Kaum ein Verein in Deutschland steht so sehr für ein dauerndes Wechselbad der Gefühle wie der TSV 1860 München. Einst einer der Top-Vereine in Deutschland und sogar die Nummer eins in München, noch vor dem FC Bayern. Es folgten zahlreiche Ab- und Wiederaufstiege, aber auch umso herbere sportliche und wirtschaftliche Abstürze.
"Da war wahnsinnig viel Wut, Hass, Enttäuschung und Verzweiflung"
„Da war wahnsinnig viel Wut“
Einer, dem der Verein ganz besonders am Herzen liegt, ist Daniel Bierofka, Löwen-Legende in zweiter Generation. Als Spieler erlebte der Sohn von Willi Bierofka Highlights in der Bundesliga und sogar in der Champions-League-Qualifikation, als Co-Trainer aber auch den Absturz bis in den Amateurfußball.
„Wenn dich das Löwen-Fieber mal gepackt hat, dann lässt dich das nicht mehr los. Der Verein hat eine besondere Aura und eine besondere Ausstrahlung. Der Verein ist einfach etwas Besonderes“ erklärt Bierofka im SPORT1-Podcast Deep Dive die Besonderheit von 1860.
Der Verein sei wie „ein Virus“ mit dem man von der ersten Sekunde „infiziert“ sei. Auch deshalb hielt er den Löwen selbst in den schwersten Tagen die Treue.
Bierofka über Ismaik-Einstieg: „Fällt im ersten Moment ein Stein vom Herzen“
Viele verbinden den Absturz des Münchener Traditionsvereins ganz eng mit einem Namen: Hasan Ismaik. Die Probleme begannen aber schon deutlich bevor der jordanische Geschäftsmann als Investor einstieg. Finanziell waren die Löwen am Ende.
„2011 kam dann Hasan Ismaik, das war auch eine ganz schwere Stunde, weil da wussten wir als Spieler auch nicht: Geht’s überhaupt weiter oder müssen wir morgen zum Arbeitsamt gehen? Weil der Verein faktisch tot war, finanziell“, erinnert sich Bierofka.
Geschäftsführer Robert Schäfer habe schon vorher mitgeteilt, dass die Spieler Gehaltseinbußen akzeptieren müssten, um irgendwo im Verein Geld aufzutreiben: „Aber selbst das hat nicht mehr gereicht. Es war eins vor Zwölf.“
„Wir haben in der Kabine gesessen und da kam dann die Meldung, dass ein Investor gefunden wurde und der Verein nicht in die Insolvenz geht. Da fällt einem im ersten Moment natürlich erstmal ein Stein vom Herzen“, erzählt die Löwen-Legende über die erste Reaktion auf den Ismaik-Einstieg.
Löwen-Abstieg? „War die logische Konsequenz“
Am Anfang hätte auch der Großteil der Fans den Einstieg zumindest wohlwollend akzeptiert, doch dann hätte der Investor den Bogen überspannt: „Wo er dann auch mehr Einfluss haben wollte im Verein, was natürlich nicht geht in Deutschland, wir haben ja 50+1. Ich glaube da waren die ersten Risse in dieser Zusammenarbeit.“
Diese Risse führten letztendlich dann auch zur großen Katastrophe 2017, als die Löwen nach vielen falschen Entscheidungen, auch von Ismaik, sportlich in die dritte Liga abstiegen.
„Die Mannschaft war ein zusammengekaufter Haufen, so klar muss man das sagen“, erinnert sich Bierofka, der damals Co-Trainer unter dem exzentrischen Vitor Pereira war: „Es waren super Einzelspieler, aber es hat in der Mannschaft einfach Nullkommanull gepasst. Es war nur die logische Konsequenz, dass der Verein dann abgestiegen ist“, sagt die 60-Legende deutlich.
„Da war wahnsinnig viel Wut, Hass, Enttäuschung und Verzweiflung“
Nach einer enttäuschenden Saison und einer bitteren 0:2-Heimniederlage im Relegations-Rückspiel gegen Jahn Regensburg war der Fall in die 3. Liga besiegelt.
Schon weit vor dem Spielende und dem endgültigen Abstieg eskalierte die Lage in der Allianz Arena. „Man hat schon nach dem 0:2 gemerkt, dass sich da im Stadion etwas aufstaut“, erinnert sich Bierofka im Gespräch mit SPORT1: „Dann flogen auch schon die ersten Sitzschalen. Man muss heute noch sagen, dass der Regensburger Torhüter (Philipp Pentke, d. Red.) da überragend reagiert hat und keine Show gemacht hat, sonst hätte es für den Verein nochmal ganz drastische Strafen gegeben. Wenn das Spiel abgebrochen worden wäre, wäre es noch mehr eskaliert.“
Mitten in die Hektik rein sei dann der damalige Stadionsprecher Stefan Schneider zu ihm gekommen mit der Idee in die Kurve zu gehen: „Er hatte die Hoffnung, dass man da vielleicht noch was retten könnte. Schon auf dem Weg wusste ich, dass das nichts wird. Ich habe in die Menschenmenge geschaut und da war wahnsinnig viel Wut, Hass, Enttäuschung und Verzweiflung“, erzählt Bierofka.
Trotzdem habe er versucht, den Dialog mit den Fans zu suchen, aber ohne Erfolg: „Dann ist es halt komplett eskaliert. Das war ein bisschen blöd die Situation und dann bin ich irgendwann weggezogen worden von den Polizisten.“
„Das war eine Stimmung wie auf einer Beerdigung“
Wenige Minuten später wurde das Spiel dann abgepfiffen und der Abstieg der Löwen stand fest: „Das war eine ganz komische Situation.“
„Die nächsten Stunden waren so, dass du komplett leer warst. Die ganzen Spieler sind dann einfach gefahren“, erinnert sich Bierofka: „Ich war noch oben im Hospitality-Bereich. Da hast du sehr viele weinende Menschen gesehen. Die Pressesprecherin hat dann noch in meinen Armen geweint. Das war eine Stimmung wie auf einer Beerdigung, das war einfach furchtbar.“
Nur wenige Tage später kam dann die nächste Schockmeldung. Hassan Ismaik drehte den Geldhahn zu und die Lizenz für die dritte Liga war futsch: „Die Insolvenz war ja noch lange nicht abgewendet, denn der Verein war ja eigentlich in dem Moment erstmal tot, selbst der Start in der Regionalliga war unsicher. Das ist vielleicht auch das, was die Leute oft vergessen, wie kritisch die Situation war.“
Bierofka blieb seinem Herzensverein dennoch treu und führte 1860 als Trainer und Kaderplaner direkt wieder in die dritte Liga. Auch das passt zu seinen Löwen: Auf das größte Tief der Vereinsgeschichte, folgte schon ein Jahr später wieder ein Hoch.