Der unerwartete Hoffnungsträger

Der unerwartete Hoffnungsträger

Ragnar Ache schwingt sich bei den Olympischen Spielen zum deutschen Hoffnungsträger auf. Dabei ist der Frankfurter mit dem ungewöhnlichen Karriere-Weg den meisten Fußball-Fans noch kein Begriff.
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Lukas von Hoyer
von Lukas von Hoyer
am 26. Juli

Es war eine blitzsaubere Direktabnahme von Ragnar Ache - und doch brauchte er noch den Nachschuss.

Den Volley-Abschluss nach einer punktgenauen Flanke von Amos Pieper hatte der Keeper von Saudi-Arabien noch entschärfen können. Doch Ache blieb dran und schob die Kugel im zweiten Anlauf zum zwischenzeitlichen 2:1 ins Netz. Nach dem mühevollen 3:2-Zittersieg in Yokohama ist der 22-Jährige ein Lichtblick für das Olympia-Turnier aus deutscher Sicht.

Schon bei der 2:4-Auftaktpleite gegen Brasilien hatte der Stürmer einen Treffer erzielt, obwohl er nur 22 Minuten auf dem Rasen gestanden hatte. Es war eine gute Entscheidung von Auswahl-Trainer Stefan Kuntz, Ache nachzunominieren. Das ist schon jetzt klar.

„Es ist vor allem seine Physis. Gegen Brasilien stand ich mal hinterm Tor und da habe ich ihn drei Meter in die Höhe springen sehen. Da habe ich mich nur gefragt: ‚Wo will denn der hinspringen?‘“, sagte Keven Schlotterbeck auf SPORT1-Nachfrage beim Pressetalk am Montag über seinen Teamkollegen im Olympia-Team.

„Er macht gut Bälle fest und ist zielstrebig vor dem Tor. Er opfert sich auch für die Mannschaft auf. Das hat man gestern gesehen, er war stehend K.o., nachdem er rausgegangen ist.“

Erwartet hatte einen solch großen Beitrag wohl kaum ein Fußball-Fan von Ache, was aber auch kein Wunder ist. Immerhin kennen seinen Namen nur eingefleischte Fans von Eintracht Frankfurt. Aber selbst Letztere haben den jungen Torjäger noch nicht oft spielen sehen.

Ache verpasst fast die komplette Saison in Frankfurt

Ragnar Prince Friedel Ache wurde in Frankfurt am Main geboren, doch erst seit dem Sommer 2020 trägt er das Trikot mit dem Adler auf der Brust. „Ich komme heim“, sagte der Sohn eines deutschen Vaters und einer ghanaischen Mutter bei seiner Vorstellungs-PK.

Doch seine erste Saison in der Heimat lief nicht so, wie sie sich Ache vorgestellt hat. Er feierte zwar gleich am zweiten Spieltag sein Debüt, doch dann setzte eine Oberschenkelverletzung den aufstrebenden Kicker fast die komplette restliche Saison außer Gefecht. Erst am 34. und letzten Spieltag, bei seinem siebten Saisoneinsatz, erzielte Ache sein Debüt-Tor für die Eintracht. In der zweiten Minute der Nachspielzeit - das nennt man dann wohl Last Minute.

Ein Tor, das ihn vielleicht auch erst zurück in den Fokus von Stefan Kuntz und nach Tokio geschossen hat. Der Coach dürfte auch im letzten Gruppenspiel auf Ache bauen, wenn gegen die Elfenbeinküste ein Sieg eingefahren werden muss, um die K.o.-Phase zu erreichen.

In Frankfurt dürfte Aches Olympia-Auftritt große Vorfreude auf die nächste Saison auslösen. Es dürfte sich fast so anfühlen, als wäre er ein Neuzugang. Einer, der kurz vor dem großen Durchbruch stehen könnte. Und zwar nach einem ungewöhnlichen Weg.

Ache wird im Kindergarten entdeckt

Ache ist nicht in den Jugendteams von Eintracht Frankfurt zu einem technisch versierten Offensivspieler ausgebildet worden. Die Geschichte seiner Karriere beginnt in Neu-Isenburg. Mit vier Jahren waren seine Eltern mit ihm in die kleine Stadt vor den Toren der Finanz-Metropole Frankfurt gezogen.

Auch der Scout, der Ache entdeckte, ist alles andere als gewöhnlich: Es handelte sich um eine Erzieherin, deren Ehemann Jugendtrainer bei der Spielvereinigung 03 Neu-Isenburg war. Der kleine Junge wollte im Kindergarten immer Fußball spielen und konnte das auch deutlich besser als alle anderen.

Ihr Ehemann Milan Gulin nahm Ache in sein Team auf und war schnell begeistert. „Ein Riesenfußballer“, sagte er jüngst rückblickend in der Frankfurter Rundschau. Das junge Talent zeigte sich „drahtig und schnell“ und war vor allem für spektakuläre Momente zu haben: „Da hat er aus 17, 18 Metern einen halbhohen Ball volley genommen und mit einem Scherensprung direkt in den Winkel gehauen.“

Dieser Eindruck ist auch derzeit bei den Olympischen Spielen zu sehen. Teilweise wirkt Ache ein wenig wie ein Straßenfußballer. Das passt nach Frankfurt - und zu seinem Werdegang, der so manchen Umweg beinhaltet.

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Die zweite Heimat bei Sparta Rotterdam

Wenn man heute in Neu-Isenburg nachfragt, dann ist der Name Ache alles andere als präsent. „Keine Ahnung“, sagte sogar der Vereinsvorsitzende von Aches früherem Klub, als er von der Frankfurter Rundschau nach dem jungen Ache gefragt wurde.

Das liegt auch daran, dass Ache auch in Neu-Isenburg nicht lange blieb. Seine Mutter zog mit ihm und seiner Schwester ins niederländische Rotterdam, als er zehn Jahre alt war. Der neue Lebensgefährte der Mutter war im Nachwuchs von Sparta Rotterdam tätig. Wie sieben Jahre zuvor die Erzieherin nahm er Ache mit zum Training.

Bei Sparta Rotterdam fand der talentierte Stürmer seine zweite Heimat. Er durchlief alle Jugendteams, blieb insgesamt zehn Jahre lang beim Klub. 2016 unterzeichnete er seinen ersten Profivertrag, mit 18 Jahren debütierte er in der Eredivisie.

Mit Sparta erlebte er in der Folge den Abstieg, aber auch wieder den Aufstieg in die höchste Liga der Niederlande. Aus der Ferne erspielte er sich sogar Nominierungen von Kuntz für die U21, für die er 2019 und 2020 drei Partien absolvierte - und einen Treffer erzielte.

Im Sommer 2020 ging es dann nach Hause. Die Eintracht überwies zwei Millionen Euro nach Rotterdam. „Fußballerisch hat mich die niederländische Schule geprägt. Aus Deutschland habe ich die Disziplin und die Pünktlichkeit mitgenommen“, verriet Ache in Frankfurt angekommen. Es scheint eine vielversprechende Kombination zu sein.

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