. Da ist es für uns wirklich sehr schwer gegen anzukommen und Argumente dagegen zu haben. Deshalb wäre eine faire Lösung, dass der ausbildende Verein eine Ausbildungsentschädigung oder eine Ablöse bekommt. Das sollte ganz klar mit einer Regel festgelegt werden. Denn wir Vereine investieren sehr viel Zeit und Geld in die Ausbildung der Kinder. Das sollte auch belohnt werden. Im Fußball gibt es zum Beispiel so eine Regelung, im Basketball leider noch nicht, zumindest nicht, wenn es um einen Wechsel ans College geht. Die NCAA hat da eigene Richtlinien, weil sie eben nicht zur FIBA gehört. Das ist ganz klar das erste Problem, das gelöst werden muss.

Basketball-Juwel Kayil auf dem Sprung in die NBA?

SPORT1: Ist es durch die NIL-Deals überhaupt noch sinnvoll, in die Nachwuchsarbeit zu investieren?

Ojeda: Es ist natürlich ein Thema, das uns extrem beschäftigt und auch sehr beeinflusst. Wir hatten in der vergangenen Saison mit Elias Rapieque zum Beispiel ein Talent, welches 15 Minuten im Schnitt in der EuroLeague gespielt hat und jetzt ist er weg ans College. Das sind alles Dinge, die unseren Weg, junge Talente zu entwickeln, verändern und beeinflussen. Eins ist aber klar: Es wird unsere Mentalität nicht verändern. Wir versuchen aktuell, den Weg etwas anzupassen und neue Möglichkeiten zu finden. Wir sprechen viel mit den Eltern und auch unseren talentierten Spielern. Manchmal wollen wir den jungen Talenten auch dabei helfen, den Schritt ans College zu gehen, wenn es denn der richtige ist. Dann sollen sie ruhig rübergehen und es versuchen und im optimalen Fall irgendwann zurück zu ALBA kommen. So versuchen wir, die Dinge etwas anzupassen und dann trotzdem von unserer Jugendarbeit zu profitieren.

SPORT1: Auch Ihr aktuelles Top-Talent Jack Kayil wird nächstes Jahr am College spielen. Er hat sich in dieser Saison fantastisch entwickelt und überzeugte in der Vergangenheit bereits für die deutsche Nationalmannschaft. Wie sehen Sie seine Entwicklung und wo kann es für ihn noch hingehen?

Ojeda: Jack spielt unglaublich. Er profitiert sehr von dem Vertrauen, das wir ihm geschenkt haben. Aktuell spielt er wieder zu Hause. Das ist seine Stadt, sein Verein und wir geben ihm wirklich eine sehr gute Rolle im Team, obwohl er noch sehr jung ist. Es liegt aber auch an ihm selbst. Sein Einsatz und sein Wille, sich täglich zu verbessern, sind fantastisch. Er arbeitet wirklich sehr hart. Seine Verbesserung ist herausragend. Meiner Meinung nach wird er ein sehr, sehr guter Spieler werden. Er hat sich ja schon zu einem College bekannt, aber die Art und Weise war sehr clever. Er hat sich dazu entschieden, das früh zu klären, damit er sich um den gesamten Prozess während der Saison nicht kümmern muss und sich voll auf die Saison bei ALBA fokussieren kann. Aktuell wissen wir aber nicht, wie es weitergeht, weil sein Potenzial so unglaublich groß ist. Wenn ich es entscheiden könnte, könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass er noch hierbleibt, um sich Stück für Stück noch weiterzuentwickeln. Es könnte aber auch sein, dass die Situation am College gut für ihn ist. Vielleicht ist sein Platz auch schon direkt in der NBA. Warum eigentlich nicht?

„Sind optimistisch, dass es keine Bayern-Dominanz gibt“

SPORT1: In einem Spiel haben Sie die Bayern dieses Jahr schon schlagen können. Kann ALBA in dieser Saison, aber auch in Zukunft, wieder die Meisterschaft angreifen?

Ojeda: Aktuell sind wir im ersten Jahr unseres Rebuilds. Wir hoffen, dass wir uns immer weiterentwickeln können und die Lücke zu den Bayern Stück für Stück verkleinern können. Wir sind optimistisch, dass das in der Zukunft klappt und wir dann auch wieder angreifen können und es keine komplette Bayern-Dominanz gibt und sie jedes Jahr die Meisterschaft gewinnen. Natürlich haben sie aktuell größere Chancen als die anderen Teams, weil sie größere finanzielle Mittel haben und daraus ein sehr gutes Team gebaut haben. Aber ich glaube, das sollte für alle anderen Vereine eine Motivation sein, hart zu arbeiten und sich weiterzuentwickeln. Und ich bin sehr optimistisch, dass wir mit dem Wachstum in den kommenden Jahren, mithalten können und sie immer mal wieder überraschen können.

SPORT1: Es werden sicher viele ALBA-Fans nach München kommen, um das Team zu unterstützen. Was können sie vom Team erwarten? Ist erneut ein Pokal-Wunder möglich?

Ojeda: Wir werden es auf jeden Fall versuchen - erst recht mit den knapp 800 ALBA-Fans im Rücken, die uns nach München begleiten. Wir wollen natürlich ein Pokal-Wunder schaffen und werden uns optimal vorbereiten. Leider haben wir aktuell das Pech, dass wir viele Verletzungsprobleme haben. Es fallen gleich drei Spieler auf derselben Position aus. Das ist sehr bitter. Aber die Fans wissen, dass sie sich darauf verlassen können, dass diese Mannschaft immer alles reinwerfen wird und versuchen wird das Spiel zu gewinnen. Egal, was passiert, sie kämpfen immer bis zur letzten Sekunde. Wir haben in dieser Saison schon oft bewiesen, dass wir mit dieser Einstellung Spiele drehen können und viele Spiele gewinnen können. Auf diese Einstellung können sich die Fans verlassen. Das Team wird immer mehr als 100 Prozent geben, um unsere Fans stolz zu machen und dafür zu sorgen, dass es für sie ein toller Trip nach München wird.