2. Bundesliga>

Gerhard Poschner spricht erstmals nach seinem Aus bei 1860 München

"Ich wurde öffentlich beschädigt"

Erstmals nach seinem Aus bei 1860 München spricht Gerhard Poschner über seine Zeit als Sportdirektor bei den "Löwen" und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen.
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© dpa Picture-Alliance
Erstmals nach seinem Aus bei 1860 München spricht Gerhard Poschner über seine Zeit als Sportdirektor bei den "Löwen" und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen.

Gerhard Poschner macht gerade Urlaub mit seiner Familie. Ein Erholungsurlaub nach 15 Monaten als Sportdirektor beim TSV 1860 München.

Es war eine Zeit voller Machtkämpfe, Streit, Misserfolg - und vieles davon wurde an Poschner festgemacht. Nach der vergangenen Saison wurde er als Geschäftsführer entmachtet, sollte nur noch Sportdirektor sein. Stattdessen warf er schließlich selbst hin, kündigte fristlos.

Seit seinem Aus im Juli wollte Poschner lange nicht reden. Bei SPORT1 bricht er jetzt sein Schweigen und rechnet mit seinem Ex-Klub ab.

SPORT1: Herr Poschner, inwieweit haben Sie ihr Aus bei 1860 verarbeitet?

Gerhard Poschner: Das Aus war nicht schwer zu verarbeiten, da ich ja selber die Entscheidung getroffen habe, zu kündigen.

SPORT1: Warum sind Sie gescheitert?

Poschner: Ich kann die Frage aus journalistischer Sicht verstehen, aber Fakt ist: Ich bin nicht gescheitert. Der Auftrag der Gesellschafter lautete, einen totalen Umbruch einzuleiten, in dem Wissen, dass Umbrüche dieser Art große Probleme bereiten und zu kurzfristigem Misserfolg führen können. Der Auftrag war auch, ein sportliches und wirtschaftliches Konzept zu erstellen, welches mittel- und langfristig 1860 München wieder in die Spur bringt.

SPORT1: Mit Verlaub: 1860 wäre mit diesem Konzept um ein Haar in die 3. Liga abgestiegen.

Poschner: Nachhaltig sollte es sein. Dafür muss man ein dickes Fell haben und Schläge aushalten können. Eine Struktur zu schaffen, welche personenunabhängig funktioniert, mit Menschen, die im Sinne der Sache agieren und nicht politisch nur für sich selbst arbeiten. Davon gab es einfach zu wenige. Ob ein Geschäftsführer Sport gescheitert ist, kann man nicht nach 15 Monaten bewerten, sondern vielleicht nach drei bis vier Jahren, wenn man weiß, wie der Auftrag lautete.

SPORT1: Sie wollten immer eine zweite Chance, haben dann doch überraschend hingeschmissen. Warum dieser Umfaller?

Poschner: Umfaller? Ich glaube, dass man mir das definitiv nicht nachsagen kann. Ich bin absolut kein Umfaller. Ich habe monatelang keine Reaktion auf jegliche Diffamierung aus den eigenen Reihen gezeigt. Nur irgendwann sind die Grenzen überschritten.

SPORT1: Wer konkret hat Sie denn diffamiert?

Poschner: Bewusste öffentliche Beschädigung meiner Person durch das Präsidium und den damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden. Offene und verdeckte. Proteste gegen meine Person wurden organisiert und unterstützt, in welcher Form auch immer. Der Höhepunkt war die Volksfestveranstaltung bei der Jahreshauptversammlung mit populistischen Verkündigungen seitens des Präsidenten, was meine Person und Position betrifft. Irgendwann ist es dann auch genug.

SPORT1: Konnten oder wollten Sie sich nicht wehren?

Poschner: Ich habe diese Verunglimpfungen sehr lange ertragen, weil sich dadurch alles auf mich konzentrierte und die Mannschaft halbwegs in Ruhe arbeiten konnte. Aber auf Dauer ist dann selbst dieses nicht mehr möglich und ein gesundes Arbeiten für die Mannschaft und Mitarbeiter undenkbar. Was in dieser Zeit abgelaufen ist, war übrigens auch ein vereinsschädigendes Verhalten seitens des Präsidiums. Vor allem in einer wichtigen Periode wie der Transferzeit.

