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Backup von Lewandowski oder Haaland? „Gerne“

Backup von Lewandowski oder Haaland? „Gerne“

Deniz Undav begeistert in Belgien bei Royale Union Saint-Gilloise als Torschütze und Vorlagengeber. Im SPORT1-Interview spricht er erstmals ausführlich über seinen Erfolg und verrät seinen deutschen Lieblingsklub.
Der SV Meppen fährt zuhause einen klaren Sieg gegen Unterhaching ein. Deniz Undav führt die Emsländer mit einem Traumtor aus 50 Metern auf die Siegerstraße.
Reinhard Franke
Reinhard Franke
von Reinhard Franke

In Deutschland reden sie alle immer von BVB-Superstürmer Erling Haaland und Bayerns Tormaschine Robert Lewandowski. Doch in einem Nachbarland ballert sich ein anderer Angreifer mehr und mehr in den Fokus.

Im SPORT1-Interview spricht der 25-jährige Deutsche mit türkischen Wurzeln erstmals ausführlich über seine irre Torquote, seine Person und verrät seinen deutschen Herzensverein.

SPORT1: Herr Undav, würden Sie uns zustimmen, wenn wir sagen, dass Sie gerade an einem echten Märchen schreiben?

Deniz Undav: Das können wir erst am Saisonende sagen. Als Mannschaft müssen wir das Märchen erst noch zu Ende schreiben. Wenn es nach der Runde nur Platz zehn wird, dann ist es keins. Wenn es aber um mich persönlich geht, dann ist es auf jeden Fall jetzt schon ein Märchen.

SPORT1: „Das ist für alle überraschend“, sagte der frühere HSV-Profi Toni Leistner am vergangenen Montag bei SPORT1, der bei VV St. Truiden spielt. Wie überraschend ist der Erfolg für Sie?´

Undav: Für mich ist mein Lauf nicht überraschend. Ich wusste immer, was ich kann und dass ich ein guter Kicker bin. Unser Erfolg als Team kommt schon etwas überraschend, weil wir aus der 2. Liga kamen. Aber wir wissen auch, dass wir mithalten können und dass wir kein leichtes Opfer sind für die großen Gegner. Alle dachten doch vor der Saison ‚Die werden eh viele Spiele verlieren‘, aber wir haben an uns geglaubt und gezeigt, wie stark wir sind.

Deniz Undav spielt aktuell in Belgien ganz groß auf
Deniz Undav spielt aktuell in Belgien ganz groß auf

SPORT1: Saint-Gilloise kooperiert mit Brighton & Hove Albion aus der Premier League. Das heißt, finanziell geht was. Ist das ein wichtiger Grund für den Erfolg?

Undav: Das würde ich nicht sagen. Es wurden keine Transfers getätigt, bei denen enorm viel Kohle raus gehauen wurde. Das nun wirklich nicht. Wir haben einen Spieler aus Brighton ausgeliehen (Mitoma Kaoru, Anm. d. Red.), aber generell wird bodenständig gewirtschaftet. Riesen-Transfers werden woanders gemacht. Unser Erfolg ist rein durch unsere sportlichen Leistungen entstanden, nicht durch einen teuren Kader.

Undav: „Ich hätte noch besser sein können“

SPORT1: Zehn Siege, zuletzt fünf in Folge, haben Royale Union Saint-Gilloise auf Platz 1 gehievt. Mit 33 Toren hat man die mit Abstand meisten Treffer erzielt. Sie haben zehn Treffer und acht Torvorlagen auf dem Konto. Erklären Sie doch mal diese beeindruckende Quote.

Undav: Ich weiß, dass das eine gute Quote ist. Ganz ehrlich? Ich hätte noch besser sein können oder sogar müssen, wenn ich ein paar Buden mehr rein gemacht hätte oder wenn meine Kollegen zwei, drei Dinger rein gemacht hätten. Dann hätte ich noch mehr Assists auf dem Konto. Aber im Fußball kann man nicht jede Chance nutzen. Ich bin total zufrieden mit meiner Ausbeute. Ich kann mich nicht beschweren.

SPORT1: Was für ein Stürmertyp sind Sie?

Undav: Ich bin der Typ Benzema, also der mitspielende Stürmer, der sich auch mal fallen lässt, für das Team ackert und Vorlagen gibt. Ich will immer in das Spiel mit eingebunden sein.

