Als Manoel Francisco dos Santos - genannt Garrincha - am 28. Oktober 1933 in Pau Grande, einem kleinen Vorort von Rio de Janeiro geboren wurde, hätte wohl niemand für möglich gehalten, dass er einmal in einer Reihe mit den größten Fußball-Legenden aller Zeiten stehen würde.
Der tiefe Fall einer Fußball-Ikone

Dass er überhaupt laufen konnte, war schon erstaunlich. Er galt als behindert, weil seine Beine deformiert waren, wohl wegen einer früh erlittenen und unbehandelten Kinderlähmung. Links hatte er ein X-Bein, das sechs Zentimeter kürzer war als das rechte O-Bein.
Um jemals darauf stehen zu können, war eine gefährliche Operation notwendig. Trotzdem riet ein Orthopäde dem Jungen damals, mit dem Fußballspielen anzufangen. Das sei eine gute Möglichkeit, mit seiner Behinderung umzugehen. Ein Rat, der den Weltfußball nachhaltig verändern sollte. „Ohne Garrincha wäre ich nicht dreimal Weltmeister geworden“, gab der legendäre Pelé einmal selbst zu.
Die märchenhafte Geschichte der Fußball-Legende aus ärmlichen Verhältnissen nahm jedoch ein tragisches Ende: Heute vor 42 Jahren, am 20. Januar 1983, starb Garrincha viel zu früh.
Garrincha und Pelé: Zusammen unschlagbar
Doch der Reihe nach: Als der 20-jährige Garrincha („kleiner Vogel”) bei Botafogo vorspielen durfte, zweifelte das Umfeld noch. „Jetzt schicken sie mir schon einen Krüppel“, sagte Trainer Cardoso - und sollte sich, wie sich bald herausstellte, irren. 1953 unterschrieb er seinen ersten Profivertrag. Fünf Jahre später, bei der WM 1958, sorgte er erstmals auch in der Nationalmannschaft für Furore, als er seine Gegner mit unglaublichen Zickzackläufen und Pässen narrte und damit maßgeblich zum Titelgewinn der Selecao beitrug. Fast über Nacht wurde Garrincha zur nationalen Identifikationsfigur.
Der Ruhm Garrinchas mehrte sich nochmal erheblich beim nächsten großen Turnier, der WM 1962 im naheliegenden Chile: Als Superstar Pelé verletzungsbedingt in der Vorrunde ausfiel und die Tricks und Finten des 1,69 Meter kleinen Garrincha umso wichtiger für sein Team wurden. Am Ende schoss Garrincha die Selecao mit vier Toren zum zweiten Weltmeistertitel, wurde Torschützenkönig und bester Spieler des Turniers.
Garrincha hatte inzwischen eine Menge Spitznamen erhalten: „Engel mit krummen Beinen“ wurde er gerufen, oder auch „Alegria do Povo“, die Freude des Volkes. Gerade in Verbund mit Pelé bildete Garrincha ein unschlagbares Duo - nicht nur im übertragenden Sinn: Wenn die beiden außergewöhnlichen Kicker zusammen in der Nationalelf Brasiliens zauberten, verloren sie kein Spiel.

Der Körper machte am Ende viele Probleme
Nicht nur die Legende des 2022 verstorbenen Pelé, auch die von Garrincha lebt bis heute fort, YouTube-Videos mit seinen besten Tricks werden millionenfach geklickt von Fans, die ihn nie live in Aktion erleben durften.
Die Karriere Garrinchas hatte dabei auch Schattenseiten, speziell auch deshalb, weil die körperlichen Schäden nach einer Weile ihren Tribut forderten: Ob Meniskus, Sehnen oder Gelenke: Garrincha erlitt viele Verletzungen. Operationen schob er immer wieder auf die lange Bank, stattdessen half er sich selbst mit Heilkräutern.
Bei der Weltmeisterschaft 1966 war der damals 32-jährige Garrincha nochmal mit von der Partie, doch im Vergleich zu früher war er nur noch ein Schatten seiner selbst. Sein 57. Länderspiel gegen Ungarn war sein letztes und zugleich seine erste und einzige Niederlage bei einer WM. 1973 beendete er seine Karriere mit einem Abschiedsspiel im legendären Maracana-Stadion von Rio de Janeiro.
Garrinchas Leben nach der Karriere nahm einen tragischen Verlauf.
Ein tiefer persönlicher Absturz
Das Fußball-Idol hatte zeit seines Lebens Alkoholprobleme, bedingt auch durch ein schädliches familiäres Umfeld: Sein Vater war Alkoholiker mit Vorliebe für Zuckerrohrschnaps, er selbst kam auch schon als Zehnjähriger zum ersten Mal mit der Flasche in Berührung, wie er einmal gestand.
Auch ein Mangel an Bildung und ein vielfach als kindlich-naiv beschriebenes Gemüt erschwerten Garrincha den Übergang in das Leben nach der Spitzensport-Karriere, ein vor der WM 1958 durchgeführter Persönlichkeitstest attestierte ihm die geistige Reife eines Acht- bis Zwölfjährigen.
Auch familiär schien Garrincha der Halt zu fehlen: Er durchlebte zwei Scheidungen (die zweite, weil er häusliche Gewalt beging), hatte mindestens 14 Kinder. Negative Schlagzeilen schrieb er oft auch durch Alkohol am Steuer und diverse schwere Verkehrsunfälle, in die er verwickelt war - 1969 verschuldete er dabei den Tod seiner Schwiegermutter.
In seinen letzten Lebensjahren war Garrincha tief gefallen, wurde als körperliches und psychisches Wrack beschrieben, vom Publikum, das ihn einst geliebt hatte, weitgehend vergessen. Im Jahr 1982 wurde er achtmal in ein Krankenhaus eingeliefert, am 20. Januar 1983 erlag er mit nur 49 Jahren einer Leberzirrhose, nachdem er sich zuvor ins Koma getrunken hatte.
Erst die Nachricht von Garrinchas tragischem Tod ließ die nostalgischen Erinnerungen an das Fußball-Genie nochmal groß aufleben: Einem Trauerzug vom Maracana-Stadion in seinen Heimatort wohnten Millionen Schaulustige bei, auf seinem Grabstein in Rio de Janeiro steht geschrieben: „Hier ruht in Frieden der, der die Freude der Leute war - Mané Garrincha.“