Anzeige

Muss Hernández ins Gefängnis?

Muss Hernández ins Gefängnis?

Lucas Hernández muss am Dienstag vor dem Madrider Strafgericht erscheinen. Er wird dann dazu aufgefordert, eine Haftstrafe anzutreten. Gibt es noch einen Ausweg für den Bayern-Star?
Seit Mittwoch ist klar: Bayern-Star Lucas Hernández droht eine Haftstrafe wegen Missachtens eines Kontaktverbots! Doch wie kam es überhaupt dazu?
Lukas von Hoyer
von Lukas von Hoyer
14.10.2021 | 23:52 Uhr

Es wird ernst für Lucas Hernández.

Am kommenden Dienstag muss der Starspieler des FC Bayern vor dem Madrider Strafgericht 32 erscheinen. Dort wird ihm dann aller Voraussicht nach eröffnet, dass er innerhalb von zehn Tagen eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten antreten muss. Immerhin: Die spanische Justizvollzugsanstalt dürfte er sich aussuchen.

Ein Sprecher der Madrider Justiz erklärte der Süddeutschen Zeitung, dass es tatsächlich ein rechtskräftiges Urteil in dem Fall gebe. Dieser hat seinen Ursprung in einem Vorfall von häuslicher Gewalt aus dem Frühjahr 2017 - nach einem Streit mit Hernández‘ damaliger Freundin Amelia de la O.

Daraufhin wurde ein beidseitiges Kontaktverbot verhängt, welches durch die Flitterwochen der beiden, die sich wieder versöhnt hatten und heute zusammen als Eltern eines Sohnes in München leben, gebrochen wurde. (Bericht: Der skurrile Fall Hernández)

Lucas Hernández am 21. Februar 2017 bei seiner Anhörung wegen häuslicher Gewalt
Lucas Hernández am 21. Februar 2017 bei seiner Anhörung wegen häuslicher Gewalt

Für den Fall der häuslichen Gewalt zahlte Hernández eine Geldstrafe und leistete 30 Sozialstunden ab. Die Hinwegsetzung über die richterliche Anordnung des Kontaktverbotes führte nun aber zu der Gefängnisstrafe. Doch muss Hernández diese Haftstrafe tatsächlich antreten?

Messi und Ronaldo kamen mit Bewährungsstrafen davon

Zunächst einmal ist Hernández nicht der erste Fußballer, der Probleme mit der spanischen Justiz hatte. Durch Fälle von Lionel Messi und Cristiano Ronaldo ist die Fußball-Welt in dieser Hinsicht abgestumpft. Die beiden Superstars liefen Gefahr, eine Gefängnisstrafe wegen Steuerhinterziehung antreten zu müssen. Aber beide kamen mit einer Geld- und Bewährungsstrafe davon.

Zuletzt wurden die beiden spanischen Fußballer Sergi Enrich und Antonio Luna zu jeweils zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, nach dem sie ein Sex-Video ohne das Einverständnis einer dritten Person geteilt hatten.

Hierbei muss man wissen: Grundsätzlich werden in Spanien alle Haftstrafen von bis zu zwei Jahren zur Bewährung ausgesetzt. Auf jeden Fall dann, wenn die jeweilige Person sich noch nichts zu Schulden kommen lassen hat.

Und genau da liegt das große Problem, das Hernández nun zum Verhängnis werden könnte. Der 25-Jährige ist bei der spanischen Justiz nämlich kein Unbekannter.

Hernández ist kein Ersttäter

Die Anwälte von Hernández haben bereits versucht, den Richterspruch in eine Geldstrafe und Bewährungsstrafe umzuwandeln. Dieser Einspruch wurde aber am 5. August dieses Jahres abgelehnt. Der Grund: Hernández ist bereits rechtskräftig verurteilt worden.

Das geht auch aus dem aktuellen Urteil hervor, welches der Bild vorliegt: „Im vorliegenden Fall sind die rechtlichen Bedingungen nicht gegeben, um Lucas Francoise B.H. die Aussetzung zu gewähren, da er kein Ersttäter ist. Es existieren zwei rechtskräftige Urteile (...) wegen häuslicher Gewalt mit Körperverletzung, was erlaubt zu folgern, dass die Vollstreckung der Strafe notwendig ist, um die künftige Begehung neuer Delikte durch den Verurteilten zu vermeiden.“

Zu der Entscheidung, die Strafe nicht auf Bewährung auszusetzen, führte wohl auch, dass Hernández in einem Prozess Ende 2019 den Schuldspruch des Richters (zu eben jener sechsmonatigen Haftstrafe) bei „vollem Bewusstsein“ und mit „absolutem Hohn“ quittiert haben soll. So steht es im Urteil vom Dezember 2019.

Gibt es noch einen Ausweg für Hernández?

Das Urteil ist rechtskräftig und steht unmittelbar vor der Vollstreckung. Das größte Problem von Hernández ist, dass ihm die Zeit davonläuft.

SPORT1 kontaktierte mehrere Rechtsanwälte und Rechtsanwältinnen mit Schwerpunkten im spanischen Recht, um eine Einschätzung im Fall Hernández einzuholen. Diese wollten den komplexen und außergewöhnlichen Fall aus der Ferne nicht beurteilen. Klar ist, dass es kaum ähnliche Fälle gibt.

