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Flutlicht an! Experte aus Syrien: Fußball als einzige Konstante - Porträt-Kolumne #56 Nadim Rai

Fußball als einzige Konstante

Krieg in Syrien stellt das Leben von Nadim Rai auf den Kopf. Seit er in Deutschland angekommen ist, habe es viele Veränderungen gegeben. Über diese Geschichte und den Fußball als einzige Konstante spricht Rai mit Wortpiratin Mara Pfeiffer.
Wortpiratin Mara Pfeiffer spricht im Podcast Flutlicht an! mit Nadim Rai
Wortpiratin Mara Pfeiffer spricht im Podcast Flutlicht an! mit Nadim Rai
© SPORT1-Grafik/Imago
Krieg in Syrien stellt das Leben von Nadim Rai auf den Kopf. Seit er in Deutschland angekommen ist, habe es viele Veränderungen gegeben. Über diese Geschichte und den Fußball als einzige Konstante spricht Rai mit Wortpiratin Mara Pfeiffer.

„Ich habe den Fußball zwar vermisst aus meiner Heimat, aber ich habe Fußball weitergelebt in Deutschland.“ Als Nadim Rai 2015 aus Syrien nach Deutschland kommt, lässt der junge Mann – neben vielen anderen Dingen – seinen Verein zurück: Hutteen SC. Zuletzt war der eingefleischte Fan dort auch Medienbeauftragter. Der Krieg in seiner Heimat ändert alles.

Der „Königsteiner Schlüssel“, angewendet vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), sorgt dafür, dass Rai in Rheinland-Pfalz und dort in Koblenz landet. Er erzählt von diesen bürokratisch bedingten Zufälligkeiten mit einem gelassenen Humor. Viel bedeutsamer ist ohnehin eine Geschichte, die dann in Koblenz selbst passiert.

Im Oktober 2015 lädt die TuS geflüchtete Menschen zu einem Spiel ein. Rai ist 19 Jahre alt, ein Fan weit weg von seinem Herzensverein – und geht ins Stadion. Nach dem Spiel will er von seinem „nicht vorhandenen Geld“ einen Fanschal kaufen und wird dabei angesprochen vom damaligen Vizepräsidenten des Klubs. Ob er Bock habe auf mehr Fußball? Klar!

Fußball als verbindendes Element

Was folgt ist die Einladung zu einer Auswärtsfahrt, dazu gibt es einen Schal und am Ende eine Dauerkarte für den Rest der Saison. Alles Dinge, die zu diesem Zeitpunkt für Rai sonst schlicht außer Reichweite gewesen wären. „Es gab viele Veränderungen in meinem Leben, aber die einzige Konstante war immer Fußball“, beschreibt Rai dessen Bedeutung.

Der junge Syrer stellt fest, wenn er mit Menschen in Deutschland über die alte Heimat spricht, geht es immer nur um den Krieg. „Dieses Land besteht aus mehr als einem Krieg“, unterstreicht Rai und um genau das zu zeigen, beginnt er, intensiv mit anderen über Fußball und Fankultur zu sprechen. Bald reist er mit Vorträgen zu dem Thema durch die Republik.

„Ich habe mehr mit einem deutschen Fußballfan gemeinsam als mit einem syrischen Musiker“, erklärt er seinen Antrieb. Fußball als verbindendes Element, als gemeinsame Sprache. Auch als Möglichkeit, um überhaupt in den Austausch zu kommen. „Jedes Mal ist es wie ein neues Leben“, sagt Rai über die Begegnungen, die er über den Fußball knüpfen kann.

WM in Katar? „Nicht bewusst, um welchen Preis das stattfindet“

Als im Winter 2022 die WM in Katar ausgetragen wird, bekommt er viele Anfragen, sich zu den Verhältnissen in dem Emirat zu äußern. Er stutzt, aber nur ein bisschen, denn was diese ausdrücken, kennt er bereits. Eine westliche Perspektive, die in einer bestimmten Region alles als ähnlich genug betrachtet, um einen Syrer zu Katar zu befragen. Hauptsache arabisch.

Rai klärt auf, lehnt Anfragen ab, verweist auf andere Expert*innen. Gefragt nach der WM in Katar als eine für „die ganze arabische Welt“ tritt er merklich auf die Bremse. Als Jugendlicher habe er sich über die Vergabe gefreut, aber: „Uns war nicht bewusst, um welchen Preis das stattfindet.“ Und als der Krieg ausbricht, fühlen sich viele Menschen in Syrien von den reichen Nachbarn im Stich gelassen. Eine WM-Reise können sich die meisten ohnehin nicht leisten.

Die Diskussion in Europa mitzubekommen, habe seinen Blick geweitet, sagt Rai, der aber auch klare Kritik an manchem Argument hat, das hierzulande an der WM vorgebracht wird. Dazu gehört, wie wenig Menschen in Europa klar sei, wie das wirke, wenn sie mal wieder antreten, um der Welt zu erklären, wie die Dinge zu laufen haben. Rai wünscht sich einen verbesserten Dialog, und der sollte doch gelingen, denn: „Fußball ist eine internationale Sprache.“