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Bayerns Vorsprung ist peinlich für den Rest

Bayerns Vorsprung ist peinlich für den Rest

Der FC Bayern nimmt in Leverkusen erneut einen Herausforderer übel auseinander. Das muss ein Ende haben, findet SPORT1-Kolumnist Tobias Holtkamp.
Machtdemonstration des FC Bayern! Gegen Verfolger Bayer Leverkusen führt der Rekordmeister bereits zur Halbzeit mit 5:0.
Tobias Holtkamp
Tobias Holtkamp
von Tobias Holtkamp

Auf den Gängen der DFL-Zentrale in Frankfurt, das ist zu hören, herrscht aktuell eine seltsame Atmosphäre. Der scheidende Chef, Christian Seifert, ist noch da, bis zum 31. Dezember. Aber große Zukunftpläne schmiedet weder er noch einer der Häuptlinge unter ihm. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Als „Verwaltermodus“ beschreibt ein Mitarbeiter den aktuellen Zustand - und es ist ja ehrlich gesagt auch nicht verwunderlich, dass größere strategische Entscheidungen aktuell nicht mehr getroffen werden. Wohl schon seit einigen Monaten herrsche, so heißt es, eine Art „planerischer Stillstand“.

Im Januar beginnt Seiferts Nachfolgerin Donata Hopfen, auf die und deren positive Art, Dinge anzupacken und mit klarem Plan voranzutreiben, sich viele freuen. Trotzdem kreist in manchen Büros auch die Sorge vor Veränderung, vor zu viel Aufbruchstimmung, die am Ende die eine oder andere gemütlich eingerichtete Komfortzone kosten könnte.

Der Bundesliga-Apparat war in den vergangenen Jahren nicht nur und eben auch personell stark gewachsen, sondern hatte auch an Handlungs-Schnelligkeit verloren. Einige sehr gute und besondere Ansätze, die die Bundesliga auch über die Grenzen des eigenen Landes hinaus als starken Leuchtturm positioniert hätten, scheiterten nach Meinung Beteiligter vor allem an konzernartigen Strukturen.

Es gibt keine Spannung im Titelrennen

Dass Donata Hopfen viel Arbeit, aber, so sehen es auch DFL-intern viele Kollegen, vor allem eine spannende Aufgabe vor sich hat, darüber herrschen keine Zweifel. Nicht erst das 5:1 der Bayern beim punktgleichen Verfolger Bayer Leverkusen zeigte, welches ernsthafte Problem das Produkt Bundesliga mittlerweile hat: Es gibt keine Spannung im wichtigsten aller Wettrennen, dem um die Meisterschaft. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

Es gibt keinen Wettbewerb, der die Fans, oder eben Kunden, elektrisiert - und neue Fans, oder eben Kunden, dazugewinnt. Wettbewerb, der begeistert. Neunmal in Serie wurde der FC Bayern Meister.

Der FC Bayern fegte den direkten Verfolger Bayer 04 Leverkusen mit 5:1 vom Platz. In den vergangenen Jahren mussten die Bayern-Jäger immer wieder Klatschen gegen den Rekordmeister hinnehmen.
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"Zittern die Knie!" Haben die Bayern-Jäger zu viel Angst?

Wenn nun selbst im Abstiegskampf, und danach sieht es in dieser Saison aus, schon früh feststeht, welche drei Vereine die hinteren drei Tabellenplätze belegen, dann ist das Produkt Bundesliga in ganz entscheidenden Bereichen tot.

Bundesliga in Konkurrenz zu Netflix und Playstation

Daran zu arbeiten, Lösungen zu finden, wie die Bundesliga wieder zu einer Serie wird, die in Konkurrenz zu Netflix, Playstation und natürlich anderen Top-Ligen im weltweiten Sport eine bedeutende Rolle spielen kann, wie sie den harten Kampf um Aufmerksamkeit und Zeit der Zielgruppen für sich entscheiden kann, das wird die Riesen-Herausforderung der nächsten Jahre.

Wege gibt es auf jeden Fall. Die Bundesliga hat immer noch einiges zu bieten. Was ihr aber fehlt, ist die Gier, der Ansporn, eben auch mal klar formuliert, wieder mehr zu wollen. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Alle scheinen zufrieden. Die Top-Vereine mit den Plätzen hinter den Bayern, die Bundesliga mit ihrer Rolle als Nr. 3 oder 4 in Europa. Warum nicht mal wieder mutig und selbstbewusst Ansprüche formulieren, große Ziele setzen? Das muss der Weg sein. So abgedroschen es vielleicht klingt, so viel Wahres ist aber auch dran: Nur wer groß denkt, kann auch Großes erreichen.

Großer Vorsprung ist nicht Bayerns Problem

Der Vorsprung des FC Bayern, in ja nahezu jeder Hinsicht, ist peinlich für den Rest - aber er ist nicht das Problem des FC Bayern. Die andere Vereinen müssen endlich Wege finden, ebenfalls draufzupacken. Wirtschaftlich, personell, strategisch, sportlich. Raus aus alten Vereinsdenkweisen, rein in moderne Unternehmensstrukturen. Auch da kann und muss die DFL unterstützen.

Dass Borussia Dortmund zum Beispiel einen kommenden Fußball-Superstar wie Erling Haaland erkannt hat und dann auch verpflichten konnte, für die Bundesliga, und eben nicht der FC Bayern, das muss Ansporn und Anreiz sein für alle Mitbewerber. Auch Weltfußballer Robert Lewandowski war keine Bayern-Entdeckung, sondern kam über den BVB auf die Bundesliga-Bühne.

Die Bundesliga kann sehr viel erreichen, wenn sie zukünftig entschlossen handelt. Einfallsreicher, schneller, mutiger und eben klüger als andere. Die Zukunft ist eine große Chance - wenn man sie als das erkennt.

Tobias Holtkamp, der Autor dieses Textes, war in der Chefredaktion von Sport Bild und Chefredakteur von transfermarkt.de. Heute berät er Sportler und Marken in ihrer inhaltlichen und strategischen Ausrichtung. Für SPORT1 schreibt Holtkamp als Kolumnist die wöchentliche „Bundesliga-Kolumne“.

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