Nahezu sicher ist unterdessen auch, dass die Anwälte des Fußball-Profis Einspruch gegen das Urteil einlegen werden, oder das bereits getan haben. Dann würde der Fall vor das spanische Landesgericht gehen. Dabei gibt es aber ein Problem: Die einschlägigen Gesetze in Spanien sehen keinerlei Fristen für eine Entscheidung über derartige Anträge vor. Das bedeutet, dass Hernández nach jetzigem Stand auch dann in Haft müsste, wenn Berufung eingelegt wurde, es aber nach der Frist von zehn Tagen noch kein Urteil des Landesgerichts gäbe.

Hernández‘ Anwälte werden aller Voraussicht nach darauf plädieren, dass er bis zu dem Urteil auf freiem Fuß bleibt. Er kann zudem noch auf eine Abänderungsklage und das Justizministerium hoffen. Die Chancen darauf sind aber schlecht einzuschätzen und hängen von und ganz von dem Ermessen der Richter und Staatsanwälte ab. Zwei verschiedene Richter und die Staatsanwaltschaft haben über die Haftstrafe entschieden.

Das Urteil vor dem Landesgericht würde unterdessen nur dann gekippt werden, wenn das dieses eine Fehleinschätzung der vorherigen Instanz feststellen würde. Um beim Fußball zu bleiben, würde es womöglich dem Prinzip des Videobeweises entsprechen, bei dem eine klare Fehlentscheidung des Schiedsrichters vorliegen muss. Hernández dürfte hierbei aber einen Trumpf im Ärmel haben.

Mittlerweile lebt er mit Amelia nämlich zusammen, hat einen Sohn und ein sicheres privates wie auch berufliches Umfeld. Wenn Letztere Kriterien gegeben sind, empfiehlt das spanische Verfassungsgericht auf kurze Haftstrafen in Gänze zu verzichten.

2018 kommt es zwischen Lucas Hernández und seiner Frau Amelia Llorente zum handfesten Streit. Warum beide nach 31 Sozialstunden doch noch unter die Haube fanden.
01:31
Ohrfeigen und Vegas: Die bizarre Story von Hernández und seiner Frau

„Wahrscheinlicher, dass er ins Gefängnis muss“

SPORT1 erfuhr, dass eine Entscheidungsfindung des Landesgerichts oft Monate in Anspruch nimmt. Eine Entscheidung in wenigen Wochen ist unüblich, eine Entscheidung noch während der zehntägigen Frist wäre noch überraschender. Es könnte sogar der Fall eintreten, dass ein Urteil erst nach der sechsmonatigen Haft verkündet wird.

Es könnte also sein, dass Hernández zunächst in Haft muss, im Falle einer für ihn günstigen Entscheidung der nächsthöheren Instanz jedoch kurzfristig wieder auf freien Fuß kommt. Im schlimmsten Fall jedoch müsste er die sechs Monate komplett absitzen.

Es sei „wahrscheinlicher, dass er ins Gefängnis muss, als dass er es nicht muss“, zitiert die L‘Équipe eine Quelle aus Justizkreisen.

Was bedeutet der Fall Hernández für den FC Bayern?

Der FCB reagierte bisher so: „Das sind private Dinge von Lucas Hernandez, die ich nicht bewerte“, sagte Präsident Herbert Hainer am späten Dienstagnachmittag bei einer Medienrunde anlässlich der Eröffnung des neuen Clubhauses „1900″ am Bayern-Campus. „Er geht nächste Woche da runter und dann wird verhandelt. Und dann sehen wir weiter.“

Die Münchner, die den Weltmeister von 2018 im Sommer 2019 für die Rekordsumme von 80 Millionen Euro von Atlético Madrid verpflichtet hatten, werden Hernández „selbstverständlich“ unterstützen.

Hernández‘ Berater war für eine Stellungnahme für SPORT1 nicht erreichbar. Dem Spieler war im öffentlichen Training am Dienstag nichts anzumerken war.

Klar ist: Am darauffolgenden Dienstag wird Hernández dann aber nach Madrid reisen müssen. Das Problem: Am Mittwoch steht für den deutschen Rekordmeister ein Auswärtsspiel in der Champions League bei Benfica Lissabon an. (Champions League: Benfica Lissabon - FC Bayern München ab 21 Uhr im SPORT1-Liveticker).

Theoretisch dürfte es der Abwehrspieler rechtzeitig nach Portugal schaffen. Nach SPORT1-Informationen ist es jedoch derzeit wahrscheinlich, dass die Bayern bei der Partie auf Hernández verzichten werden.

Sollte dann der schlimmste Fall eintreten – Hernández müsste die Haftstrafe von sechs Monaten komplett absitzen – dann könnte der Verteidiger nicht vor April 2022 wieder für den FC Bayern und die französische Nationalmannschaft auf dem Rasen stehen. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Lucas Hernandez ist der Königstransfer der Bayern. Auf dem Platz soll er für Glanzlichter sorgen, aber auch neben dem Platz hat der Franzose einiges zu bieten.
01:24
Amelia Lorente - Auf diese Spielerfrau dürfen sich die Bayern-Fans ab Sommer freuen

Alles zur Bundesliga bei SPORT1: