Es waren die üblichen Mechanismen, denen dann die üblichen Erklärmuster mit den üblichen Floskeln folgten, ehe möglichst bald dann auch in üblicher Manier ein Trainer-Nachfolger präsentiert werden soll, dem die Wende zum Guten zugetraut wird.
Schalke 04 nach Grammozis-Aus: Trainer-Nachfolge unklar - wie geht es weiter?
Das königsblaue Dilemma
Als eine äußerst turbulente Woche beim FC Schalke 04 am Sonntagmorgen mit der Entlassung von Dimitrios Grammozis ihren Tiefpunkt erlebte, war der Gar-nicht-so-gerne-Zweitligist wieder an dem Punkt angelangt, den er schon längst überwunden haben wollte: An einem Neuanfang.
Wieder einmal angesichts fünf (!) verschlissener Trainer in den vergangenen eineinhalb Jahren.
So denkt Neururer über das Grammozis-Aus
Das avisiertes Ziel Bundesliga-Rückkehr wirkt für viele Beobachter und Klub-Kenner in dieser Saison auch deshalb nun hochgradig unwahrscheinlich. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur 2. Bundesliga)
Auch für Peter Neururer: „Der Zeitpunkt ist mehr als unglücklich und sicher nicht der günstigste“, erklärt der ehemalige Schalker Coach (1989 bis 1990) und jetzige SPORT1-Experte.
Dass sich die Klubführung erst nach dem 3:4 (2:2) gegen Hansa Rostock zum Handeln gezwungen sah, weil der Klub „in der Phase der Saison angelangt“ sei, „in der die großen Entscheidungen fallen“, wie Sportdirektor Rouven Schröder formulierte, zeigt, wie sehr sich die Königsblauen verkalkuliert hatten.
Hätte Schalke früher reagieren müssen?
Trotz der lediglich vier Punkte aus den zurückliegenden vier Partien, bereits acht Niederlagen und schon sechs Zählern Rückstand auf einen direkten Aufstiegsplatz kurz vor dem Saisonendspurt. Hätte man also nicht schon viel früher reagieren müssen?
„Jetzt sind es nur noch neun Spiele bei sechs Punkten Rückstand“, merkte Neururer dazu an. „Wer jetzt kommt, der hat kaum noch Einflussmöglichkeiten - noch weniger, wenn er von außerhalb käme.“
Und umso mehr, weil es gegenwärtig völlig unklar erscheint, wer dazu imstande ist, S04 nun noch wirklich nachhaltig ins Aufstiegs-Fahrwasser zu navigieren - ungeachtet der gehandelten Namen wie unter anderem Onur Cinel.
Sprint Cinel ein?
Der 36-Jährige trainiert derzeit die U17 der Knappenschmiede, die in der Bundesliga West der B-Junioren Tabellenführer ist, und könnte nach SPORT1-Informationen als Interims-Nachfolger von Grammozis eingesetzt werden könnte.
Intern soll Cinel schon einmal als Trainer der ersten Mannschaft im Gespräch gewesen sein, als Grammozis bereits nach dem Saison-Stotterstart wackelte.
Eine andere Option wäre Mike Büskens, der als Co-Trainer von Grammozis agierte. (DATEN: Die Tabelle der 2. Bundesliga)
Noch so einer mit richtig Stallgeruch - doch ist es wirklich das, was Schalke am Ende hilft, um das Übel der verpassten Rückkehr in die Eliteklasse zu verhindern?
Stevens steht nicht zur Verfügung
„Mein Gefühl sagt mir, Mike Büskens auf der Bank könnte da einspringen“, sagte mit Steffen Freund im STAHLWERK Doppelpass auf SPORT1 zwar ein ehemaliger Schalke-Spieler.
“Aber diesen Verein zu führen, gerade in der 2. Liga – das ist eine ganz schwere Situation. Ich weiß gar nicht, ob ich mir das zutrauen würde“, erklärte der Europameister von 1996 weiter.
Neben Friedhelm Funkel, nach seinem erfolgreichen Feuerwehr-Einsatz beim 1. FC Köln in der Vorsaison im Ruhestand, und Uwe Neuhaus (ohne Job seit seinem Aus bei Arminia Bielefeld im März 2021) wurde freilich auch der Name Huub Stevens sogleich gehandelt.
Schalkes Jahrhunderttrainer, der zuletzt auch mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, kommt aber nicht infrage, wie er bei SPORT1 durchblicken ließ.
Schalke will „Hamburgerisierung“ vermeiden
Was auf Schalke denn nun passieren muss, was dem Klub überhaupt noch bleibt? „Ich weiß nicht, was diese Truppe jetzt braucht“, gibt Stevens zu.
Ein Fußballlehrer aus den eigene Reihen sei zwar „nie verkehrt“, findet der Niederländer, der aber vor allem der Auffassung ist: „Schalke benötigt jetzt einen Trainer, der zu 100 Prozent an den Wiederaufstieg glaubt und keine Minute zweifelt.“
Ob es damit indes getan ist beim Revierklub, der am Montag über „das weitere Vorgehen“ informieren will, bleibt fraglich, die Beantwortung all dessen erscheint komplex wie schwierig. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der 2. Bundesliga)
Klar ist allein, dass Schalke unbedingt wieder eine Etage höher will - und eine „Hamburgerisierung“, wie die Bild schrieb, folglich unbedingt vermeiden.
„Ich habe vor Monaten bei SPORT1 gesagt, dass Schalke vielleicht zwei Jahre für die Rückkehr in die Bundesliga brauchen wird. Man sieht am Hamburger SV, wie schwierig es sein kann zurückzukommen“, merkt Stevens dazu an.
Bleibt Schalke länger in der 2. Liga?
Die nun wegbrechenden Millionen nach den gekappten Geschäftsbedingungen mit Russlands Staatskonzern Gazprom als Hauptsponsor dürften die Situation keineswegs einfacher machen.
Zumal auch Verbindlichkeiten von 237 Millionen Euro die Zukunft belasten, die Frage nach der Ausgliederung der Profi-Abteilung weiterhin schwelt und reichlich Energie kosten dürfte im Sinne einer Neuausrichtung und Umstrukturierung.
Bemerkenswert: „Von der Qualität des Kaders sind wir weiterhin überzeugt“, urteilte Sport-Vorstand Peter Knäbel, der gern von einer kontinuierliche Weiterentwicklung auf Schalke spricht.
Freund sieht das ein bisschen anders mit Blick auf die gebotenen Qualitäten in der 2. Liga: “Da sind sie nun auch angekommen mit vielen Spielern, die auch nur noch auf diesem Level agieren.“
Womöglich muss sich Schalke nun zwangsläufig damit auseinandersetzen, sportliche Ansprüche herunterzuschrauben und sich langfristiger als befürchtet im Fußball-Unterhaus einzurichten.