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Ex-HSV-Trainer: „Es war eine harte Zeit“

Ex-HSV-Trainer: „Es war eine harte Zeit“

Joe Zinnbauer ist wieder in Deutschland und bereit für eine neue Herausforderung. Bei SPORT1 spricht er erstmals über seine Zeit in Südafrika, einen privaten Schicksalsschlag und den HSV.
Joe Zinnbauer erzählt im Interview mit Sport1 über seine Erfahrungen als Trainer in Südafrika, den HSV und seine Zukunftspläne.
Reinhard Franke
Reinhard Franke
von Reinhard Franke

Joe Zinnbauer ist wieder da. Zwei Jahre war er in Südafrika als Trainer der Orlando Pirates tätig und wurde mit dem Klub Pokalsieger. Beim Hamburger SV war er auch mal, erlebte 2015 als Trainer der Rothosen mit einem 0:8 beim FC Bayern die höchste Niederlage in der Vereinsgeschichte. Danach wurde er beurlaubt. Doch das ist längst abgehakt.

Jetzt ist der 51-Jährige bereit für eine neue Herausforderung. Im Interview mit SPORT1 spricht Zinnbauer über seine Zeit in Südafrika, einen privaten Schicksalsschlag und gibt eine Liebeserklärung an den HSV ab.

SPORT1: Herr Zinnbauer, Sie sind wieder in Deutschland. Warum haben Sie das Kapitel Südafrika beendet?

Joe Zinnbauer: Das war vor allem aus familiären Gründen. Es ist ja bekannt, dass mein Sohn einen schweren Verkehrsunfall hatte und daher möchte ich einfach mehr bei ihm sein. Meine Frau und unser jüngster Sohn waren zwar in Südafrika auch mal zu Besuch, aber das ging nicht oft. Die Flüge dauern sehr lange und in der Pandemie war es teilweise nicht möglich einzureisen. Ich wollte einfach wieder näher bei meiner Familie sein.

SPORT1: Wie blicken Sie zurück auf Ihre Zeit bei den Pirates?

Zinnbauer: Es war schön, aber auch nicht ganz einfach, weil Leistungsträger schnell in den Fokus geraten und dann den Verein sehr schnell verlassen. Die Qualität der Spieler ist allerdings wirklich gut, das unterschätzt man oft, wenn man über Afrika bzw. Südafrika spricht im Vergleich zu anderen Ländern.

SPORT1: Was war besonders schwer?

Zinnbauer: Die Ausbildung ist meist auf der Strecke geblieben, die Nachwuchsleistungszentren kann man nicht mit denen in Deutschland vergleichen. Es wird gerade damit begonnen, junge Spieler auszubilden, aber es dauert oftmals vier bis fünf Jahre, bis diese Jungs bei den Profis auftauchen.

Joe Zinnbauer gewinnt südafrikanischen Fußball-Ligapokal
Joe Zinnbauer gewinnt südafrikanischen Fußball-Ligapokal

Zinnbauer: Habe jede Chance wahrgenommen, bei meinem Sohn zu sein

SPORT1: Ihre Zeit bei den Pirates war überaus erfolgreich.

Zinnbauer: Das stimmt. Wir haben mit dem Staff gut gearbeitet. Die Pirates hatten seit sieben Jahren keinen Titel mehr gewonnen und wir konnten im zweiten Jahr gleich den Pokal gewinnen. Da waren wir international dabei und konnten auch dort eine gute Rolle spielen. Wir haben bei einem großen Kult-Klub, der richtig Power hat im Land, einiges bewirken können. Die Menschen dort sind hungrig nach Erfolg. Aber ich wollte dann eine Auszeit und wie erwähnt wieder näher bei meiner Familie sein.

SPORT1: Ihr Sohn hatte einen schweren Verkehrsunfall. Wie geht es ihm?

Zinnbauer: Es ist schwierig darüber zu sprechen. Es ist ein bisschen besser geworden, aber es geht ihm immer noch schlecht. Es geht nur in kleinen Schritten vorwärts. Er lag lange im Koma, dann im Wachkoma und ist jetzt in der Aufwachphase.

SPORT1: Der Unfall ereignete sich vor einem Jahr. Warum sind Sie noch ein Jahr in Südafrika geblieben?

