Ballon d’Or: Chaos, Pfiffe und ein echter Gentleman

Kanes emotionale Reaktion auf den Coup!
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Kanes emotionale Reaktion auf den Coup!

Chaos vor dem Theater, Pannen im Netz und Pfiffe im Saal: Der Ballon d’Or wollte in London eine große Show bieten. Doch ausgerechnet die Fans wurden zu Statisten degradiert.

Hätte man für die diesjährige Verleihung des Ballon d’Or eine Überschrift wählen müssen, die nur aus einem einzigen Wort besteht, wäre es wohl „Ungeduld“ gewesen. Dieses Gefühl durchzog am Montagabend nahezu alle Beteiligten – und nahm dem Event einiges an Strahlkraft.

Aber von vorne: Schon früh zeichnete sich ab, dass sich die Veranstalter mit dem Umzug der großen Gala von Paris nach London keinen Gefallen getan hatten. Trotz der vielleicht berechtigten Nostalgie rund um die 70. Ausgabe.

Die Rede von Ballon-d'Or-Gewinner wurde zum wohl authentischsten Moment des Abends
Die Rede von Ballon-d’Or-Gewinner wurde zum wohl authentischsten Moment des AbendsDie Rede von Ballon-d’Or-Gewinner wurde zum wohl authentischsten Moment des Abends© IMAGO/ABACAPRESS

Fans ausgesperrt, Influencer hofiert

Die große Mehrheit der „normalen“ Fans blieb außen vor. Dafür durften allerlei Influencer die besten Plätze am roten Teppich genießen und für ihren Content nutzen. Fast alle anderen verbannten die Väter und Mütter des Ballon d’Or hinter eine meterhohe Sichtschutzwand und zahlreiche Bauzäune. Obendrein sollte der schmale Bereich zwischen der Straße vor dem „London Palladium Theatre“ und dem Kaufhaus „Liberty“ frei bleiben.

Ein folgenschwerer Planungsfehler. Irgendwann entlud sich die Ungeduld in der Menschenmenge, eine Absperrung wurde durchbrochen. Einige junge Fans brachen panisch in Tränen aus und mussten aus dem Gedränge gezogen werden. Wer auf oder über die Zäune kletterte, wurde von den sichtlich überforderten Ordnern aus nächster Nähe mit Taschenlampen und sogar Laserpointern geblendet. Mit überschaubarem Erfolg.

Warum man den Fans nicht von Anfang an die Möglichkeit gegeben hatte, sicher und gesittet einen kurzen Blick auf ihre Stars zu erhaschen, bleibt wohl das Geheimnis der Veranstalter. Das Chaos führte jedenfalls zu erheblichen Verzögerungen. Offiziell musste der dichte Londoner Abendverkehr als Begründung für die Verschiebung des Gala-Beginns um 45 Minuten herhalten.

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Drei Sieger und eine Blamage

Da passte es ins Bild, dass sich die Pannen auch im Netz fortsetzten. Nach allerlei Propaganda-Posts namhafter Journalisten und vermeintlich geleakten, aber gefälschten WhatsApp-Chats aus dem inneren Zirkel des Ballon d’Or sorgten schließlich die Veranstalter selbst für Irritationen und Spott: Noch vor Beginn der Gala tauchten auf der offiziellen Homepage gleich drei unterschiedliche Sieger-Texte auf. Professionell geht anders.

Ironischerweise brachte Gérard Ernault ein grundsätzliches Problem des modernen Ballon d’Or unfreiwillig auf den Punkt. Der langjährige Chefredakteur von France Football erklärte in einem PR-Filmchen, das im Saal gleich zweimal gezeigt wurde: „Früher war es eine Trophäe, heute ist es ein Wettbewerb.“

In der Tat! Im Vorfeld ging es kaum noch um Fußball, sondern vor allem um Gerüchte, Wettquoten und Klicks. Aus einer Auszeichnung ist ein inszenierter Wettkampf mit all seinen Begleiterscheinungen geworden. Umso bemerkenswerter ist der Triumph von Harry Kane, der sich monatelang gentlemanlike verhielt und das breitbeinige Getöse lieber der Konkurrenz überließ.

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Viel Glamour, wenig Glanz

Dass die Ungeduld auch innerhalb des Theaters lange nicht gestillt wurde, lag nicht nur an den zahlreichen Werbepausen, die im Saal regelmäßig Pfiffe und Geraune auslösten. Auch dem Moderationsduo Kate Scott und Thierry Henry gelang es zielsicher, selbst nach ausufernden Dankesreden noch die eine oder andere belanglose Frage hinterherzuschieben.

So mancher Zuschauer dürfte sich gegen 22.45 Uhr Ortszeit gewünscht haben, der goldene Ball werde künftig einfach wieder in irgendeinem Büro vor einem braunen Aktenschrank aus Holzimitat verliehen. So wie 2001, als Michael Owen die Trophäe entgegennahm.

Aber mittlerweile ist bekanntlich Glamour angesagt. Der Dorfdisco-Schlabberlook, den Cristiano Ronaldo und Lionel Messi noch 2009 zur Schau stellten, ist längst passé. Heute gibt es – zumindest vordergründig – mehr „Glitz and Glitter“, um es mit Owen zu sagen.

Viel Glamour also, aber erstaunlich wenig echter Glanz.

Kane liefert, was der Gala fehlt

Die beiden authentischsten Momente des Abends lieferte derweil Kane. Als der Engländer auf der Bühne stand, nestelte er sichtlich bewegt und nervös an seinem Smoking, sortierte immer wieder seine vorbereiteten Spickzettel auf dem Rednerpult und machte seiner Frau und seiner Familie eine Liebeserklärung. Plötzlich war da tatsächlich etwas von jener großen Emotion zu spüren, die eine solche Auszeichnung ausmachen sollte.

Und dann war da noch jener Moment um 0.15 Uhr, als Kane das Theater verließ und die Trophäe mehrmals in den Londoner Nachthimmel reckte. Unter dem Jubel jener hartnäckigen Fans, die mittlerweile sogar auf Straßenlaternen und Häuserfassaden geklettert waren, um doch noch ein bisschen Glamour abzubekommen. Am Ende war es ausgerechnet die Geduld, die sich auszahlte.