SPORT1: Welche Lehren ziehen Sie aus Ihrer Zeit bei den "Löwen"?

Poschner: Lehren würde ich nicht sagen, sondern Erfahrungen. Viele positive und natürlich auch negative, das ist völlig normal. Jede Erfahrung bringt einen weiter, vor allem die negativen. Zu viel Politik in einem Fußballklub verhindert und zerstört eine sportliche Entwicklung. Ich wusste, dass die Politik bei 1860 eine große Rolle spielt, allerdings war ich dann doch überrascht, dass es am Ende fast ausschließlich nur um Politik und Macht geht.

SPORT1: Worauf können Sie aus Ihrer Sicht stolz sein?

Poschner: Auf die positive Entwicklung von vielen Mitarbeitern und Spielern. Auf das nach wie vor sehr gute Verhältnis zu vielen Menschen aus und um den Verein. Das ist bei einer Trennung nicht immer üblich. Darauf bin ich stolz. Alles andere ist in Anbetracht eines 16. Tabellenplatzes in der abgelaufenen Saison kein Grund, um auf irgendetwas stolz zu sein.

SPORT1: Stimmt es, dass Sie nach Ihrem Aus bei einigen Entscheidungen noch mitbestimmt haben?

Poschner: Bestimmt habe ich gar nichts mehr, wie auch? Aber es ist richtig, dass ich nach meiner Kündigung explizit von der neuen Geschäftsführung gebeten wurde, angeschobene und vorverhandelte Themen weiter zu begleiten und bei Bedarf auch abzuschließen. Das habe ich auch gerne getan, da ich gegenüber der Mannschaft, dem Trainerteam und den Mitarbeitern nach wie vor eine Verantwortung hatte. Das gehört sich so aus meiner Sicht. Als ich dann in den Medien von den beiden Geschäftsführern lesen musste, dass es nicht so wäre, habe ich alles eingestellt. Man bittet nicht um etwas, um es dann in der Öffentlichkeit zu dementieren. Das ist kein guter Stil.

SPORT1: Was war dennoch Ihr größter Fehler?

Poschner: Bei so einer Mammut-Aufgabe mit so vielen Veränderungen innerhalb kürzester Zeit passieren auch viele Fehler oder besser gesagt, es werden Fehlentscheidungen getroffen. Dafür übernehme ich auch die volle Verantwortung. Der größte Fehler? Da sollte man lieber das Präsidium und das sportliche Beratungsgremium fragen, falls es dieses noch gibt, jetzt wo die Transferperiode vorbei ist.

SPORT1:1860 steht wieder am Abgrund, hat den schlechtesten Saisonstart in der Zweitliga-Geschichte des Klubs hingelegt. Wird es wieder eine Zitter-Saison?

Poschner: Ich hoffe und denke nicht. Die Mannschaft ist individuell gut genug besetzt, um einen gesicherten Mittelfeldplatz zu erreichen.

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SPORT1: Sehen Sie Ihre Zeit bei Sechzig als verloren an?

Poschner: Auf keinen Fall. Ich habe jeden Tag mit Freude gearbeitet. Wir haben in 12 Monaten vier Millionen Euro Transferüberschuss erwirtschaftet, die drittälteste Mannschaft der Liga erheblich verjüngt, hoffnungsvolle, junge Talente unterstützt und integriert, eine Scouting-Abteilung mit hervorragenden Mitarbeitern ins Leben gerufen - die es vorher nicht gab - die Basis für moderne Strukturen und Arbeitsabläufe gelegt sowie ein tolles Miteinander mit den Mitarbeitern unter den schwierigen Umständen gelebt und gepflegt. All das bleibt bei mir hängen und ich finde, dass all die genannten Punkte sehr positiv sind.