Zinnbauer: Ich habe meinen Sohn in den Länderspiel-Pausen im Krankenhaus besucht. Aufgrund von Corona war er leider sehr viel alleine, weil niemand zu ihm durfte. Irgendwann war es zumindest möglich, dass eine Person bei ihm sein konnte. Wir haben uns dann für seine Mutter entschieden, weil sie vor Ort ist. Wenn es aber möglich und erlaubt war, habe ich jede Chance wahrgenommen, bei meinem Sohn sein zu können.

Joe Zinnbauer bei den Orlando Pirates zurückgetreten
Joe Zinnbauer bei den Orlando Pirates zurückgetreten

Zinnbauer erlebte Derbys vor 115.000 Zuschauer

SPORT1: Gab es ein Erlebnis in Südafrika, an das Sie immer wieder zurückdenken werden?

Zinnbauer: Das waren auf jeden Fall die Derbys gegen die Kaizer Chiefs, die jedes Jahr Meister werden müssen. Ähnlich wie die Bayern in Deutschland. Als noch Zuschauer zugelassen waren, kamen an die 115.000 ins Stadion, was fast 20.000 mehr sind als überhaupt ins Stadion durften. Da kann man sich vorstellen, welche Atmosphäre geherrscht hat. In Südafrika gibt es aber keine Krawalle, sondern es ist oft ein großes Familien-Fest. Es war für mich eine wahnsinnige Erfahrung, auch mit neuen taktischen Systemen und Trainingsinhalten. Die Liga ist nicht zu unterschätzen. Und ich konnte verschiedene Kulturen kennenlernen.

SPORT1: Es gibt dort verschiedene Religionen, oder?

Zinnbauer: Genau. Religion ist für die Spieler dort ein sehr wichtiges Thema. Vor dem Mannschaftsessen und dem Training wurde immer gemeinsam gebetet.

SPORT1: Gab es auch mal Momente, in denen Sie sich ganz alleine gefühlt haben?

Zinnbauer: Es war phasenweise wirklich eine sehr schwierige Zeit aufgrund der strengen Regeln der Regierung. Ich war komplett alleine und durfte niemanden zu mir einladen. Das Einhalten aller Regeln wurde auch vom Militär und von der Polizei überwacht. Es war eine sehr herausfordernde Zeit für mich. Ich war sehr weit weg von der Familie und selbst an meinem 50. Geburtstag war ich alleine in meiner Wohnung.

„Die Kritiker können mich nur oberflächlich beurteilen“

SPORT1: Lassen Sie uns über den HSV reden. Kritiker reden über Sie immer vom gescheiterten HSV-Trainer. Stört Sie das?

Zinnbauer: Mich interessieren nur die Meinungen von den Personen, die mich gut kennen. Wie viele Trainer waren vor mir beim HSV und wie viele nach mir? Es ist sehr schade, dass der Verein auch nach meiner Entlassung nie zur Ruhe gekommen ist und es noch weiter nach unten ging. Manche Vereine haben es schwer, etwas zu erreichen. Ich habe mein Bestes gegeben für den Klub und manchmal brauchst du einfach auch etwas Glück. Für mich ist es wichtig, dass meine Spieler und ich zufrieden sind mit der Art, wie ich arbeite. Die Kritiker können mich nur oberflächlich beurteilen.

SPORT1: Aber nagt es nicht an Ihnen, dass Sie damals ziemlich unsanft beim HSV beurlaubt wurden?

Zinnbauer: Intern habe ich das nie so empfunden. Ich habe heute noch Kontakt zu Didi Beiersdorfer (Ex-HSV-Sportvorstand, d. Red.), Peter Knäbel (Direktor Profifußball beim HSV, d. Red.), Bernhard Peters (Direktor Sport beim HSV, d. Red.) und zu vielen anderen im Verein. Irgendwann passen die Resultate nicht und dann muss man eben gehen. Ich hatte bei der U23 eine erfolgreiche Zeit, sonst wäre ich nicht Trainer bei der ersten Mannschaft geworden. Der HSV ist für einen Trainer ein ganz schwieriger Klub. Das sieht man auch jetzt wieder. Aber es nagt nicht an mir.

Zinnbauer: „Da schaue ich noch gerne hin“

SPORT1: Haben Sie den HSV in Südafrika immer im Blick gehabt?

Zinnbauer: Nicht nur den HSV. Die ersten drei Ligen und auch die Regionalliga habe ich mir immer angeschaut. Ich war Trainer beim VfB Oldenburg und da schaue ich auch noch gerne hin. In der Regionalliga gibt es Spieler, die in der Zukunft durchaus mal auf meinem Zettel stehen können.

SPORT1: Warum schafft es der HSV seit vier Jahren nicht aufzusteigen?

Zinnbauer: Wenn man das wüsste, dann könnte man damit viel Erfolg haben oder viel Geld verdienen. Man muss das intern miterleben. Tim Walter kenne ich noch aus der Zeit beim Karlsruher SC, als ich Co-Trainer der ersten Mannschaft war und er U17-Coach. Er ist ein hervorragender Trainer. Er wird seinen Weg gehen, man muss ihm nur Zeit geben und ihm vertrauen. Auch Timo Schultz war bei St. Pauli schon angezählt und jetzt sieht man, was Vertrauen ausmachen kann.

Zwei Charaktere unter sich: Jürgen Klopp und Joe Zinnbauer spielten einst bei Mainz 05 miteinander, Klopp bewunderte Zinnbauer damals für seine drei Handys. Nun treffen die beiden erstmals als Trainer aufeinander - Klopp mit Borussia Dortmund auf Zinnbauers HSV
Zwei Charaktere unter sich: Jürgen Klopp und Joe Zinnbauer spielten einst bei Mainz 05 miteinander, Klopp bewunderte Zinnbauer damals für seine drei Handys. Nun treffen die beiden erstmals als Trainer aufeinander - Klopp mit Borussia Dortmund auf Zinnbauers HSV

Zinnbauer: „HSV ist eine Top-Adresse“

SPORT1: Bevor Bruno Labbadia zum zweiten Mal als Trainer zum HSV ging, sagte er, dass er noch nicht fertig gewesen sei. Wie sieht es bei Ihnen aus? Würden Sie die Rothosen gerne noch mal übernehmen?

Zinnbauer: Ich wohne noch immer in Hamburg und der HSV ist eine Top-Adresse, dennoch stellt sich diese Frage im Moment nicht. Bruno hat es damals richtig gesagt. Die Trainer, die beim HSV waren, sind alle irgendwie nicht fertig geworden. Und es gibt welche, die nie zurückkommen wollten. Ich würde mich gegen den HSV nie wehren.

SPORT1: Würden Sie ein Angebot von St. Pauli ablehnen?

Zinnbauer: Das kann ich nicht sagen. Das ist auch ein toller Verein. Ich war ja als Zuschauer einige Male dort. Wir hatten mit den Pirates ein ähnliches Vereinslogo mit dem Totenkopf. Beim FC St. Pauli machen sie gerade einen super Job, deshalb geht im Moment kein Gedanke da hin, dass ich dort mal Trainer werden kann.

SPORT1: Der Blick auf die aktuelle Tabelle zeigt, dass St. Pauli dem HSV etwas den Rang abgelaufen hat.

Zinnbauer: Ich sehe das nicht so. St. Pauli hat gerade den Flow, dass sie es packen können mit dem Aufstieg, der HSV ist aber aufgrund der Erfolge in der Vergangenheit eine ganz andere Hausnummer. Bei St. Pauli herrscht ein ganz anderer Druck. Sie können aufsteigen, müssen aber nicht, der HSV schon.

SPORT1: Letzte Frage: Wo geht‘s mit Ihnen hin?

Zinnbauer: Es muss einfach passen. Für mich ist das Ausland auch interessant. Ich habe drei Angebote aus Südafrika vorliegen, habe in Afrika zwei Angebote als Nationaltrainer bekommen. Auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern habe ich schon mit einigen Klub-Verantwortlichen Gespräche geführt. Ich bin wieder frisch und bin bereit für einen neuen Verein. Am liebsten wäre mir wie in der Vergangenheit ein Traditionsverein mit hohem Anspruch, denn ich bin kein Mittelfeldtrainer. Ich will entweder gegen den Abstieg kämpfen oder in den oberen Tabellen-Regionen etwas erreichen.