SPORT1: Bis Juni 2020 waren Sie noch beim SV Meppen unter Vertrag und haben dort in der vergangenen Saison schon Ihr Potenzial angedeutet. Es gelang Ihnen auch ein spektakulärer Treffer von der Mittellinie. 17 Tore und 13 Assists standen damals auf Ihrem Zettel - und dennoch wählten Sie den Umweg über die zweite belgische Liga. Warum?

Undav: Weil ich in Belgien die 100-prozentige Wertschätzung erfuhr. Als in Meppen mein Vertrag auslief, gab es Interesse aus der ersten und zweiten Liga in Deutschland, aber keiner wurde konkret. Dann kam noch Corona dazu, was natürlich meine Lage erschwerte. Viele Klubs haben dann lieber abgewartet, weil die wirtschaftliche Lage unsicher war. Und die Bosse meines aktuellen Vereins waren die ganze Zeit an mir dran. Alle zwei Tage kam ein Anruf. Schließlich habe ich mich für sie entschieden, ich wusste auch, dass der Verein aufsteigen will. Es ist ein toller Traditionsklub, der elf Mal belgischer Meister wurde. Ich wollte eh mal ins Ausland und habe bis jetzt alles richtig gemacht.

Undav: „Es gab kein Angebot“

SPORT1: Wollte Meppen Sie nicht behalten?

Undav: Doch, aber man war finanziell nicht so aufgestellt und stieg frühzeitig aus. Es gab gar kein Angebot, das mich zum Nachdenken hätte bringen können.

SPORT1: Sie haben in der Jugend für Werder Bremen gespielt. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Undav: Da war ich noch ein Kind. Es hat Spaß gemacht und es waren zwei sehr schöne Jahre. Aber es hat am Ende dann auch weh getan, nachdem man mich dort raus gekickt hat. Als kleiner Junge fällt es dir schwer, das dann zu verarbeiten. Aber zum Glück war ich relativ klar im Kopf und dachte mir einfach ‚Weiter geht‘s.‘ Ich wollte ihnen beweisen, dass sie einen Fehler gemacht haben.

SPORT1: Es heißt, Sie mussten den Verein verlassen, weil Sie zu klein waren.

Undav: So wurde es mir vom U15-Trainer gesagt. Außerdem war ich nicht sein Spielertyp, sagte er. Er setzte nur auf große Stürmer. Das hat schon weh getan. Da brauchte ich einige Tage, um das zu verarbeiten.

Genugtuung? „Ja!“

SPORT1: Spüren Sie jetzt Genugtuung?

Undav: Ja. Auf jeden Fall. Um ehrlich zu sein, war ich schon als Kind in den Klubs, in denen ich spielte, einer der Besten. Jetzt kann ich dem damaligen Trainer in Bremen zeigen, dass ich es drauf habe.

SPORT1: Wie würden Sie sich als Typ beschreiben?

Undav: Ich bin kein Bad Boy. So werden ja junge Profis oft gesehen und einige sind auch so drauf. Ich aber nicht. Ich habe immer einen lockeren Spruch auf den Lippen und mit mir hat man sehr viel Spaß am Leben und am Fußball. Ich nehme die Dinge nie zu ernst. Wenn man mich sieht, denkt man, ich sei ein kleiner Asi oder eben ein Bad Boy, aber das bin ich nicht. Wenn es drauf ankommt, bin ich total bei der Sache.

Deniz Undav in Aktion
Deniz Undav in Aktion

SPORT1: Können Sie uns eine Anekdote aus Ihrer bisherigen Karriere verraten?

Undav: Ich habe in Havelse mal bei einem Elfmeter einen Lupfer gemacht und wurde daraufhin für eine Woche suspendiert. Der Torwart blieb cool stehen und hielt so den Ball. Das war ein Arroganz-Anfall von mir. Ich sah in dem Moment aus wie der letzte Hans. (lacht)

SPORT1: Sind Sie ein Spieler, der gerne mal etwas abhebt? Gerade besteht ja die Gefahr, weil Sie in Belgien der gefeierte Star sind.

Undav: Gar nicht. Ich hatte im zweiten Jahr in Meppen eine ähnliche Situation und bin auch nicht abgehoben. Die aktuelle Hype um mich ist eher ein Anreiz, noch besser zu werden. Ich werde niemals abheben. Da habe ich auch meine Freunde, die mir rechtzeitig ein, zwei Sprüche reindrücken, so dass ich wieder runterkomme. Aber tolle Artikel über mich lesen, das will ich schon.

Undav: „Ich bin nicht der Schickimicki-Typ“

SPORT1: Wie sehen Sie im heutigen Fußballgeschäft junge Profis? Sie können sich schon früh viel leisten und genießen Privilegien.

Undav: Das ist mir egal. Ich habe keine mega-teuren Klamotten oder ein fettes Auto. Ich lebe ganz normal und muss nicht jedem zeigen, dass ich Fußballprofi bin, der viel Geld hat. Ich bin nicht der Schickimicki-Typ, sondern bin ganz entspannt drauf.

SPORT1: Aber ist es nicht eine Gefahr, zu schnell zum Star gemacht zu werden?

Undav: Ich weiß, wie es ist, für sein Geld hart arbeiten zu müssen. In Havelse habe ich nur 100 Euro verdient, da musste ich nebenher noch arbeiten gehen. Ich bin morgens in der Früh aufgestanden und kam abends um acht erst nach Hause. Ich freue mich für die Fußballer, die es in jungen Jahren schaffen. Aber einige von ihnen heben leider ab. Vor allem in England, da werden die Spieler mit Geld zugeschmissen. Dabei sollte man sie einfach nur Fußball spielen lassen.

SPORT1: Sie haben so eine starke Torquote. Sollten sich die Bosse des FC Bayern und bei Borussia Dortmund mit Ihnen beschäftigen?

Undav: Ganz langsam. Lewandowski und Haaland spielen auf einem anderen Niveau. Da will ich mal hin. Beide treffen wie am Fließband und sind das Nonplusultra im Fußball. Zusammen mit Benzema oder Suárez. Da bin ich noch ein kleiner Fisch.

SPORT1: Und als Backup?

Undav: Als Backup gerne. Da kann man mich gerne anrufen. Aber beide Klubs haben so viel Geld, da holen sich die Bosse lieber einen anderen und setzen ihn dann auf die Bank.

Markus Anfang kam 1997 beim FC Schalke 04 zwar nur zu drei Einsätzen, konnte von den Eurofighter aber jede Menge lernen.
01:26
"Verstärkung schlechthin": Werder-Coach witzelt über Schalke-Zeit

SPORT1: Wer ist eigentlich Ihr Lieblingsklub in Deutschland?

Undav: Schalke 04!

SPORT1: Wäre es also ein Traum, mal für die Königsblauen auflaufen zu dürfen?

Undav: Absolut. Wenn sie aufsteigen gerne. Obwohl: Für Schalke würde ich auch in die 2. Liga wechseln - trotz meiner aktuellen Torquote in der ersten Liga. Das könnte ich mir durchaus vorstellen.

Undav: „Das war mein Schicksal“

SPORT1: Sie haben mal gesagt, dass Sie schon immer Tore geschossen haben, Sie aber auch das Gefühl hatten, von niemandem bemerkt zu werden. War das bisher Ihr Schicksal?

Undav: Das kann sein. Ich hatte früher aber auch nicht die Leute, die sich um mich gekümmert haben. Erst vor sechs Jahren fing das an. Mit 16, 17 hatte ich niemanden und das war mein Schicksal. Umso glücklicher bin ich jetzt, dass man auf mich aufmerksam wird. Jetzt nimmt meine Karriere richtig Fahrt auf. Ein geiles Gefühl. Es hat sich gelohnt, dass ich immer an mich geglaubt habe und nicht mit Fußballspielen aufgehört habe. Das Wichtigste ist, dass meine Familie stolz auf mich ist.

SPORT1: Sie träumen sicher von der Nationalmannschaft, oder?

Undav: Das ist schwer zu beantworten. Ich wurde ja nie mit der Nationalelf in Verbindung gebracht, auch nicht mit den U-Mannschaften. Aus dem Nichts jetzt da einlaufen, das ist schon schwer vorstellbar. Natürlich wünsche ich mir das, aber das ist sehr unwahrscheinlich.

SPORT1: Wenn Sie weiter so treffen, dürfte sich Hansi Flick Ihre Nummer besorgen.

Undav: Könnte er sehr gerne machen. Dagegen habe ich nichts. Ich laufe sogar zu Herrn Flick.